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Predigt am 30. November 2014 - Fürchtet Euch nicht - Pfrin Susanne Hötzel

Matthäus 21,1-9:
1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus
2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine
Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird
er sie euch überlassen.
4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht
(Sacharja 9,9):
5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem
Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«
6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich
darauf.
8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von
den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
9 Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids!
Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!


Liebe Gemeinde,
zweimal im Jahr hören wir diese Geschichte. Zweimal im Jahr hören wir, wie
davon berichtet wird, dass Jesus in Jerusalem einzieht. Heute am ersten Advent
ebenso wie dann am Palmsonntag, kurz vor der Karwoche und den Ostertagen.
Wir eröffnen mit diesem Text also die Adventszeit, das Warten auf den, der da an
Weihnachten kommt, in einer Krippe liegt, als Kindlein geboren. Zu Beginn der
Karwoche bekommt dieses Warten dann ein Ziel, ein Hinweis, dass Krippe und
Kreuz untrennbar verbunden sind, eben in jener Gestalt, die da auf dem Esel in
die Stadt Jerusalem hineinreitet – den wir in unseren Liedern und Texten
folgendermaßen beschreiben: "Siehe, ein König kommt zu dir", "Tochter Zion
freue dich", "Hosianna, Davids Sohn", "Sanftmütigkeit ist sein Gefährt", "ein
Gerechter und ein Helfer"...
Wenn ich diesen Text lese oder höre, dann fällt mir immer ein Wort besonders auf,
das den beschreibt, den wir erwarten: Sanftmütigkeit. Er ist sanftmütig. In dem
Wörtchen ist alles angelegt, was mit diesem Jesus auf die Erde kommt: Das Kind
in der Krippe ebenso, wie der Gottessohn, der die Menschen liebt. Der, der am
Kreuz stirbt ebenso wie der, der aufersteht. Sanftmütig. Zählt man die Wörter
unseres Bibelabschnittes – ob in der Ursprache oder in der Lutherfassung – steht
dieses Wort praktisch genau in der Mitte.
In unseren Tagen stellt sich natürlich die Frage, ob wir so einen König brauchen
können, der sanftmütig ist. Wird der sich durchsetzen können? Kann der die
Probleme meistern? Kann der den Despoten und Warlords, den Bandenchefs und
Diktatoren Paroli bieten? Braucht es damals wie heute nicht einen, der Macht hat?
Der die Kampfhähne in der Ukraine von einander trennt. Der ISIS stoppt. Der den
Steuerbetrügern auf die Schliche kommt. Den Menschenhändlern den Nährboden
entzieht.
Wer sanftmütig daherkommt, wird nicht ernst genommen, der wird doch
ausgelacht. Ein sanftmütiger König, was richtet der aus gegen gewalttätige
korrupte Systeme in dieser Welt? Wie kommt es, dass man ihn in den Stadttoren
Jerusalems so sehnsüchtig erwartete? Die Leute in den Stadttoren Jerusalems –
das waren die Bettler, die Kranken und Ausgestoßenen, das waren die, die auf
eine gerechte Rechtssprechung warteten – denn im Tor der Stadt wurde Gericht
gehalten. Die in den Stadttoren sehnten sich danach, dass endlich einer kommt,
der die Spirale aus Unterdrückung, Gewalt und Unrecht bleibend durchbrechen
konnte. Wie es der Prophet Jeremia verheißen hatte: "Ein gerechter Spross aus
dem Hause Davids", der wohl regieren sollte und das Volk Israel in seinem Land
sicher wohnen lassen würde, Recht und Gerechtigkeit aufrichten und dessen
Macht eben nicht auf Soldaten und Schwertern, nicht auf geschicktes Taktieren
und listige Manöver, sondern allein auf das Wort gegründet war, auf die
Überzeugungskraft dessen, was er sagte und tat.
Der da unter dem Jubel der Menge in die Stadt einreitet, dem eilt ein Ruf voraus:
Er könnte ein König sein, der für Gerechtigkeit sorgt, ohne dass man sich vor ihm
fürchten muss.
Spätestens hier, liebe Gemeinde, kommt dieses wunderbare Kunstwerk von Björn
Hauschild ins Spiel. Es hängt genau über mir und misst gigantische 2 x 2,46 m
und - es ergreift sofort das Herz des Betrachtenden. Es ist im wahrsten Sinne des
Wortes ein Diptychon, ein zweiflügeliges Altarbild. Es trägt den Titel: "Fürchtet
Euch nicht!". Das ist der englische Gruß, der Gruß der Engel, wenn sie sich mit
einer göttlichen Botschaft zu Wort melden. In der Bibel wird dieser Gruß - Fürchtet
Euch nicht - zweimal an zentraler Stelle gesprochen: Fürchtet Euch nicht, sagt der
Engel zu den Hirten am Feld in der Heiligen Nacht: "Fürchtet Euch nicht, ich
verkünde euch eine Botschaft, die das ganze Volk mit großer Freude erfüllt: Heute
ist für Euch der lang ersehnte Retter zur Welt gekommen... Es ist Christus der
Herr." Fürchtet Euch nicht! Das sagt ein Engel am Grab zu den Frauen, die drei
Tage nach seinem Tod nach dem Leichnam sehen wollen: "Fürchtet Euch nicht!
Ich weiß, dass Ihr Jesus sucht. Er ist nicht hier, beeilt Euch und sagt den
Anhängern von Jesus, dass er von den Toten auferstanden ist." Fürchtet Euch
