Zurück zur Homepage   Schreiben Sie uns eine mail!  

 

Zurück zur Übersicht "Predigten"
Predigt am Sonntag, 09. August 2015 - Pfrin. Kirsten Müller-Oldenburg

Lk 19, 41-48

Liebe Schwestern und Brüder,
als Jesus nach Jerusalem kommt, kommt er in das strahlende Zentrum Israels. Hier stand der Tempel, hierher war Jesus als
12jähriger zum ersten Mal mit seinen Eltern gereist, um das Passahfest zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten zu feiern.
Hier war er damals einfach im Tempel geblieben, um mit den Schriftgelehrten über die Schrift zu diskutieren und im Haus seines
Vaters zu bleiben.
Als er einzieht, begrüßen ihn die Menschen wie einen König, sie breiten ihre Mäntel aus auf der Straße, wedeln mit Palmzweigen
und rufen „Hosianna“!

Die Stadt liegt vor ihm in all ihrer Schönheit, mit ihrem pulsierenden Leben – doch Jesus weint.
Unser Gott ist einer, der Mensch geworden ist. Unser Gott ist einer, der weint. Nein, wir haben keinen strahlenden Helden mit
Muskeln und bewaffnet bis an die Zähne, der golden glänzend in Bronze gehauen und aufgestellt werden kann in Siegerpose.
Wir haben keinen herrschenden Richter, der andere richtet und verurteilt.

Sondern unser Gott ist einer, der in Jesus Mensch unter den Menschen geworden ist, in dem das Wort Fleisch wurde, der unbewaffnet
kommt, der weint und dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist. Er weint nicht um sich, sondern er weint um die Menschen. Jeden
einzelnen von ihnen. Er weint, weil er spürt, dass viele unfähig sind, ihn zu verstehen, ihn zu erkennen, sich retten zu lassen.
Er verurteilt diese Menschen nicht, er zaubert sie auch nicht alle in Freunde um, sondern er weint um sie. Er verurteilt uns nicht,
sondern er weint um uns. Jesus lässt sich berühren, er ist einer, der wahrhaft mitleidet, dem wir nicht egal sind.

Und wenn wir diese Zeilen des Predigttextes hören, dann schwingt auch eine langjährige Auslegungstradition mit, die uns leider
gar nicht in die Tradition des Nachfolge Jesu stellt. Lange war es üblich, diese Bibelstelle so zu deuten, dass das Volk Israel, das
den Messias nicht erkannt hat, das ihn sogar abgelehnt hat, von Gott bestraft werden würde. Nur einige Jahre später wurde der
Tempel nämlich zerstört, und heute steht nur noch die Klagemauer, die wir kennen.

Gerechte Strafe Gottes, so hat man es ausgedeutet.
Doch so einfach ist es nicht, das wissen wir aus vielen anderen Bibeltexten: so einfach lässt sich das Leid nicht erklären. Spätestens
seit der Geschichte von Hiob, dem gottesfürchtigen Mann, der mit Leid über und über geschlagen wurde, wissen wir: nicht so wie
ich tue so ergeht es mir bei meinem Gott. Sondern Gott ist einer, der meinem Leid nicht distanziert und gleichgültig gegenübersteht.
Jesus ist einer, der wirklich mitfühlt, dem das Leid der anderen wirklich zu Herzen geht. Er steht nicht vor den Flüchtlingsströmen und
sagt: Wir können nicht alle aufnehmen, irgendwann muss Schluss sein. Punkt. Und ich kann da auch nichts machen, die Weltpolitik
müsste sich ändern. Jesus lässt sich anrühren von den Augen derer, die in Not sind, und er spürt die Ohnmacht dieser Situation, er
benennt sie und er weint darüber.

Dieses Mitweinen Jesu tröstet uns. Er lässt uns nicht allein und wir sind ihm nicht egal, auch wenn wir in die Irre laufen und so
etwas wichtiges wie die Ankunft des Messias und das rettende Handeln Gottes nicht erkennen. Vielleicht deswegen ist dieser
heutige Iarelsonntag mit diesem Text kurz nach dem jüdischen Tag der Erinnerung an die Zerstörung des Tempels gewählt, worden,
dem 26. Juli. Eine Legende besagt, wenn am Vorabend dieses Tages die Menschen an der Klagemauer stehen und weinen, so
steigen ihre Tränen hinauf in den Himmel und schließen ihn auf. In der nächtlichen Dunkelheit setze sich darauf eine weiße Taube,
so eine wie Noah aus der Arche aufsteigen ließ, auf die Mauer und begleite Israel in seinem Erinnern. Diese Legende ist von der
Hoffnung getragen, dass Gott die Klagen seines Volkes hört und es tröstet. Und so wird am Sabbat darauf auch aus dem Propheten
Jesaja gelesen: „Tröstet, tröstet mein Volk spricht euer Gott.“ Denn unser Gott ist einer, der mitweint, der tröstet und befreit, der
die Klagen seiner Volkes in der Knechtschaft in Ägypten erhört hat.

