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Predigt / Ansprache am 23. November 2014 - Fürchtet Euch nicht - (Pastorin Dr. Simone Liedtke)

Pastorin Dr. Simone Liedtke
Referentin
Arbeitsfeld Kunst und Kultur Haus
kirchlicher Dienste Hannover
www.kirchliche-dienste.de
www.kunstinfo.net
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Ansprache zur Vernissage von Björn Hauschild: Fürchtet euch nicht
Vernissage in der Philippuskirche, Eisingen – 22. November 2014, 17:00 Uhr
Sehr verehrter Herr Hauschild,
sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Ausstellungsgäste und Kunstfreunde!

Fürchtet euch nicht!
Müde stützt er sich auf seinen Hirtenstab. Ein wachsamer Blick auf seine Herde. Alles ruhig. Die Nacht liegt wie ein dunkelblaues Zelt über den Weiden. Am Rande der Hügel erahnt er seine Kameraden und deren Schafe. Wackelige Zäune knirschen ab und zu leise im Wind. Seine Augen wollen zufallen. Doch mit einem Mal ist er hellwach. Da, am Himmel! Mitten aus dem Dunkel blitzt ein Lichtschein hervor. Gleißend. Und sanft zugleich. Ein Licht, wie er es noch nie gesehen hat. Nicht wie die Sonne, nicht wie der Mond. Kein Feuer ist damit vergleichbar. Er legt die Hand über die Augen, kneift die Lider zusammen. Er ist sich nicht sicher: Da ist doch ein Gesicht, da guckt ihn doch jemand an?! Kein Mensch, aber irgendwie doch wie ein Mensch. Wird er jetzt langsam verrückt? Zu lange allein unter Schafen? Nervös wirft er einen Seitenblick auf die anderen Hirten. Doch, doch, die sehen das auch. Sie kommen angelaufen, zeigen Richtung Himmel, ach was, fuchteln wild mit den Armen. Offene Münder, aufgerissene Augen. Er hört sie rufen. Aber er versteht nicht, was sie sagen. Einige haben sich auf den Boden geworfen, mitten in den Dreck. Legen schützend die Arme über den Kopf. Einer versteckt sich hinter dem Zaun. Netter Versuch, das Ding ist so klapprig, das wehrt nichts und niemanden ab. Höchstens ein paar dumme Schafe.
Und dann hört er sie. Eine Stimme. Nicht zu beschreiben. Übermenschlich. Aber er kann sie trotzdem verstehen. Alles verstummt sofort. Sogar die Tiere sind mucksmäuschenstill. Es ist, als gäbe es in der ganzen weiten Welt kein anderes Geräusch. Ein Schauer läuft ihm über den Rücken. Die Stimme erfüllt seinen Kopf, seinen Körper, sein Herz. "Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch eine Botschaft, die das ganze Volk mit großer Freude erfüllt: Heute ist für euch der lang ersehnte Retter zur Welt gekommen. … Es ist Christus, der Herr."

Fürchtet euch nicht!
Zwei Frauen machen sich auf den Weg. Ihr Ziel: Ein Felsengrab vor den Toren Jerusalems. Drei Tage sind vergangen, seit Jesus gestorben ist. In der felsigen Höhle hat man ihn bestattet. Schweigend gehen die Frauen Seite an Seite; die Blicke, den ganzen Körper gesenkt. Zwei traurige Fragezeichen. Ihre Herzen sind schwer von Sorgen. Trübes Grübeln in Dauerschleife. Plötzlich reißt sie etwas aus ihren Gedanken! Sie stehen stocksteif, trauen ihren Augen nicht: Ein... Engel? Er kommt vom Himmel herab, geht auf das Grab zu. Die Grabhöhle ist mit einem Stein verschlossen. Der Engel wälzt diesen Stein einfach weg und setzt sich darauf. Die Wachen, die vor dem Grab postiert sind, fallen vor Schreck in Ohnmacht. Die Frauen übrigens nicht. Der Engel spricht zu ihnen: "Fürchtet euch nicht! Ich weiß, daß ihr Jesus sucht. Er ist nicht hier… beeilt euch, und sagt den Anhängern Jesu, daß er von den Toten auferstanden ist!" Und die Frauen laufen sofort los. Wenn auch etwas wacklig, sie sind ganz benommen. Da stellt sich ihnen jemand in den Weg. Beinahe hätten sie ihn umgerannt. Sie schauen ihn an. Erst atemlos. Dann fassungslos. Es ist Jesus. Jesus selbst steht vor ihnen, als wäre nichts geschehen. Und sagt freundlich: "Seid gegrüßt!" Da sind sie ihm einfach zu Füßen gefallen, das war zuviel. Aber Jesus sagt dasselbe wie schon der Engel: "Fürchtet euch nicht! Richtet meinen Anhängern aus: Wir werden uns wiedersehen."

