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Predigt 3. Advent - am 14. Dezember 2014 - Ausstellung Fürchtet Euch nicht -

 

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

bevor wir uns gemeinsam dem Bild von Björn Hausschild zuwenden, um der darin verborgenen Gottesspur nachzugehen, sind
noch ein paar Vorbereitungen notwendig. Deshalb noch einen kurzen Moment, bevor wir dann gemeinsam unsere heutige Bildreise
beginnen.

Könnt ihr Euch noch erinnern, wie Ihr euch als Kinder die Erde vorgestellt habt? Wahrscheinlich so wie die meisten Menschen:
Als Scheibe. Dieser Eindruck drängt sich ja auch auf. Denn aus der Normalsicht eines Menschen wirkt die Erde ziemlich flach und
erstreckt sich vom eigenen Standpunkt in alle Richtungen. Genau so würde es aussehen, wenn die Erde eine Scheibe wäre.
Und tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass eigentlich alle Menschen, auch die allermeisten Erwachsenen, glaubten,
die Erde sei eine Scheibe. Und dieser tief verwurzelte Glaube hatte sehr konkrete Folgen. Noch im frühen Mittelalter wagten die
Menschen es für gewöhnlich nicht weit auf das Meer hinauszufahren, den Sie fürchteten sich vor dem Rand der Erdscheibe, an dem
das Meerwasser in die Tiefe strömt und sie in den Abgrund reißen würde. So gut wie niemand zweifelte daran. Die Menschen hatten
sich untereinander darauf geeinigt, die Erde ist eine Scheibe. Wer etwas anderes sagte wurde als Spinner verlacht.
Heute wissen wir, wie sehr sich die Menschen mit ihrem scheibenförmigen Weltbild irrten. Aber damals war die Erdescheibe für die
Menschen eine absolute Tatsache, die nicht hinterfragt wurde. Tja so kann man sich irren. Erst als mutige Seeleute mit immer größeren
Schiffen über die Ozeane fuhren, stellten sie allmählich fest, da ist kein Rand und die Erde ist keine Scheibe. Nein die Erde ist eine Kugel.
Plötzlich fiel Ihnen diese Erkenntnis wie Schuppen von den Augen und die Menschen erkannten ihren Irrtum. Und es dauerte noch viele
Generationen, bis die Weltkugel schon für die kleinsten Kinder eine Binsenweisheit ist.

Wir wollen also für unsere weitere Bildreise im Hinterkopf behalten, wie beschränkt unser Wahrnehmungsvermögen oft ist, bis uns
dann vielleicht jemand die Augen öffnet. Dann schlagen wir uns gegen Stirn, und erkennen wie vernagelt wir bis dahin waren. Wir
sollten deshalb immer wieder bereit sein, das bisher Gedachte zu Hinterfragen und bei Bedarf auch einmal falsche Wahrheiten hinter
zu lassen.

Kommen wir aber nun endlich zu dem Bild von Björn. Ich weiß nicht wie es Euch geht. Aber wenn ich mich einem abstrakten Bild eines
Künstlers in einer Galerie näher, dann sehe ich immer als erstes gar nicht auf das Bild, sondern auf den Titel. Vielleicht ist da ein Hinweis
verborgen, was auf dem Bild dargestellt ist. Und tatsächlich, Björn gibt uns im Bildtitel einen greifbaren Anknüpfungspunkt, wo unsere
Gedanken bei der Bidbetrachtung ihren Ausgang nehmen können. Von einem Erlebnis bei Damaskus ist da die Rede. Und Bibelkenner
wissen dann natürlich gleich, auf welche Geschichte der Bibel sich dieser Titel bezieht. Aber für alle, die erst noch Bibelkenner werden
wollen, sei hier ergänzt, dass sich dieser Bildtitel auf die Berufung des Apostel Paulus zum Christentum bezieht, wie Sie uns in der
Apostelgeschichte im 9. Kapitel überliefert ist. Zum besseren Verständnis sei darauf, dass Paulus vor seiner Berufung zum Christentum
den jüdischen Namen Saul trug.

Ich lese die Geschichte in der Übersetzung von Jörg Zink:
Kap 9. Vers 1 bis 9
Danach trifft Paulus in Damaskus auf den Christen Hananias der von Gott zu ihm gesandt wurde, damit er dem erblindeten Saul die
Hände auflegt und ihn segnet. Hierzu erzählt uns die Apostelgeschichte:
Kap 9. Vers 17 bis 19

An diese Berufung des Paulus vor und in Damaskus hat Björn also offensichtlich gedacht, als er dieses Bild geschaffen hat. Lassen wir
uns einen Moment Zeit das Bild in der Ruhe zu betrachten.
1 Minute Pause
Ich möchte gerne mit euch teilen, was ich in dem Bild sehe. Aber da das Bild sehr vielschichtig ist, ist das ganz bestimmt nicht das einzige,
was man sehen kann. Es ist nur meine Sicht. Aber schön wenn Ihr mir kurz auf meinem Weg der Betrachtung folgt.