Statt auf die anderen zu schauen und sie zu beurteilen, sollten wir lieber uns sagen lassen, was Jesus uns damit mitteilen will.
Wenn ich mit einem Finger auf die anderen zeige, also hier auf das Volk Israel, das Jesus nicht erkannt hat, dann zeigen drei Finger
auf mich selbst zurück. Wie bei allen alten Sprichwörtern steckt auch in diesem eine spannende Wahrheit. Habe ich ihn denn erkannt?
Lasse ich mich vom Evangelium berühren?

Worüber würde Jesus bei mir, bei uns weinen? Und auch: Welchen Anlass geben ihm seine Kirchen heute, wütend zu werden und in
den Vorhöfen des Tempels zu stehen und zu schimpfen: „Mein Haus soll ein Bethaus sein, ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht!“? 
Nicht Gold, Macht und Einfluss soll in den Kirchen das Zentrum sein, würde er uns wohl sagen. Ihr beschäftigt euch mit Mitgliederbindung
und Haushaltsvolumen, sorgt euch um den Erhalt eurer zu vielen Gebäude und vergesst darüber, dass es Bethäuser sein sollen und
Lehrhäuser, Orte der Zusammenkunft in denen ihr euch um das Wort versammelt! Ihr seid als Christen gerufen, das Evangelium zu
leben. Und eigentlich müsste das doch ganz einfach sein. Was das höchste Gebot ist, hat Jesus uns gesagt. Liebe Gott den Herrn und
liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ganz einfach. Zwei Dinge stehen gleichberechtigt übrigens nebeneinander: die Liebe zu Gott,
das Gebet zu ihm und die Beschäftigung mit dem Glauben und die tätige Nächstenliebe, die wir gerne auch als Nummer zwei ein
bisschen in die zweite Reihe stellen und vernachlässigen.

Doch auch wir können mitweinen und auch wir können die Dynamik der Wut Jesu mitspüren. Auch wir können uns anrühren und
aufrufen lassen zu einem Leben in der Fülle, die Gott jedem von uns schenken will. Auch wir haben Ohren zu hören und Augen zu
sehen.
Wenn wir heute diese zwei Kinder taufen, dann sind sie für uns wie Blüten am Mandelzweig unseres eigenen Glaubens. Sie erinnern
uns daran: auch ich bin getauft und auch mit mir macht Gott einen neuen Anfang. Auch mit ruft er in ein Leben in Fülle, so wie er es
mit Benno und Marie tut. Wenn wir sie in die Gemeinschaft der Kirche aufnehmen, dann soll ihnen damit geschenkt werden, dass
sie Jesus kennen lernen dürfen, dass sie von ihm freundlich an der Hand genommen und durchs Leben begleitet werden. Dass
sie von ihm sich berühren lassen sollen, von den Geschichten der Bibel angerührt und zu einem Leben mit Sinn und voll Liebe zu
Gott und den Menschen geführt werden sollen. Als Christen dürfen wir alle uns von Gott reich beschenken lassen: wir dürfen uns
anrühren lassen, uns immer wieder von solchen Texten wie dem heutigen hinterfragen und zum Denken anstoßen lassen. Wir sind
reich beschenkt und dürfen dies auch weiter geben.

Ja, Jesus hat geweint und ja, Jesus war auch wütend. In ihm wurde Gott ganz Mensch. Und hat uns gezeigt, wie wichtig wir ihm
sind. Das ist es, das gute Evangelium, das wir auch weitergeben dürfen an unsere Nächsten.

Amen.
 

 


Zur Übersicht Predigten
Zum Seitenanfang.


© Copyright für Text und alle Bilder by Ev.-Luth. Kirchengemeinde Eisingen-Kist-Waldbrunn
Am Molkenbrünnlein 10, D-97249 Eisingen