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Predigt am Sonntag, 28. Juni 2015 - Vikar Knut Cramer

Predigt zu Lk 6,36-42 gehalten am 04. Sonntag nach Trinitatis (28.06.2015) in der Philippuskirche in Eisingen

Lasst uns in der Stille um den Segen für Gottes Wort beten. STILLE
Gott, gib du uns ein offenes Herz für dein Wort und ein gutes Wort für unser Herz. Amen.

Das Predigtwort für den heutigen Sonntag steht im 6. Kapitel des Lukasevangeliums. Die Verse 36 bis 42. Es handelt sich um eine ganze Reihe von kleinen Sprüchen, die Jesus gesagt haben soll. Frau N. N.  wird im Laufe der Predigt kurze Abschnitte lesen und ich kommentiere sie dann. So soll so ein lebendiges Nachdenken entstehen, fast eine Art Gespräch zwischen Jesus und mir. Allerdings ist das folgende Ich in der Predigt in erster Linie ein exemplarisches Ich. Es könnte auch für Peter Meyer, Holger Schmidt oder Maximilian Schneider stehen.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, liebe Gottesdienst feiernde Gemeinde,

Jesus sagte dem Volk damals und uns heute:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Unser Vater im Himmel ist barmherzig. Gott hat Erbarmen. Er zeigt Mitleid. Gut, dass dies am Anfang steht. Aber es gibt gleich einen Zusatz. Ich soll ebenso barmherzig sein wie Gott. Ich soll Erbarmen haben, Mitleid zeigen.
Habe ich Mitleid mit denen, die aus Afrika nach Europa wollen?
Mitleid mit denen, die an der Krise in Griechenland leiden?
Mitleid mit denen, die in Würzburg vom Flaschenpfand leben?
Manchmal tun mir die Leute leid, aber ist dies schon Mitleid. Ich glaube, das hat Jesus nicht gemeint.

Weil Gott barmherzig ist, soll ich barmherzig sein.
Eine schwere Aufgabe! Häufig denke ich zuerst an mich, an meine Zeit und an dem, was ich nötig habe. Dabei verschulde ich durch meinen Lebensstil und meiner Bequemlichkeit, dass es im Pazifik 2060 das Inselatoll „Kiribati“ mit 100.000 Einwohnern nicht mehr geben könnte. Die Inseln liegen dann, weil der Meeresspiegel ansteigt, unter dem Meer.
Vielleicht fällt es dem „Öko-Papst“ leichter barmherzig zu sein. Er ist schließlich reich. Da kann er mehr abgeben. Ob er mit seiner Enzyklika zu einem Umdenken anregen kann? Erstmal will ich hören, was Jesus noch zu sagen hat:

Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.

Damit komme ich besser zu recht: Mich stören die Menschen, die alles besser wissen. Ich denke so nicht. Ich richte nicht. Es stört mich, wenn jemand sagt, dass andere selber schuld sind: In Griechenland ist zu viel Bürokratie.
In Afrika liegen alle nur in der Hängematte.
In China herrscht Kommunismus.
Einige denken so simpel. Für die ist es klar, dass die Weltwirtschaft sich nicht schneller entwickelt. Viele verstehen die Welt.
Und ich? Manchmal ertappe ich mich, dass ich auch so denke: Einfach und in Schemata. Und dann richte ich ja auch die, die so denken. Richte ich doch? Darüber will ich irgendeinmal weiter nachdenken. Erstmal weiter…

Verurteilt nicht, so werdet ihr nicht verurteilt.

Jemanden verurteilen. Wie gesagt, ich dachte immer, ich sei kein Richter. Das betrifft mich nicht. Oder doch? Wie schnell habe ich ein Bild von jemandem im Gedächtnis und werde es nicht los:
Die langsame Verkäuferin an der Käsetheke;
der unsympathische Bankkaufmann; der mir nur noch eine Versicherung anbieten will, die ich gar nicht brauche;
der Handwerker, der zu viele Arbeitsstunden abrechnet;
der fremdenfeindliche Onkel.
Habe ich dann nicht doch schon ein Urteil gesprochen. Urteilen kann so schnell gehen. Es fängt schon an, wenn ich jemanden reduziere. Das Thema hatten wir ja gerade schon. Ich bin gespannt auf das nächste Wort von Jesus, ich will wissen, wie ich anders sein kann.