Ich sehe zuallererst eine Explosion. Mit gewaltiger Kraft wird hier etwas aus seiner normalen Verankerung herausgesprengt. Aber
was ist das, was hier gesprengt wird? Es ist das gesamte, fest in Vernunft gefügte Vorstellungsvermögen des Paulus, das hier
aufgesprengt wird. Der Geist des Paulus  hat Björn hier am unteren Bildrand als großes Denkgebäude dargestellt. Ein mächtiger
Bau, gebildet aus allen Gedanken, die Paulus sich bis dahin überhaupt vorstellen kann. Außerhalb dieses Gedankengebäudes gibt
es für Paulus keine Realität, den er kann sich nichts denken, was außerhalb dieses Gebäudes liegt. Paulus wohnt innerhalb dieses
Gedankengebäudes. Er glaubt alles was darin ist, schon die ganze Welt sei. Welch Irrtum ist er da aufgesessen. Genauso wie die
Menschen des Mittelalters, die glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Genau wie diese hinterfragt Paulus diese Grenzen seines Denkens
gar nicht mehr. Er ist gefangen in seiner eigenen begrenzten Welt- und Himmelssicht.
Und da geschieht es: Gott selbst offenbart sich dem Paulus und der auferstandene, lebendige Christus selbst tritt in sein Leben und
spricht zu ihm.
Mit ungeheurer Energie, mit der Sprengkraft eines gewaltigen Lichtblitzes wird das bisher Vorstellbare im Kopf des Paulus aufgesprengt.
Die Grenzen seines bisherigen Denkens sind durchbrochen. Der Deckel, unter dem der Paulus bisher lebte, ist aufgesprengt.
Und was wird für den Paulus dahinter sichtbar, als er unter den segnenden Händen des Hananias vom Heiligen Geist erfüllt wird:
Paulus sieht durch das Sprengloch in seiner Vernunft direkt in den Himmel. Er erkennt, das Himmel und Erde ganz anders sind, als
er bis dahin irrig angenommen hatte und sein Irrtum fällt ihm wie Schuppen von den Augen. Er sieht das Gotteslicht in seinem Leben
und bekommt lebendigen Anteil am Reich Gottes. Christus selbst führt den Paulus über die Grenzen des bisher vorstellbaren hinaus
ins Reich Gottes. Der blaue Himmel, wo Gott wohnt wird für Paulus sichtbar. Paulus hat nun am eigenen Leib erfahren, wie sehr er sich
bisher irrte. Durch Jesus selbst erkennt er, das Himmel und Erde ganz anders sind, als bisher geglaubt. Jesus durchbricht die Schranken
seines bisherigen Glaubens und führt ihn in die Weite des Himmels wie er wirklich ist. Dieser weite Blick in den Himmel hat den gewandelten
Paulus nie mehr losgelassen.

Bleibt die Frage: Was ist mit uns selbst. Was ist mit jedem von uns heute im Advent 2014 hier in Eisingen. Was kann uns das Bild von
Björn für uns selbst sagen?
Mir sagt das Bild, wir leben zunächst alle in engen Grenzen unserer Vernunft, die quasi die äußere Hülle unseres Vorstellungsvermögens
darstellt. Aber Himmel und Erde zusammen sind eben viel mehr, als wir uns mit unserer Vernunft begreifen können. Damit wir Himmel
und Erde erfahren könne, wie sie wirklich sind, müssen wir das Gebäude unserer Vernunft nicht niederreißen. Aber wir müssen bereit
sein gleichsam Durchbrüche an den Grenzen unserer Vorstellungswelt zuzulassen. Durch diese Löcher in den engen Grenzen unserer
Vernunft wird die Weite des Himmels im Reich Gottes auch für uns sichtbar.
Alles beginnt dabei damit, dass wir die Begrenztheit unserer Vernunft und unseres Verstandes überhaupt einsehen. Erst, wenn wir
Glauben können, dass da hinter den Grenzmauern unserer Vernunft überhaupt ein Himmel zu finden ist, werden wir beginnen Durchbrüche
in der Grenzmauer zu suchen, so wie die Seefahrer erst dann auf das offene Meer hinausfuhren, als sie sich vorstellen konnten die Erde
sei doch keine Scheibe soindern irgendwie ganz anders.

Wer meint, die Welt bestehe nur aus dem, was er oder sie mit seinen fünf leiblichen Sinnen erfassen kann, wird sich nicht auf den Weg
ins Reich Gottes machen. Er bleibt immer unter dem Deckel seiner Vernunft gefangen und lebt eingesperrt im Inneren seines beschränkten Vorstellungsvermögens.

