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Predigt am Sonntag, 12. Maerz 2017 - Pfrin. Kirsten Müller-Oldenburg

Mt 12, 38-42

Liebe Schwestern und Brüder,
Gott, schick mir ein Zeichen – wenn dies der richtige Weg für mich ist, dann wirst du mir es zeigen. Wer kennt nicht diese Bitten, die besonders Kinder oft stellen.
Menschen suchen nach Zeichen – Zeichen der Bestätigung, dass es Gott wirklich gibt, dass sie auf ihn vertrauen können. Danach sehen sich viele.
Doch selbst wenn ihnen ein Zeichen gegeben wird, wenn sie eines erhalten – erkennen sie es? Hilft es ihnen zu glauben? Oder versickert es in dem großen Meer aus Unsicherheit und Zweifel, verhallt im Nichts?
Kann ein Zeichen wirklich Glaube bewirken?
Eine Frau, die ihrem Mann misstraut und immer wieder nach Zeichen seiner Liebe sucht, nach einer Bestätigung, dass er wirklich zu ihr steht, die wird die vielen Signale der Zuwendung nicht wahrnehmen und das eine kleine Missverständnis wird schwerer wiegen als alle Zeichen der Liebe. Wo kein Vertrauen und keine Hoffnung sind, da werden Beweise nicht helfen. So ist es auch mit unserem Glauben. Ich verstehe alles, was geschieht  immer auf dem Hintergrund meiner Grundhaltung dem Leben und dem Glauben gegenüber. Ich muss also nicht nach Zeichen suchen, sondern meine Vertrauensfähigkeit stärken.

Auch die Pharisäer und Schriftgelehrten kommen zu Jesus mit der Bitte um ein Zeichen.

Text

Jesus versteht die Anfrage der Pharisäer und Schriftgelehrten. Er weiß, dass diese in Wahrheit nicht um ein Zeichen bitten, weil sie sich sehnen nach der Antwort und der Gewissheit, so wie es eine Frau tut, die sehnsüchtig auf Antwort wartet, auf eine Erhörung ihrer Gebete. Jesus sieht diesen Schriftgelehrten ins Herz. Und er weiß, dass ihr Trachten ein böses ist. Gerade sie, die immer dastehen als die Rechtgläubigen, diejenigen, die sich an alles Gebote und Gesetze halten und ein gottesfürchtiges Leben führen, ausgerechnet sie stellen diese Frage nicht, weil sie in ihrer Beziehung zu Gott eine Antwort ersehnen und brauchen, sondern weil sie Jesus auflauern, nach Beweisen suchen dafür, dass er nicht recht hat. Ausgerechnet die, von denen man denken würde, dass sie besonders auf Gott hören und nach seiner Botschaft suchen, ausgerechnet die sind in sich selbst verkrümmt und ihr Herz ist voller Niedertracht und zerstörerischer Fixierung auf die Frage, wer Recht hat. Sie haben längst die Richtung verlassen, in der ein Mensch zwischen Himmel und Erde lebt. Wenn wir an den vergangenen Sonntag denken, da haben wir uns klar gemacht, was Sünde ist: nämlich eine Bewegung von Gott weg. Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die eigentlich besonders nach einer Bewegung zu Gott hin ausgerichtet sein müssten, sind längst aus der Bewegung zu Gott hin herausgefallen und haben sich in die Bewegung der Abwendung von Gott begeben. Schlimmer noch: Sie sind gar nicht mehr in der Vertikalen. Sie bewegen sich nur auf der horizontalen Ebene, im Kampf auf der zwischenmenschlichen Ebene, im Streit um die Wahrheit und sind  damit aus der Beziehungsebene zu Gott herausgefallen.

Wie geht Jesus nun damit um, dass diese ihm also eine Art Falle stellen, eine Fangfrage, nicht aus dem echten Bedürfnis nach einem Zeichen heraus, sondern um ihn zu prüfen?
Zunächst lehnt er ab.
Es wird kein Zeichen geben. Im Evangelium nach Markus belässt er es sogar dabei. Kein Zeichen, Punkt. Schluss. Ende der Diskussion. Man sieht ihn förmlich die Augen rollen über so viel Unverstand und Niedertracht. Und dann steigt er in sein Boot und fährt wieder hinüber. Er lässt sie einfach stehen, hat gar keine Lust, sich mit ihnen überhaupt auseinanderzusetzen.