Vergebt, so wird euch vergeben.

Vergebung. Ein ähnlich schweres Wort wie Barmherzigkeit. Allerdings stolpere ich nur in dieser Predigt über dieses Wort. Bei jedem Vaterunser spreche ich es dagegen leicht aus. In dem Gebet sage ich Gott, dass ich demjenigen vergebe, der bei mir in der Schuld steht. Allerdings weiß ich gar nicht, ob ich das wirkliche tue. Ich will gar nicht immer vergeben. Manchmal bin ich auch nachtragend. Ich kann mich auch aufregen; richtig wütend werden. Menschen, die ihre Arbeit nicht gründlich manchen, stören mich. Menschen, bei denen alles lange dauert. Das kann mich nerven und den Groll trage ich dann mit mir herum. Dann hilft es auch nicht, einfach ein Vaterunser zu sprechen. Das ist dann nicht dran. Innerlich sage ich: „Jesus, manchmal stören mich deine Imperative, deine Befehle! Und trotzdem will ich weiter hinhören, weil ich denke, dass du viel zu sagen hast.“

Gebt, so wird euch gegeben.

Dass fällt mir schon leichter. Das passiert ja ganz automatisch. Ich gebe dem Staat meine Steuern, ebenso wie der Kirche und ich spende auch monatlich. Das ist ganz einfach. Weh tut mir das nicht. Und dann bekomme ich auch noch etwas zurück. Das sagt Jesus hier, oder? Gut, damit kann ich leben. Allerdings wirkt die Botschaft auch recht simpel: Was ist mit Bedürftigen, denen es schwerer fällt abzugeben? Reicht eigentlich die Menge, die ich abgebe?
Meinem Land geht es gut. Es nimmt so viele Steuern ein wie nie zu vor. Es muss anscheinend abgewogen werden zwischen der Verantwortung für andere und dem Blick auf mich selbst. Wie schwierig richtiges Handeln ist, zeigt sich in der momentan europäischen Krise. Gerne würde ich mit dir nur über dieses Thema ein Gespräch führen, aber für heute ist uns noch mehr aufgegeben:

Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

Gott bemisst großzügig. Jeder letzte Winkel seines Messbechers wird gefüllt. Auch den Teil, der neben dem Messbecher fällt, gesteht er mir zu. Ich sehe aber schon wieder einen Nachsatz „Jesus, du sagst du mir wieder, wie ich mich verhalten soll. Ich soll ebenso großzügig sein.“ Will ich das wirklich? Mein Besitz ist mir wichtig und meine Zeit noch wichtiger. Sonntagabend ist es mir wichtig, Tatort zu schauen. Dann will ich keinen Besuch. Der kann an jedem anderen Tag kommen, nicht am Sonntag. Dann schaue ich Tatort. Mein Maß sagt: 6 Tage stehe ich zur Verfügung, am 7 Tag ruhe ich. An diesem Maß lasse ich mich gerne messen. Vielleicht können Gott und ich uns darauf einigen. Endlich mal ein Spruch, der mir wirklich zusagt. Das stimmt mich fast dankbar. Jetzt bin ich gespannt, was mir der Predigtabschnitt noch zu sagen hast:

Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

Das ist ebenfalls verständlich. Das ist wie, wenn ein Besoffener einen Betrunkenen im Auto nach Hause fährt. Wahrscheinlich werden sie beide im Straßengraben landen.(unten 1)
Blinde, Besoffene und auch viele andere brauchen jemanden der einen anleitet. Jeder Mensch braucht einmal jemanden, der ihm zur Seite steht. Alle sind alle irgendwann einmal bedürftig und angewiesen auf sichere Wegweisung. Ich frage mich, wem ich dann vertrauen kann. Wer leitet mich, wenn ich es nötig habe?
Viele sind davon ausgegangen, dass hier die Gemeindeleitung angesprochen werden soll. In unseren lutherischen Gemeinden ist das der Kirchenvorstand mit dem Pfarrer. Die sollen nüchtern sein und sehen können. So fällt die gesamte Gemeinde nicht in eine Grube bzw. in den Straßengraben. Ich möchte zufrieden zu Jesus sagen: „Jesus, dass kann ich als weises Wort besser annehmen.“ Eine kluge Leitung ist wirklich wichtig: Ansonsten kann weder eine Firma überleben, noch eine politische Kommune noch eine Kirchengemeinde. Und wenn eine Leitung falsch handelt, dann entwickelt sich eben wenig oder nichts. Dann geht es nicht voran. Auch Schuld kann eine Firma, eine Kommune oder auch eine Kirchengemeinde lähmen. Bestechung und Korruption z. B. kann letztlich Leitung und Angestellte in den Ruin führen. Die doch zuerst etwas moralisch wirkenden Sprüche, ergeben schon Sinn, muss ich eingestehen.
Für heute sind uns noch zwei Sprüche vorgegeben. Jetzt bin ich neugierig:

Der Schüler steht nicht über dem Meister; wenn er in der Lehre voll ausgebildet ist, so ist er wie sein Meister.

Das ist auch verständlich. Klar, wenn ich die gleiche Ausbildung durchlaufen habe – ich ergänze – und die gleiche Praxiserfahrung gesammelt habe, dann kann ich so viel wie mein Meister. Das musst du mir nicht gesagt werden. Wenn ich allerdings tiefer ins Evangelium hineinblicke, dann entdecke ich Rangstreitereien. Schon unter deinen 12 Jüngern ging es ziemlich bunt zu. Anscheinend wollten viele Meister sein. Einer wollte höher sein als der andere. Aber Jesus spricht nur von Gleichheit. Ein Schüler kann seinen Meister nie über­trumpfen. Damit wird es schon wieder schwerer. Denn häufig denkt einer, dass er es doch besser kann, als ein anderer. So einfach wie gedacht ist wohl auch dieser Spruch nicht.
Das letzte Wort von Jesus, ein kleines Gleichnis, geht in eine ähnliche Richtung:

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Dazu fällt mir ein Gedanke eines Teenager ein: „Balken im Auge? Das geht ja nicht! Der muss ja richtig reingerammt sein. Ist ein „Brett vor dem Kopf“ gemeint?“ (unten 2) Das könnte passen. Wer ein Brett vorm Kopf hat, ist dumm und sieht nur den Splitter im Auge des Bruders und sein eigenes Brett nicht.

Ich soll mich nicht zu wichtig nehmen. Ich soll zuerst mich anblicken. Meine Fehler, meine Schwächen und auch meine Sünde sehen und dann sehe ich auch mein Gegenüber anders. Wenn ich heute etwas aus deinen Worten gelernt habe, dann dieses. Die Worte Jesu sind schwer und doch wieder leicht. Sie zeigen mir meine Verfassung. Jesus zeigt mir, dass ich Sünder bin. Das erkenne ich aus seiner Lebensweisheit. Ich erkenne meine Grenzen, meinen Egoismus, meinen Blick zu mir selbst.

Gut, dass ich mit Jesus darüber reden kann. Jesus kommt mit meinen Anfragen zurecht. Das ist mein Trost. Jesus ist mir gegenüber sogar barmherzig, vergibst mir. Schenkt mir voll ein, bis das Maß überfliest.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Fussnoten:
Zu 1) Idee fast wörtlich übernommen von Barié, Helmut. Predigtstudie Teil B zum 4. Sonntag nach Trinitaits über ebendiesen Predigttext. In: Kruschke, Peter u. a. (Hg.): Predigtstudien für das Kirchenjahr 1985. Perikopenreihe I – zweiter Halbband, Stuttgart 1985, S. 150.

Zu 2) Auch diese Idee ist aus der Predigtstudie von Barié, Helmut, S. 149, (siehe Fußnote 1) wörtlich übernommen.

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