Fürchtet euch nicht!
Wer das sagt, der weiß: Es gibt immer einen Grund zum Fürchten. Kluge Köpfe – Philosophen, Theologen – behaupten sogar, daß uns Furcht vorantreibt: Kultur als Versuch, Furcht abzuarbeiten. Das gelingt meist auch ganz passabel. Aber Furcht, die tief im Herzen sitzt, mich hinterrücks überfällt, mich mutlos macht… Furcht, die ich spüre, wenn ich in mich hineinhorche: wie anfällig ich bin, sterblich; immer im Begriff, Fehler zu machen, mich zu verrennen, schuldig zu werden oder einsam… Furcht davor, daß es vielleicht keinen Sinn hat, was ich tue, was ich bin. Diese Furcht kann ich nicht wegarbeiten. Diese Furcht zu überwinden, ist ein Geschenk.
Ein richtig gutes Geschenk passt direkt zu mir. Ich habe es nicht schon. Und ich komme selbst nicht dran. Ein richtig gutes Geschenk ist etwas, das ich wirklich brauche. Ein richtig gutes Geschenk kommt immer unerwartet: "Damit hätte ich jetzt gar nicht gerechnet!" Die Hirten auf dem Feld. Die Frauen am Grab. Sie haben nicht damit gerechnet, daß Gott mitten unter ihnen sein könnte. Daß er sich selbst ihnen schenkt. Ja, es gibt genügend Gründe, sich zu fürchten. Aber es gibt auch einen guten Grund, das nicht zu tun: Gott hat einfach mehr Phantasie als ich! Ich habe viele Möglichkeiten, Gott hat alle. Wo meine Wege festgefahren sind, wo ich nichts mehr erwarte, da schafft Gott Neues. Gottes Geschenk an mich ist, daß ich mit ihm jederzeit neu aufbrechen kann. Raus aus der Engstirnigkeit, raus aus der Trauer, raus aus der Resignation.