Hier, bei Matthäus, setzt er etwas hinzu, eine Art Rätsel.
Man hat fast den Eindruck, er tut dies, um ihnen doch noch den Hauch einer Chance zu geben, sich umzukehren. Er gibt ihnen ein Rätsel auf, als Zeichen, dass sie es entschlüsseln und sich dann doch noch auf den rechten Weg besinnen können. Erkennen, dass Jesus von Gott gesandt ist und dass Gott das Gute für die Menschen will.

Ehrlich gesagt, die Matthäus-Version passt besser in mein Bild von Jesus, der niemanden aufgibt und auch seinen größten Feinden noch die Chance gibt, umzukehren und zurück zu finden zum wahren Glauben. Selbst denen, die sich selbstsicher und stark fühlen und ihn in eine Falle locken wollen, selbst denen gibt er noch eine Chance.

Und mehr noch: mit dem Rätsel, mit dieser Rede von dem Zeichen, wendet er sich nicht nur an die Fragenden, sondern auch zugleich an uns. Auch wir wünschen uns oft ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Gott wirklich allmächtig ist. Warum, wenn er allmächtig ist, lässt Gott zu, dass ein geliebter Mensch krank wird? Warum gibt es das Leid auf der Welt? Könnte Gott das nicht verhindern? Wenn Luisa, die wir heute taufen, größer wird, dann werden solche Fragen auch von ihr kommen. „Wenn dein Kind dich morgen fragt“, so heißt es im 5. Buch Mose, was antwortest du?
Spätestens durch unsere Kinder werden wir auf diese Grundfragen unserer Existenz hier in dieser Welt gestoßen und zwar so, dass wir nicht mehr drum herum kommen, nach einer Antwort zu suchen, die wir auf diese geben können. Nach einer Antwort, die uns wirklich einleuchtet.
 
Und er spricht die Worte von den drei Tagen des Propheten Jona im Bauch des Wales.
Seine Zuhörer kennen natürlich die Geschichte von Jona.
Er sollte nach Ninive gehen, in die Stadt, in der die Menschen nur Böses tun. Jona ist entsetzt. Dorthin will er auf keinen Fall! Das sind noch nicht mal Israeliten, das sind total Fremde! Wieso soll er denen von Gott erzählen? Wieso sollte Gott ihn ausgerechnet zu denen senden? Wieso sollte denen Gnade zuteil werden?
Er will den Auftrag nicht erfüllen und denkt, wenn er einfach mit dem Schiff ans andere Ende der Welt fährt, dann lässt Gott ihn in Ruhe und er muss nicht nach Ninive. Doch ein Sturm kommt auf, Jona geht über Bord. Ein Wal nimmt ihn in seinen Bauch auf und bringt ihn zurück ans Ufer, natürlich wird Jona genau vor die Füße der Stadt Ninive gespuckt und erkennt, dass er seinen Auftrag erfüllen muss. Halbherzig geht er in diese Stadt der Chaoten und Verbrecher und kündigt ihnen also an, dass sie umkehren sollen, sonst wird ihre Stadt zerstört werden. Als die Menschen in Ninive überraschender Weise tatsächlich komplett umkehren, ihre Taten bereuen und ein neues Leben beginnen, ist Jona alles andere als begeistert. Er kann ihnen nicht vergessen, dass sie böse waren. Ihm liegt es völlig fern, ihnen zu verzeihen. Kann ein Mörder, der im Gefängnis erkennt und bereut, wirklich ein neues Leben beginnen? Wir kennen diese Geschichten aus den Todeszellen in den USA. Verzeiht Gott ihm?

