Zurück zur Homepage   Schreiben Sie uns eine mail!  

 

Zurück zur Übersicht "Predigten"
Predigt am 21. Dezember 2014 - Finissage - Fürchtet Euch nicht - Dekanin Dr. Edda Weise

Predigt für den vierten Advent, 21.12.2014, um 10.00 Uhr in Eisingen anlässlich der Finissage der Ausstellung „Fürchtet euch nicht“ von Björn Hauschild


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes Gottes beten.
Lesung 2. Korinther 12,1-9.
Der Herr segne an uns sein Wort.


Liebe Gemeinde!
Wohlstand und Reichtum umgeben uns wie eine schützende Mauer. Es geht uns gut. Unsere Wohnungen sind behaglich
und mit vielen Dingen ausgestattet, unsere Kleider sauber und meistens neu, unsere Kinder – so wir welche haben –
werden optimal gefördert. Wir achten auf unsere Gesundheit, auf ausgewogene Ernährung und Bewegung, gerne auch im
Fitnessstudio . Wir fahren in Urlaub und gehen ins Theater und an Weihnachten schenken und spenden wir gerne. Wir leben
sicher und bequem. Für die, die es nicht schaffen, gibt es einen Sozialstaat mit einer beeindruckenden Leistungspalette.
Freilich hat das seinen Preis. Gerade die Sonntagszeitungen und Feuilletons beschäftigen sich gerne mit diesem Thema: Die
Arbeit wird immer mehr verdichtet, es muss viel geleistet werden. Die Technik macht uns jederzeit und überall erreichbar.
Das Smartphone ist der Gegenstand, den viele Menschen am Morgen als erstes und am Abend als letztes in den Blick nehmen.
Wir entfremden uns von der Natur, wir haben immer weniger Kinder, aber immer mehr Autobahnen und Gewerbegebiete.
Unsere Beziehungen werden beliebiger und unsicherer, unsere Senioren finden sich oft in tiefer Einsamkeit vor. Wir sind auf
radikale Weise Individuen geworden, einzelne Wesen, manchmal Vereinzelte.
So kriecht manchmal die Angst in unsere bequeme und sichere Welt, gerade wenn in der Ostukraine die Separatisten schießen
und im Nahen Osten ein Islamischer Staat mit Terror und Vertreibung Furcht und Schrecken verbreitet.
Da sitzen wir dann und vertrauen mit bangem Herzen auf die Mauer aus Wohlstand und auf Deutschland als auf einen starken
Staat mitten in Europa. Alles wird unternommen, damit das auch so bleibt, Freihandelsabkommen, Förderung des Wachstums,
gute Beziehungen zu China, vorsichtiges Taktieren in Richtung auf Russland zu. Persönlich geht es dann um eine gute Altersvorsorge
und um ein gutes, selbstbestimmtes, interessantes Leben.
Darauf ist man heute stolz, auf dieses gute, selbstbestimmte, interessante Leben, auf dauernd neue, gute Entscheidungen, die
einen zu einer sicheren, starken Position führen, in der man selbst bestimmt, wie es mit einem weitergeht, mit welchen Menschen
man künftig sein Leben teilt, wie man leben und wie man am Ende auch sterben will. Das Ideal ist der junggebliebene, unabhängige,
selbstbestimmte, leistungs- und entscheidungsfähige Mensch.
Seine Farbe wäre vielleicht türkis, grün und silbergrau in einem ruhigen, stetigen Fluss, nicht so rot, weiß, schwarz in wilder
Bewegung und wolkiger Form, aus der sich noch ein Kreuz erhebt. Starkes, wildes Wirken umgibt das Kreuz, ein bohrendes,
nachdrückliches Ineinander von Farbe und Form.
Das ist der Weg zur Freiheit. Der Weg zur Freiheit führt durch meditierendes, kreisendes Nachdenken hindurch, durch Versenkung
