Zurück zur Homepage   Schreiben Sie uns eine mail!  

 

Zurück zur Übersicht "Predigten"
Predigt 2. Advent - am 7. Dezember 2014 - Ausstellung Fürchtet Euch nicht -

 

Lasst uns um den Segen Gottes bitten.
Gott, ich bitte dich, schenke uns ein Wort für unser Herz und Herz für dein Wort.

Beginn: Körperübung: Blick zu Boden, Kopf einziehen, Arme hängen lassen, rücken rund – hinspüren – Blick heben, in die Weite schauen,
Schultern aufrichten, Arme leicht heben, Hände öffnen, um zu empfangen, hinspüren

Text: Jesaja 35

3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
4 Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache;
Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«
5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.
6 Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der
Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.
7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ wird es mir im Evangelium heute verheißen.

Vieles in mir, was sich danach sehnt, erlöst zu werden. Ich kenne sie sehr gut, diese Sehnsucht nach Versöhnung, Heil werden, Erlösung. Wie würde sich das wohl anfühlen?
Ich schaue mich um unter den Menschen, die mir an diesem Adventssamstag entgegen kommen auf den Straßen, in den Geschäften. Gebeugt laufen sie schnell noch hierhin und dahin. Funktionieren in ihren Rollen, tun, was von ihnen erwartet wird. Auf Herbergssuche. Auf der Suche danach, anzukommen, irgendwo willkommen zu sein, irgendwo Ruhe zu finden, Erlösung, Heilung. Eigentlich irgendwie sind wir alle Flüchtige, die Heimat suchen.
Es ist das ganze Jahr ein Rennen und Schaffen, aber im Advent fällt es uns besonders auf, weil wir da einen anderen Anspruch an uns haben. Wieder ein Jahr, das zu Ende geht, und was habe ich gemacht, was habe ich für mich erreicht? Wir wollten Ruhe und Besinnung, Tee um den Adventskranz und Zeit, um  es in uns Weihnachten werden zu lassen. Aber gerade jetzt, wenn die Tage noch kürzer sind, schaffe ich es einfach nicht. Und wenn ich endlich sitze, dann stehe ich innerlich schon wieder, habe tausend Gedanken im Kopf, was ich noch erledigen muss, schreibe innerlich Listen mit Geschenkideen und Einkäufen für das Festessen, versuche, die Kosten zu kalkulieren, habe vielleicht innerlich einen Horror vor den Festtagen, weil es Streit oder Einsamkeit gibt, die unausweichlich auf mich zu warten scheinen, oder weil ich weiß, die Steuerklärung und der Jahresabschluss muss noch gemacht werden und – ach je, a propos Jahresabschluss, was machen wir eigentlich an Silvester, das müssen wir jetzt endlich mal besprechen.
Ich kaufe noch einen Kalender mit meditativen Texten für jeden Tag des Advent und nehme mir vor, jeden Tag wenigstens fünf Minuten für die innere Einkehr zu reservieren. Einen schönen kleinen Text lesen, eine Kerze anzünden.
Ich ziehe den Kopf ein und die Schultern hoch und renne weiter, weil ich es so gewohnt bin. Es fällt mir auch schwer, mich davon zu trennen, auch wenn ich mich nach etwas anderem sehne. Aber ich bin es so gewohnt, von Kindheit an, ich kenne nichts anderes. Augen zu und durch? Muss das eigentlich wirklich alles so sein? Muss ich so funktionieren, in meinen verkrusteten Gewohnheiten, in unseren althergebrachten Vorstellungen von „was sollen denn die Leute denken“ und „das gehört sich so“?
Vieles in mir, das sich nach Erlösung sehnt, nach Heil werden, nach Versöhnung.
Im Trubel der Vorweihnachtszeit, in diesen dunklen Tagen, fällt es mir manchmal besonders auf.

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Ich bin auf der Suche danach, mein ganzes Leben lang, mal mehr, mal weniger.
Gerade dann, wenn die Welt aus den Fugen gerät, wenn Donner und Brausen um mich sind, wenn alles ins Wanken gerät und Furcht um sich greift, genau dann, wenn ich eigentlich gar nichts Gutes mehr erwarte und mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern da stehe,
dann verheißt mir dieser Text: Sieh auf, erhebe dein Haupt, hebe den Kopf und schau hoch, deine Erlösung naht, auch dir, gerade dir ist der Heiland geboren.
Verändere deine Körperhaltung, geh aus dem Gebeugten, in sich Verkrümmten, aus den hochgezogenen Schultern und dem eingezogenen Kopf heraus in die ganze schöne Höhe deines Geschöpfseins und schau in den Horizont, was da wohl dich erwarten mag. Trau dich, ja, auch dir ist das Heil verheißen, auch du wirst versöhnt werden und erlöst!