Die Leute von Ninive sind umgekehrt. Gott hat ihnen verziehen und sie verschont. Jona schmollt. Ausgerechnet diese gottlosen Gesellen werden zu einem Zeichen radikaler Umkehr zu Gott…

Und Jesus setzt noch einen drauf. Er spricht nun von der Königin von Saba, einer Frau, die von weit her einen langen, beschwerlichen Weg durch die Wüste auf sich genommen hat,  weil sie von der Weisheit König Salomos gehört hatte und wissen wollte, was es damit auf sich hatte. Wie die Leute von Ninive, ist sie jemand Fremdes, keine Israelitin, und kommt ganz von außen. Sie folgt dem Ruf und auch sie ist uns ein Vorbild im Glauben. Sie scheuit den langen Weg durch die Wüste nicht. Es geht nicht schnell und ist nicht einen Mausklick entfernt, sondern sie macht sich auf eine Reise, um die Botschaft hören zu können. Beschwernisse schrecken sie nicht und sie ist offen für das gute Wort, dass sie dann auch empfängt.

Ob die Pharisäer und Schriftgelehrten also das Zeichen verstanden haben oder nicht, ob ihnen das Rätsel Jesu etwas gesagt hat oder nicht, das spielt für uns, die wir heute an diesem Sonntag hier zusammen sitzen keine Hauptrolle. Für uns ist die Frage wichtig: Was sagt dieses Rätsel uns? Welchen Schluss ziehen wir darauf, dass die Leute von Ninive sich rufen ließen und ihr Leben änderten, welche Bedeutung hat es für uns, dass eine Königin von Saba sich auch durch Wüstenwege tapfer weiterkämpfte, weil sie tief in sich eine kleine Ahnung spürte, dass es sich lohnt, weil eine gute, befreiende Botschaft auf sie wartet?

Das ist das Zeichen: Wie Jesus leidet, wie er stirbt, wie er in alledem
Gott nicht versteht und doch festhält am Vertrauen zu ihm.
Wer Jesu Leiden und Sterben ernsthaft anschaut, kann der Frage
nicht ausweichen: ist dies nicht eben das, wonach ich mich sehne?
Ein Vertrauen, das auch im Angesicht von Leid und Tod nicht zerbricht?
Sollte nicht auch ich es damit wagen?

Nun ließen sich viele Geschichten erzählen. Von Menschen, die dieses
Wagnis eingegangen sind. Die im Leiden und Sterben den Glauben an den Gott der Liebe durchgehalten haben. Die dadurch für andere
zu Zeichen geworden sind. Andere verlockten, es ebenfalls mit diesem
Glauben zu wagen. Über die Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers berichtet
der Lagerarzt: »Niemals hat mich ein Tod so sehr erschüttert wie
dieser: Als ein Mensch voll gesammelten Gottvertrauens die Treppe
zum Galgen betrat.«
Aber es kann auch ganz schlicht alltäglich sein. Wenn etwa eine junge Frau erzählt: »Meine Oma war ein einfacher Mensch. Sie hat
unendlich viel Schweres durchgemacht. Aber in alledem hat der
Glaube ihr Halt gegeben. Bis zum letzten Atemzug. Was gäbe ich
darum, wenn ich ebenfalls so einen Glauben haben könnte!« – Wenige
Jahre später folgt die junge Frau dem Lockruf des Glaubens ihrer Oma;
sie beteiligt sich am Leben der Kirchengemeinde und findet etwas, das sie erfüllt.

»Für den Glauben an den Gott der Liebe und dass ich sein Bote bin, erhaltet ihr keinen Beweis«, sagt Jesus. »Denn der Glaube erwächst nicht aus Beweisen. Aber ihr erhaltet ein Zeichen: Ihr werdet sehen, wie ich leide und sterbe und doch der Liebe Gottes vertraue. Das kann euch helfen, es ebenfalls mit diesem Vertrauen zu wagen.« Nun wirbt die Predigt von Jesu Tod und Auferstehung bei uns um Vertrauen. Sie drängt sich nicht mit Beweisen auf. Wir können sie mit einem Achselzucken abtun. Oder möglicherweise die wunderbarste Erfahrung unseres Lebens machen.

Amen.

Quelle: Göttinger Predigtmeditationen III/2 2017

Lesepredigten der VELKD 2016/17

 


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