und Begegnung mit Gott. Auch durch die Arbeit Gottes am Menschen, sein Wirken an ihm.
Damals und bei den Leuten, unter denen Paulus lebte, war es nicht die sichere Mauer aus Wohlstand und Reichtum, Entscheidungsfreiheit
und Individualität, die das Ziel war, sondern der außergewöhnliche Zugang zum Himmlischen, zum Jenseits, die Schau hinüber in die
andere Welt, Ekstase und besondere Offenbarung. Das machte stark und sicher mitten im Römischen Reich mit seinen vielen Tempeln
und Kulten. Paulus dagegen mit seiner Rede von einem gekreuzigten Gott - was war das in so einem Rahmen, dürftig die Botschaft,
der Redner wenig eindrucksvoll.
Da kontert Paulus: Ekstase, alles schon gehabt, bis in den dritten Himmel und ins Paradies, bis zum Hineinhören in den Lobgesang
der Engel. Dieser Mensch, der kann mithalten bei allem, was euch so sicher macht, worauf ihr euch verlasst, wessen ihr euch rühmt.
Aber es nützt alles nichts, es ist nichts, dessen man sich rühmen kann, nicht einmal etwas, was man selbst herbeiführen kann. Es mag
ein schönes Geschenk sein, von Gott gegeben, aber es ist nichts, worauf man stolz sein kann. Manche bekommen es, manche nicht.
Nichts zum Festhalten, um sein Leben und seine Existenz darauf aufzubauen.
Paulus hat gelernt radikal zu sein, radikal und frei von solchem Wettrennen um den Ruhm der höchsten und sichersten Mauer. Gott hat
es ihn gelehrt. Erst hat Gott ihn aus der Bahn geworfen, der auferstandene Christus ist ihm in den Weg getreten und hat ihn, den Verfolger
seiner Gemeinde, zu Fall gebracht. Nicht durch Macht oder Gewalt, sondern durch eine Erkenntnis. Paulus wurde offenbart, dass der, den
er als einen falschen Propheten und Verführer verfolgt und dessen Anhängern er nachstellt, dass dieser der Sohn Gottes ist. Paulus wurde
die Herrlichkeit Gottes auf dem Antlitz des gekreuzigten Christus gezeigt. Seine Bestürzung darüber muss unendlich tief gewesen sein. So
viel Eifer und so daneben. Schon da wird sein Leben auf einen ganz anderen Grund gestellt: Christus, der Gekreuzigte, er allein ist Maßstab
und Wegweiser.
Alle Ekstase verliert vor diesem Maßstab und dieser Wegweisung an Gewicht. Sicherlich, auch Paulus wurde besonderer religiöser Erlebnisse
gewürdigt. Aber ihm wurde ein Pfahl ins Fleisch gestoßen, ein Stachel quält ihn, der Engel des Satans schlägt ihn, damit er sich nicht überhebe
angesichts dieser Erlebnisse. Leiden und Mühsal begleiten seinen Weg. Sie sind kein Selbstzweck, nicht dass er eben eine ordentliche Portion
Leiden aushalten muss, weil das Leben ein Jammertal ist. Nein, Leiden und Mühsal schenken ihm die andere Seite der geistlichen Einsicht,
sozusagen die Rückseite der Ekstase und der Würdigung mit besonderer geistlicher Schau: Paulus erkennt durch die Mühsal und das Leiden,
dass er sich nur auf Gott, auf seine Gnade verlassen kann. Gottes wirkt in ihm und durch ihn, obwohl er ein Verfolger der Christen war, obwohl
er ein mit zahlreichen Fehlern und Schwächen ausgestatteter Apostel ist. Gott wirkt in ihm und durch ihn, weil er ein gnädiger Gott ist: „Lass dir
an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Gnade, das heißt, dass Gott an Paulus festhält, dass der gekreuzigte Christus die einzige Sicherheit ist, die es im Leben gibt. In Christus hat sich Gott entschlossen, in und mit schwachen Menschen zu wirken, sie zu seinen