Und das ist aber eben die Gute Botschaft die Jesus Christus zu uns auf die Welt gebracht hat: Da ist ein Himmelreich schon jetzt hier auf
Erden. Und in diesem Himmelreich können wir auch hier schon auf Erden, als geliebte Söhne und Töchter Gottes in Seelenfrieden leben.
Aber wir müssen bereit sein über die Grenzen unserer Vernunft hinauszugehen.
Wir müssen nach unserer ersten leiblichen Geburt während unseres irdischen Lebens gleichsam noch einmal neu aus dem Geist geboren
werden. So sagt es Jesus zu Nikodemus im Johannisevangelium.

Wenn wir also der guten Botschaft Jesu ernsthaft Glauben schenken, dann müssen wir als erstes einsehen, es gibt eine Realität, die
Jesus in der Überlieferung der Bibel als das Himmelreich oder Reich Gottes bezeichnet, zu der unser Verstand gespeist über die
Wahrnehmungen unserer fünf Sinne  keinen Zugang hat. Zu dieser Realität, die keineswegs ein Hirngespinst oder eine Verwirrtheit ist,
müssen wir anderer Wege suchen. Und die Suche nach diesem Himmelreich erscheint außerordentlich lohnend, denn sie verspricht
Seligkeit und Heil mitten in unserem sonst so zerrissenem Leben.
Wenn wir dieses höchste Ziel, das wir in diesem Leben erreichen können, nämlich die Freundschaft und Liebe Gottes, erkennen, werden
wir uns wie die Hirten in der heiligen Nacht auf den Weg machen und Christus schon jetzt ganz real in dieser Welt suchen. Und Christus
wird sich nicht verborgen halten. Er will uns begegnen und uns den Weg zu zu einem Leben in Fülle zeigen.

Christus wird sich jedem von uns offenbaren, der oder die Ihn aus ganzem Herzen sucht. Christus wird, wenn er uns begegnet wegen
seiner Liebe zu den Menschen auch die Grenzen unserer Vernunft Geist aufsprengen. Er kann für jeden von uns so erfahrbar und lebendig
werden, wie er es wohl für den Paulus war, nachdem er diesem vor Damaskus begegnet war. Und ich vermute das auch Björn diesem
lebendigen Christus schon mehrfach in seinem Leben begegnet ist, sonst hätte er diese wundervollen Bilder nicht schaffen können.

Wenn wir also jetzt im Jahr 2014 auf Weihnachten zugehen und in der heiligen Nacht die Geburt Jesu Christi feiern, dann feiern wir nicht
so sehr die Erinnerung an ein Geschehen vor über 2000 Jahren im fernen Palästina.
Wir können vielmehr feiern, dass Christus in uns selbst geboren ist und lebt. Noch ist er vielleicht ganz verborgen. Aber er wartet allezeit
an unserer Herzenstür auf uns. Wenn wir den Riegel von Innen öffnen, wird er in unser Leben eintreten. Und wenn uns diese Gnade
geschieht, werden wir den Himmel erfahren, schon jetzt im Lande der Lebendigen, wie es der Psalm 27 verheißt. Wir werden den
Weihnachtsstern am Himmel als das Licht Gottes erkennen und ihm folgen.
 
Lassen wir uns nicht ablenken von all dem lauten Weihnachtsmanngeklingel, sondern folgen wir der Sehnsucht am Grunde unseres
Herzens. Denn die Warnung des schlesischen Mystikers Angelus Silesius gilt unverändert:
„Wär´ Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir: du bliebst noch ewiglich verloren.“
Geben wir uns nicht selbst verloren. Für uns ist doch so viel Heil vorbereitet, wenn wir nur wie die Hirten auf den Feldern in der Weihnacht
dem „Fürchtet euch nicht“- Ruf des Engels folgen und das Christuskind in unseren eigenen ärmlichen Herzenskrippe suchen. Das Kind wird
sich finden lassen und all unsere Irrtümer über das Wesen von Himmel und Erde, die uns soviel Angst machen, werden nach und nach von
uns Abfallen wie die Schuppen von den Augen des Paulus abfielen, als er Christus vor Damaskus begegnete.
Ich wünsche Euch allen und mir den Mut der Hirten auf dem Feld, die der Guten Botschaft des Engels glaubten und sich wider alle Vernunft
auf den Weg nach Bethlehem machten. Wenn wir Christus suchen, werden wir ihn in der Krippe unseres Herzens finden, wo es schon so
lange auf uns wartet. Und dann wird es wirklich Weihnachten sein.

Maranatha, Christus komm. 
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, 
der bewahre unsere Herzen, unser Sehen und Hören, 
unser Aufstehen und Auferstehen,
in Christus Jesus, unserem Herrn. 
Amen.

 
Lektor Axel von den Steinen

 


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