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Predigt am 24. August 2014 - 10. Sonntag nach Trinitatis = Israelsonntag (Vikar Knut Cramer)

Predigt

Liebe Gottesdienst feiernde Gemeinde!
Mir ist es wichtig an einem Sonntag, in dem unser Verhältnis zum Judentum bedacht werden soll, über einen Abschnitt zu predigen, der sowohl Christen als auch Juden ansprechen soll. Ich habe also den alttestamentlichen Predigtabschnitt für diesen Sonntag der Predigt zugrunde gelegt. Er steht im 2. Buch Mose im 19. Kapitel:

Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai.
Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.
Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen:
Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigen­tum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

Liebe Gottesdienst feiernde Gemeinde,
wir feiern heute also Israelsonntag. Wir denken allerdings nicht über den Staat Israel nach, sondern an diesem Sonntag reflektieren wir über unser Verhältnis zum Judentum. Darum will ich in der Predigt nicht die Nachrichten kommentieren, das können Journalisten besser. Im Gegenteil, ich möchte mit euch bedenken, was uns Christen dieser biblische Textabschnitt, der zuerst an das Volk Israel gerichtet ist, zusagen hat. Drei zusammenhängende Themenkomplexe möchte ich mit euch betrachten: 1. Wo begegnet uns Gott? 2. Den Bundesschluss Gottes mit seinem Volk Und 3. Die damit zusammenhängenden Zusagen. Alle dieses hängt eng mit unserer jüdischen Tradition zusammen, in der wir stehen. Nun aber keine lange Vorrede, sondern direkt ins Geschehen.

Dieser biblische Abschnitt spricht davon, dass Gott auf dem Berg Sinai ist. Dort hat er selbst sein Volk hingeführt. Wir haben gerade zusammen gesungen, dass Gott sein Volk schützt und bewahrt hat und nach der Predigt werden wir das Lied beenden. Wir werden singen, wie Gott sein Volk durch die Wüste begleitet hat. In der Wüste hat Gottes Geschichte mit seinem Volk begonnen. An einem Berg hat er sie gesammelt.

In der Wüste kann man nicht abgelenkt werden. Dort ist nichts: Kein Trubel, keine Hektik, einige würden sagen kein Leben. Dort ist nur Weite und Stille. An einem solchen Ort finden Menschen zur Ruhe. Kein Wunder, dass sich Johannes der Täufer und Jesus vor ihrem Wirken erstmal an die Grenze der Wüste zurückzogen. In der Stille lässt Gott sich finden. Wo ist deine Wüste? Wo findest du Ruhe und Gott, weil dich nichts ablenkt?

In meiner Praktikumsgemeinde in der Lüneburger Heide zündeten entweder mein Mentor oder ich abends immer zwei Kerzen aus, die in der großen Kirche brannten. Jeden Abend brannten mindestens zwei Kerzen an einer kleinen Mauer, die dort aufgebaut worden war. Stellt euch eine Mauer aus Backsteinen vor, die verschiedene Lücken hat. Einige Steine stehen quer, sodass die Hälfte hervorragt. So können gut Teelichter abstellt werden, entweder in den Lücken oder auf den hervorragenden Steinhälften. Die Kirche stand tagsüber offen und jeder konnte dort hineingehen. Sie konnte einfach betreten werden. Dort war es still und ruhig. Es war ein Ort des Gebetes und man hatte eben auch die Möglichkeit ein Teelicht zu entzünden. Jeden Abend brannten in einer Ecke in einer kleinen Mauer zwei Kerzen.

Anscheinend war irgendjemand dort Gott nahe. Ich stelle es mir wie folgt vor: Sie kam herein, sah sich um, ging langsam durchs Kirchenschiff, sah kurz auf das große Kreuz in der Kirche und ging dann zu dieser kleinen Mauer aus Backsteinen. Leise und langsam stellte sie in zwei der Lücken jeweils ein Teelicht und sprach ein leises Gebet, wahrscheinlich für jemanden anderen zuerst und dann für sich selbst. In dem Moment in der Kirche war sie Gott nahe und dann ging sie wieder.

Das Volk Israel fand Gott am Berg Sinai in der Wüste, die Frau hat Gott in der Kirche gefunden und viele Menschen sagen, dass sie Gott in der Natur begegnen. Ja, die Schöpfung erzählt von ihrem Schöpfer. Das glaube ich und erlebe ich. Beim Joggen sortiere ich meine Gedanken und manchmal fallen mir dort sogar Gedanken zur Predigt ein.

Ich glaube, seit Pfingsten finden wir Gott noch wo anders. Wir finden ihn, in uns drin. Gott schenkt uns Gewissheit, dass wir zu ihm gehören. Das sagt er uns zu und dass dieses Wort bei uns ankommt ist Wirken des Heiligen Geistes. Damit wir dies hören, kommen wir in den Gottesdienst oder lesen in der Bibel. Aus Gottes Geschichte mit uns, der Bibel, erfahren wir, Gott ist dort, wo ich bin. Dieser Gedanke der Nähe Gottes kommt aus unserem Alten Testament, also aus dem Judentum. Gott begegnet uns. Seid der Schöpfung spricht Gott zu uns. Er sucht immer wieder die Nähe mit uns. Gott ist also dort, wo ich bin, schließlich ist er in mir. Gott ist überall, weil ich überall sein kann.