Nachfolgern zu machen, durch sie auf Erden tätig zu sein, seinen Namen und seine großen Taten verkündigen zu lassen. Gott hat sich auf die
Schwachen festgelegt und schenkt ihnen diese Sicherheit. Am Kreuz hat er das besiegelt. Da hat er sich in tiefer Solidarität zu den Sündern und
Übeltätern in die Hände der Menschen ausgeliefert, um Erlösung und Hoffnung zu schaffen.
Das schenkt Freiheit. Gott wirkt in den Schwachen und gibt sich selbst in seinem Sohn als Sicherheit. So radikal macht sich Paulus auf den Weg
mit Gott, als Schwacher, aber mit Gottes Gnade stark.
So wie Schwarz und Rot und Weiß miteinander ringen und wirken und ein Kreuz auf sich haften haben. So hat Paulus in einem intensiven, sein
Leben tief zeichnenden und verändernden Prozess erkannt und erfahren, dass seine Sicherheit an dem gekreuzigten Christus, an der Gnade
Gottes hängt, dass in seiner Schwachheit Gott mächtig sein will.
Das schenkt Freiheit, weil ein solcher Mensch keine andere Sicherheit braucht, keine Mauern aus Wohlstand und Reichtum oder aus religiöser
Ekstase und besonderen Erfahrungen.
Paulus hat so gelebt, seine Briefe und die Apostelgeschichte sprechen davon.
Aber wir – ist das nicht den Mund zu voll genommen, wenn wir sagen, das gilt für uns: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft i
st in den Schwachen mächtig“?
Können wir uns überhaupt in so einem wilden Ringen um Erkenntnis und Gottessuche wiederfinden in einem Wirbel und Wirken von Schwarz
und Rot und Weiß und mit einem auf uns haftenden Kreuzeszeichen?
Es ist immerhin ein Angebot Gottes. Ein Angebot, die Risse in den Mauern unserer Sicherheit nüchtern ins Auge zu fassen, zu sehen, dass
vollkommene Selbstbestimmung eine Illusion ist und gottverlorene Menschen schafft, die in kalter Einsamkeit und dingverliebtem Dasein
existieren. Zu sehen, dass der Preis hoch ist, sehr hoch für diese Art zu leben. Es ist ein Angebot, sich auf ihn zu stützen, auf seine Gnade,
die in unserer Schwachheit mächtig sein will.
Manch einer von uns hat sich schon auf Gottes Gnade gestützt und sich hinausgewagt, hinter den Mauern unserer Sicherheit hervor hin
zu Glauben, Vertrauen, zuverlässigen Beziehungen, Barmherzigkeit, Einsatz für Gottes Willen trotz aller eigenen Pfähle im Fleisch. Manch
einem wurde ein Blick auf die Dinge und Waren geschenkt, die sich so wichtig nehmen und uns mit solcher Wucht und Masse umgeben und
er hat erkannt, dass es nur tote Dinge sind, die gar keine Sicherheit geben. Manch eine kann davon erzählen - wie Paulus - dass die Gnade
sicher trägt und an Orte der Gottesbegegnung führt, nicht jeden Tag, aber doch immer einmal wieder, sozusagen als Kraftquell auf dem Weg.
Manchmal hat es der eine oder die andere gewagt, mit aller eigener Schwäche und allen eigenen Fehlern Nächstenliebe zu üben, vom
Auferstandenen zu sprechen, einem Betrübten Beistand zu leisten, sich der Lieblosigkeit in den Weg zu stellen.
Die Einladung ist uns zugesprochen: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Dekanin
Dr. Edda Weise, Würzburg

 


Zur Übersicht Predigten
Zum Seitenanfang.


© Copyright für Text und alle Bilder by Ev.-Luth. Kirchengemeinde Eisingen-Kist-Waldbrunn
Am Molkenbrünnlein 10, D-97249 Eisingen