Fürchtet euch nicht!
Starr vor Angst sein. Gelähmt vor Schreck. Furcht lässt mich versteinern. Wo ich mich dagegen nicht mehr fürchte, da kommt etwas in Bewegung. Da ist Leben. Etwas verändert sich, bricht auf. "Fürchtet euch nicht!" Ich höre das als Einladung aufzubrechen. "Fürchtet euch nicht!" Kommt mit auf Entdeckungstour! Das Leben hält mehr bereit, als es auf den ersten Blick preisgibt.
Mit Gott den Aufbruch wagen. Sie, lieber Herr Hauschild, haben das getan: Diese Ausstellung spiegelt Ihren eigenen Aufbruch wieder - in der Kunst und (das ist für Sie damit verbunden) im Glauben.
1959 sind Sie in Herten, im Kreis Recklinghausen geboren. Ein gebürtiger Ruhrgebietler also; aufgewachsen aber in Neustadt am Rübenberge, das lange Jahre Ihre Heimat gewesen ist. Von dort gingen Sie aber schließlich – angesichts Ihrer Werke muss man sagen: glücklicherweise – nach Berlin, um Kunstpädagogik zu studieren. Nachdem Sie ihren Meisterschüler gemacht hatten, haben Sie sich als freischaffender Künstler etabliert, zunächst noch in unserer Hauptstadt, dann sind Sie nach Eisingen gezogen: Hier leben Sie gemeinsam mit Ihrer Ehefrau und Ihren zwei Kindern. Familie… Die ist Lebenszentrum und Inspiration. Ebenso die Natur. Familie, Natur – das sind Umgebungen, in denen Ihre Kunst entsteht.
Diese ist im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig – wie das Leben selbst. Collagen, Montagen, Farbströme, die noch zu fließen scheinen. Kunst, die lebendig ist. Das sei Ihnen wichtig, sagten Sie mir: Daß Kunst keine Gestaltung ist, sondern mit dem echten Leben zu tun hat. Eben darum haben Sie sich davon entfernt, naturalistisch und präzise abzubilden. Sie schaffen in ihren Werken Erfahrungswelten, die man bereisen kann. Sie selbst sind auf einer Reise, einer Suche - nach Gotteserkenntnis, nach Gottesnähe. Ihre Werke erzählen von der Bitte an Gott: "Lasse dich finden!" Als Ausdruck dieser Bitte will Ihre Kunst ernst genommen werden, und das heißt: sie will nicht vorschnell gedeutet werden. Vielmehr fordert sie die Betrachtenden dazu auf, sich in sie zu versenken. Sie bewahrt das Geheimnis des Glaubens. Gott lässt sich nicht abbilden, nicht festhalten. Aber er lässt sich erfahren.
Ihre Kunst, Herr Hauschild, inszeniert den Aufbruch, das Auf-Brechen des Offensichtlichen. Sie zeigt eine Dimension hinter allem Vordergründigen. Bewahrt eine Ahnung davon, wie es ist, das Leben selbst zu berühren. Erzählt von Sekunden, die das Leben verändern. Flüchtige Momente, ein Wimpernschlag nur – und doch ist danach nichts mehr, wie es vorher war. Energie wird spürbar und verdichtet sich zur Hoffnung: Gott schenkt alles Leben. Und er überlässt es nicht sich selbst.

Fürchtet euch nicht!
Der Titel der Ausstellung. Ein Satz, den man in der Bibel oft lesen kann. Ich musste besonders an die Erzählungen von der Geburt Jesu, von dessen Tod und Auferstehung denken. Die Hirten auf dem Feld. Die Frauen am Grab. Auch da bricht etwas auf. Der Himmel über dem Feld – mitten in der Nacht ist es heller als am Tag. Der Stein vor dem Grab - einfach weggerollt. Zwei Erzählungen, wie Gott in Jesus Christus in die Welt kommt. Zwei Geschichten vom Aufbruch: Erst ist alles still. Dann überschlagen sich unerwartet die Ereignisse. Botschaften Gottes. Engel am Himmel, Engel am Grab. Jesus mitten im Leben, obwohl er doch vor aller Augen gestorben ist. Plötzlich bricht etwas in die Stille, in die Starre herein: Hoffnung. Das Ende der Versteinerung. Es kommt Bewegung ins Spiel. Die Hirten brechen auf: laufen zum Stall, wollen mit eigenen Augen Gottes Sohn sehen. Die Frauen brechen auf: wollen weitersagen, daß sie mit eigenen Augen Gottes Sohn gesehen haben. Zwei Erzählungen, in denen ein Satz im Mittelpunkt steht: Fürchtet euch nicht! Gott ist mitten unter uns!
Das sind meine Gedanken. Was sind Ihre, liebe Damen und Herren? Genießen Sie diese Ausstellung! Danke, lieber Herr Hauschild, daß Sie uns an Ihren Aufbrüchen in Kunst und Glauben teilhaben lassen! Ich danke auch Pastorin Kirsten Müller-Oldenburg, der wunderbaren Projektband sowie dem freundlichen und engagierten Team, daß Sie diese Ausstellung in der Philippuskirche ermöglichen und begleiten! Eine Ausstellung, die von Aufbruch erzählt. Mitnimmt auf eine Reise, eine Suche nach den Spalten in den Salzsäulen, zu denen wir erstarren, wenn wir uns fürchten. Spalten, durch die das Leben zu uns dringt. Aufbrüche, die Zeugnis ablegen von der Erfahrung der Kraft Gottes, der alles Leben schenkt.
Lassen Sie uns aufbrechen! Fürchten wir uns nicht!

Pastorin Dr. Simone Liedtke

Referentin
Arbeitsfeld Kunst und Kultur
Haus kirchlicher Dienste
Hannover
www.kirchliche-dienste.de
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