Ein Mann mittleren Alters fährt morgens einen längeren Weg zur Arbeit. Er hat das Radio an. Wenn die Musik aufhört und die Werbung anfängt, schaltet er den Sender um. So auch dieses Mal, aber er stößt nicht auf andere Musik, sondern landet am Ende einer Radioandacht. Ein Segenswort wird den Hörern zugesprochen. Er spürt dieses Wort, es trifft ihn und er erinnert sich an seine Trauung, wo er auch gesegnet wurde. Er hat es gespürt, als ihm die Hände aufgelegt wurden. Es wurde ihm zugesagt, Gott bewahrt euren Bund, den ihr mit einander geschlossen habt. Der Mann ist glücklich, denn Gott hat seine Ehe wirklich geführt. Es gab Krisen, aber gegenwärtig sind seine Frau und er wirklich verliebt. Insgesamt führen sie eine zufriedene Ehe. Sie haben sich nach 10 Jahren Ehe wieder neu bewusst gemacht, wie viel Gutes sie gemeinsam erlebt haben. Sie wollen gemeinsam bis ans Ende des Lebens gemeinsam durchs Leben zu gehen. Der Mann weiß im Inneren, dass sein Eheglück von Gott kommt. Mit seinen Gedanken bei der Autofahrt ist er Gott ganz nahe.

Dass Gott uns nahe sein will, hängt eng mit seinem Bund zusammen, den er mit uns geschlossen hat. Damit bin ich beim zweiten Teil meiner Predigt.

Gott hat sein Volk den langen Weg wie ein Adler durch die Wüste geführt, damit er nun hier den Bund, den er schon mit Noah und Abraham geschlossen hatte, auf das gesamte Volk ausdehnt. Der Bund beruht hier noch auf Gegenseitigkeit: Einerseits: Ihr seid mein Volk, mein Eigentum und ich gebe auf euch Acht. Und anderseits: Ihr sollt mir dienen, mir gehorsam sein. Dieses Volk dort vor dem Berg hat einen besonderen Stellenwert. Sie sind Gottes Eigentum. Das trifft auf die anderen Völker so nicht zu. Sie stehen nicht mit Gott in einem Wechselverhältnis, sie beten andere Götter an.

Dieser Bundesgedanke ist Teil der jüdischen Theologie. Das Volk Israel weiß sich auserwählt und von Gott getragen. Für viele Juden wie Christen ist ein Gottesbeweis, dass Israel seid 1948 einen eigenen Staat hat, wo Juden ihren Glauben in Freiheit leben können. Dieser Staat, der eine paradoxe Folge der Terrorherrschaft der Nazis ist, ist ein Wunder, wenn man be­denkt, dass Juden vorher systematisch vertrieben wurden. Nur geringe Zeit nach dem Holo­caust können sie in einem eignen Staat ohne Angst vor einem Terrorregime zusammenleben. Wurde hier im 21. Jahrhundert sichtbar, dass Gottes Bund mit seinem Volk fortbesteht? Ich denke, es ist kein Frevel, dies so zu sagen: Im Jahr 1948, der Staatsgründung Israels, wurde schließlich von einigen erfahren, dass Gott doch seinem Volk treu ist. Eine falsche Konsequenz wäre es nun, die Staatspolitik der heutigen israelischen Regierung nicht zu kritisieren. Nur weil dieser Staat eine tiefe religiöse Bedeutung hat, ist seine Führung mit den gleichen Maßstäben zu messen, wie jede andere auch.

Zurück zum Bundesgedanken: Er hängt eng mit der jüdischen Religion zusammen. Wir haben diesen Gedanken adaptiert und transformiert. Auch Christen stehen in einem Bund mit Gott. Karfreitag und Ostern hat Gott seinen Bund wiederum erweitert. Er hat gesagt: Jeder Mensch kann nun in meiner Beziehung zu mir stehen und die reicht über den Tod hinaus. Auch der Tod soll meinen Bund nicht beenden. „Kommt zu mir. Ich verspreche euch ewiges Leben, kommt zu mir, seid mir gehorsam und folgt mir nach.“ So ruft Gott uns zu. Der Jude Paulus hat im Galaterbrief ausgeführt, dass es in Jesus Christus einen erneuerten Bund gibt: Nicht durch Volkszugehörigkeit, sondern durch Christus wird Bundeszugehörigkeit ermöglicht. Ein ähnlicher Gedanke findet sich übrigens auch schon bei den jüdischen Propheten in unserem Alten Testament. Schon hort heißt es, dass alle Völker eines Tages Anteil am Bund Gottes haben werden. Die Erweiterung des Bundes ist dort vorausgesagt.