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Wenn ich das Bild von Björn Hauschild anschaue, dann sehe ich darin das, was auf Erlösung wartet wie eine feste, dunkle dicke Schale. Ich stelle mir vor, wie fest und verschlossen das vielleicht vorher einmal gewesen sein könnte, was jetzt noch den Rahmen gibt.
Es war starr und dunkel, aber es hat auch den gewohnten Halt gegeben, die Festigkeit, das Bekannte. Ich bin es gewohnt, mit zusammengebissenen Zähnen und hochgezogenen Schultern durchs Leben zu gehen, zu tun, was von mir erwartet wird, zu funktionieren und alles so abzuarbeiten, wie es sich gehört.
 
Seht auf. Maria sieht auf, als der Engel ihr erscheint. Er taucht alles in ein neues Licht, er kommt wie ein Lichtstrahl in ihr Leben, wird alles verändern. Und wenn der Engel wieder geht, Jesus bleibt von nun an bei ihr. Sie wird ihn gebären, ihn in ihr Leben lassen und dabei auch ihn in sein Leben lassen, ihn wahrer Mensch werden lassen.
Dadurch verändert sich alles, unumkehrbar. Maria weiß von einer anderen Wirklichkeit, Maria hat den Engel gesehen und weiß, dass das Reich Gottes nun anbricht, dass mit diesem Kind, das geboren werden wird, alle Unterdrückung und Unterjochung, alles Leiden und alles Sehnen nach Erlösung zu Ende sein wird.
Die Schale bricht auf  und strebt nach oben. Ich öffne mich, es öffnet mich. Hell ist das, was da von oben in mein Leben kommt und bricht mich auf. Nicht nur ein bisschen, sondern es verändert total. Es geht nicht nur ein kleiner Riss durch mein Leben, sondern es bricht alles Harte, Alte vollkommen auf und verändert alles. Es schmerzt mich, weil ich alles, was ich gewohnt war und was mir bisher meinen gewohnten Halt gegeben hat, loslassen muss. Veränderung ist auch schmerzhaft, Veränderung bricht mit allem Gewohnten, Verkrusteten, das mir zwar nicht gut getan hat, aber mir auch meinen festen Rahmen gegeben hat. Wenn ich mich verändere, dann heißt das auch, dass ich den Rahmen sprenge, dass ich auf-breche zu einem sinn-vollen, er-füllten Leben.

Unser Diptychon, wird nicht nur ein bisschen aufgerissen, sondern zerteilt sich komplett. Der Aufbruch betrifft das ganze Leben, es ist nichts mehr, wie es vorher war. Der Lichtstrahl lässt auch Schatten sichtbar werden, durch ihn bekommt da Ganze eine ganz neue Tiefe. Wo Licht ist, ist auch Schatten, aber auch erst dadurch bekommt mein Leben eine Tiefe, nach der ich mich immer gesehnt habe. Erstaunlicher Weise zerfällt aber nun nicht alles in lauter Einzelteile, sondern es findet sich neu. Plötzlich taucht ein Grün auf, wie ein frischer Kern, der frei gelegt wird, ein wahres Ich, das nun zu Tage treten kann. Grün ist die Farbe der Beharrlichkeit und der Durchsetzungskraft, des Lebens und des Anfangs. Maria wird über sich hinaus wachsen. Von der unauffälligen, durchschnittlichen jungen Frau wird Maria zur unerschütterlichen Löwin, die zu ihrem Sohn hält und mit ihm seinen Weg geht, komme was wolle. Sie wird an ihrer Aufgabe wachsen und ihn in sein Leben lassen, so wie es ihm verheißen ist, mit ihm seinen Weg gehen, den er gehen muss und zu ihm halten. Für eine Mutter eine schwere Aufgabe, das alles so mitzutragen wie dieser Sohn es gehen wird.
Lebendiges Rot mischt sich in das Grün und wie ein Flügelteil mutet mir das aufgebrochene rechts oben im Bild an, das noch weiter nach oben strebt und eine Verbindung zu dem zu haben scheint, was da noch ist.

Aufgebrochen, verletzlich und bedürftig, aber zugleich stark, nicht scheu und zart, und gehalten von dem, was geöffnet wurde und was nicht verschwunden ist, sondern immer noch zu mir gehört.
Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Im Evangelium und im Predigttext wird uns ein neuer Himmel und eine neue Erde verheißen, die Wiederkunft Christi, die Herrlichkeit Gottes. Mitten im Advent stehen wir zwischen Krippe und Kreuz, wir warten auf Weihnachten, auf die Geburt und den Anbruch des Reich Gottes und als Christen im Jahr 2014 zugleich auf die Vollendung, auf die Wiederkunft Christi, auf die Vollendung dessen, was an Weihnachten angefangen hat. Wir warten auf die Erlösung, und davor muss uns nicht bange sein, wir müssen nicht verzagen angesichts der Zeichen, die geschehen, sondern wir dürfen unseren Blick heben, unsere Häupter der Verheißung entgegenrecken, uns mitnehmen lassen in dieses Leben in Fülle, das jedem von uns verheißen ist.
Amen.

 
 

 


Zur Übersicht Predigten
Zum Seitenanfang.


© Copyright für Text und alle Bilder by Ev.-Luth. Kirchengemeinde Eisingen-Kist-Waldbrunn
Am Molkenbrünnlein 10, D-97249 Eisingen