nicht! Wieder werden ähnlich wie beim Einzug in Jerusalem Krippe und Kreuz,
Geburt und Grab verbunden:
Und dieses Kunstwerk weiß dies in wunderbarer Weise aufzunehmen, indem
diese Flügel zwischen Himmel und Erde schweben. Fürchtet Euch nicht!
Gigantische Flügel, denen ich mich sofort anvertrauen möchte, denn sie bieten
Raum, Schutzraum. Sie schweben beruhigend über mir, schweben über meiner
Lebenswelt, über dem, was mich bewegt, mir Angst macht, die Luft zum Atmen
nimmt, ebenso über dem, was mich fröhlich macht und mir Freude vermittelt.
Diese Flügel breiten sich aus, sie werfen einen beruhigenden Schatten, wenn die
Kirche dunkel ist, sie verkörpern eben genau dieses Fürchtet Euch nicht!, das aus
dem goldenen Zentrum hinauszuströmen scheint. Fast scheint man das Rascheln
der Federn zu hören und ihren Luftzug zu spüren.
Fürchtet Euch nicht!, diese Flügel wissen mehr – sie wissen von der himmlischen
Botschaft, die nicht unvorbereitet auf die Erde knallen kann, sie wissen von uns
Menschen und unseren Bedürfnissen. Deshalb vielleicht auch dieser blaue
Schimmer der Flügelfarbe: Blau, die Farbe, die Sicherheit, Treue, Ruhe und eine
gewisse Tiefe und Behaglichkeit vermittelt.
Liebe Gemeinde, was richten solche Engelsflügel aus gegen unsere vorfindliche
Wirklichkeit? Können sie das Böse und die Angst und die Finsternis bannen?
Was auffällt, diese Engelsflügel sind nicht makellos. Sie sehen irgendwie
mitgenommen aus – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Sie sind
mitgenommen von denen, die dieses "Fürchtet Euch nicht" in ihr Leben
hineinlassen. Sie sind mitgenommen auf der Lebensreise von den Menschen im
Stadttor Jerusalems zur Zeit Jesu ebenso wie von den Hirten auf dem Feld oder
den Frauen am Grab, sie sind mitgenommen von allen Menschen, die der
Botschaft des sanftmütigen Königs in ihrem Leben eine Chance geben. Das
hinterlässt Spuren. Diese Flügel bieten uns an, unsere je eigenen Spuren, die
dunklen wie die hellen wiederzuentdecken und uns mit unseren je eigenen
Erfahrungen zu verorten: Denn sich nicht zu fürchten, das muss man erst einmal
schaffen.
Vor ein zwei Jahren haben bei Zeit Online ein paar Theologen darüber
nachgedacht, was dieses "Fürchtet Euch nicht" und damit die Botschaft des
sanftmütigen Königs für sie ganz persönlich und heute bedeuten kann: Die
Theologin Petra Bahr sagt folgendes:
Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht vor den Weltuntergangspropheten, auch nicht vor
denen, die in Pressekonferenzen und Talkshows sitzen oder auf Kanzeln stehen. Glaubt nicht
denen, die aus jeder Krise den Super-GAU machen. Wer die Katastrophe ins Unermessliche
steigert, kann gewiss sein, dass niemand mehr etwas dagegen unternimmt. Fürchtet euch nicht
vor denen, die ihre Entscheidungen als alternativlos verkaufen. Setzt auf Urteile statt auf
Meinungen, auch wenn man euch mit schicken Inszenierungen überwältigen will. Lasst euch die
Fantasie nicht ausreden, in deren Licht vieles auch ganz anders sein könnte.
Fürchtet euch nicht vor den Berufsapokalyptikern. Glaubt denen nicht, die sich eurer Ängste
bedienen, um euch klein zu machen. Lasst euch nicht von Leuten nicht ins Bockshorn jagen, die
mit den Achseln zucken und sagen: »Da kann man sowieso nichts machen!« Der Zustand der
Welt mag beklagenswert sein. Wir Deutschen sind ja wahre Meister in prophylaktischer
Melancholie. Drohendes Unglück lauert hinter jeder Ecke, deshalb sind wir vorsorglich düsterer
Stimmung, sogar dann, wenn es jede Menge Gründe für Dankbarkeit und Freude gäbe.
Nein, sagt der Engel. Das Verliebtsein in die Angst lähmt euch. Es macht euch nicht tiefsinnig,
sondern tatenlos. Der Weihnachtsengel wäre falsch verstanden, wenn er beklemmende
Verhältnisse mit einer lässigen Flügelbewegung wegwischen würde. Fürchtet euch nicht, diese
Botschaft ist weder zynisch noch naiv. Sie macht Mut. Fürchtet euch nicht, das heißt: Schärft
euren Möglichkeitssinn. Die Botschaft des Engels ist nicht kitschig, sondern von geradezu
tollkühnem Trotz. Denn der Engel Gottes dementiert den Fatalismus. Ihr sollt nicht blind vor
Sorge werden oder den Kopf in den Sand stecken. Schaut euch nach Hoffnungszeichen um,
selbst da, wo ihr keine erwartet. Rechnet mit dem Unmöglichen: Die Liebe setzt sich durch.
Liebe Gemeinde, die Botschaft des 1. Advents ist damit klar: Fürchtet Euch nicht!,
denn heute zieht der sanftmütige König in seine Stadt ein: Vor ihm brauchen wir
keine Angst zu haben, denn dieser sanftmütige König lässt den Geist der
Gewaltlosigkeit einziehen, den Vorrang des guten Arguments. Dieser sanftmütige
König richtet uns immer wieder neu aus: Zweimal im Jahr ganz sicher, dann wenn
wir von Krippe und Kreuz, von seiner Geburt und seinem Sterben und
Auferstehen hören. Dann, wenn die Dunkelheit vom Licht der Hoffnung vertrieben
wird. Amen.
Susanne Hötzel, am 30.11.2014 in Eisingen

 

Susanne Hötzel, am 30.11.2014 in Eisingen
 
 

 


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