Ich stehe heute also wie ein Jude in einem Bund mit Gott. Dies kann bedeuten, dass ich im Sterben, Gewissheit haben kann, dass Gott mir Angst nimmt. Gott hält mich. Wenn Menschen beruhigt sterben können und Angehörige den Eindruck haben, dass sie „alt und lebenssatt“ zufrieden sterben, dann hat Gott diesen Frieden geschenkt. Wenn Gott einmal sagt, ich bin mit dir fest verbunden, dann kann dieses Seil nicht verschnitten werden. Dann bleibt dort eine Verbindung, die nach dem Tod eines geliebten Menschen auch Klage und tiefe Trauer aushält. Wir können Gott alles mitteilen, weil wir mit ihm verbunden sind. Als Christen habe ich eine Perspektive, die über unser jetziges Leben hinaus geht.
Der erneuerte Bund der Karfreitag geschlossen und Ostern besiegelt wurde, verändert auch uns. Wir Christen sind nun Bundesgenossen und wir nennen uns wie die Juden Priester und Heilige. Mose hat dem Volk Israel übermittelt, dass Gott sie als Priester und Heilige ansehen will und gleiches ist jetzt auch uns zugesagt. Im 1. Petrusbrief wird nämlich der letzte Vers unseres Predigtabschnittes aufgegriffen. Dort heißt es:
Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.

Ihr seid Priester und Heilige und von Gott auserwählt. Ein Priester vermittelt Gottes Nähe. Er hilft, dass andere Gott erfahren. Diese Aufgabe hatte er schon im Tempel in Jerusalem und diese Aufgabe kommt uns heute noch zu. Als Teilhaber an Gottes Bund sollen wir andere Menschen zu Gott führen. Für manche ist dies eine große Aufgabe. Sie sehen diese erst erfüllt, wenn sie zu großen Menschenmengen predigen, andere tun dies, in dem sie Menschen zum Gottesdienst mitnehmen oder einladen oder eben dafür sorgen, dass in der Lüneburger Heide in einer Kirche Teelichter bereit stehen, damit dort jemand täglich zu Gott beten kann.

Dann wird uns wie dem jüdischen Volk noch zugesagt, dass wir Heilige sind. Heilige sind wir, weil wir zu Gott gehören. Nicht nur die Katholische Kirche hat Heilige, sondern auch wir. Unsere Heiligen sind allerdings nicht so fern und auch nicht verstorben. Wir selbst sind Heilige. Wir sind Heilige, weil Gott uns geheiligt hat. Heilig sein heißt rein sein. Uns trennt nichts mehr grundlegend von Gott, weil Gott uns vergeben hat. Gott selbst hat gesagt, ich brauche keine Sühne mehr, denn Jesu Tod hat ausgereicht. Ich brauche kein Opfer mehr, das Opfer Jesu am Kreuz hat ein für alle Male ausgereicht. Gott selbst hat alle Sünde weggenommen und uns zu Heiligen gemacht. Heilige sind nicht besonders gute Menschen, sondern Menschen die mit Gott leben; Menschen, die Vergebung erfahren haben. Wir sind Heilige. Jeder von euch ist ein Heiliger.

Natürlich gibt es Vorbilder im Glauben, auch solche Heilige kennen wir, aber anrufen können wir diese nicht. Und ich glaube, die besseren Glaubensvorbilder sind auch wir hier und nicht irgendwelche Größen der Vergangenheit. Wir können durch unseren Lebensstill andere auf den Glauben hinweisen. Dies überzeugt. Es ist doch schon ein Glaubenszeugnis, wenn ich den Sonntag durch einen Gottesdienstbesuch zu einem Tag des Herrn mache. Dies fällt auf. Wenn ich nach meiner Freizeitgestaltung gefragt werde und sage, ich gehe regelmäßig in den Gottesdienst, weil mir dies wichtig ist.

Weil wir also mit Gott in einem Bund stehen, sind wir Priester und Heilige. Geht doch heute mal nach dem Gottesdienst nach Hause und sage zu deinem Mann oder deinem Nachbar: „Ich bin heilig.“ Du kannst das in voller Gewissheit tun. Du bist heilig, weil Gott dich geheiligt hat. Du gehörst zu Gott. Er hat dich vergeben. Als Christen gehören wir zu Gott, wir sind sein Eigentum. Das wurde dem Volk Israel am Sinai zugesagt und das hören auch wir heute. Die ganze Bibel, beide Testamente, bezeugen es. Wir dürfen die Worte, die Mose von Gott den Israeliten brachte, auf uns beziehen. Dies geschah schon im ersten Petrusbrief und es geschieht heute hier. Wir dürfen uns gegenseitig zusagen: Wir gehören zu Gott. Wir stehen mit Gott in einem Bund. Du bist Priester. Du bist Heilige und du bist Gottes Eigentum, denn Gott hat dich angenommen. Er ist in dir. So wertvoll bist du für Gott.

Dies gibt Frieden. Einen Frieden, der höher ist als alle Vernunft; dieser Friede bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen


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