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Predigt am 4. November 2012 ( 22. Sonntag n. Trinitatis) (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Predigt

Begrüßung: Hinweis auf den inneren Widerstand gegen so Begriffe wie „Gott fürchten“ etc. im Wochenspruch, Hinweis, diesem Widerstand in den Texten, Liedern, Gebeten des Gottesdienstes nachzuspüren
Kanzelgebet
Liebe Schwestern und Brüder

1. Ich bin als Mensch immer auch Sünder:

Im grauen, regnerischen November beginnt die Zeit, in der viele von uns anfangen, mehr über sich selbst und ihr Leben nachzudenken. Sie gehen vielleicht unter dem grauen, von regenschweren Wolken verhangenen Himmel über die Felder und Wiesen, die zwischen unseren drei Orten liegen spazieren und gehen ihren Gedanken nach. Das Jahr geht bald zu Ende. Wie schnell es ging. Und schon beginnt man mit einer kleinen Bestandsaufnahme. Was hat sich verändert, was war gut, mit wem habe ich aber auch anhaltende Schwierigkeiten, wo bin ich zufrieden mit mir, wo nicht? Wenn ich ehrlich bin, finde ich einiges, was mich auch an mir selbst und meinem Verhalten nicht mag. Und ich meine jetzt nicht das Glas Wein, das ich wieder entgegen aller Vorsätze auch unter der Woche getrunken habe oder die Zigarette, die ich geraucht habe oder das vernachlässigte Walking, das ich doch einige Wochen so gut durchgezogen habe. Ich meine nicht die Dinge, die der Volksmund die „kleinen Sünden“ nennt.
Ich spreche davon, dass ich unbarmherzig mit jemandem war, dass ich einem Mitmenschen gegenüber verletzend oder ungerecht war, dass ich so mit mir beschäftigt und in meine Gefühle verstrickt war, dass ich jemand anderen weh getan und es noch nicht einmal bewusst wahrgenommen und mir eingestanden habe. Ich spreche davon, dass ich meiner Umwelt mit irgendeinem Verhalten wider besseres Wissen geschadet habe. Jeder von uns kennt diese Seiten an sich, die man lieber nicht wahr haben, die man schön reden und verteidigen möchte, obwohl ich ganz tief in meinem Innersten, wenn es einmal ruhig um mich ist und ich Zeit habe, zur Besinnung zu kommen, weiß, dass mein Verhalten da gar nicht in Ordnung war.
Jeder Mensch hat diese Seiten. Es ist eine zutiefst menschliche Erfahrung, dass ich, allen Vorsätzen zum Trotz, immer wieder fest stellen kann: es ist mir wieder passiert.
Ich bin von dem Zustand, in dem Gott mich als sein Geschöpf eigentlich geschaffen hat, vom Ebenbild Gottes, vom Leben im Einklang mit Gott, meinem Nächsten, mit der ganzen Schöpfung und auch mit mir selbst, immer wieder entfernt. Entfremdet könnte man auch sagen. Immer wieder erlebe ich mein Leben als unvollkommen. Immer wieder hab ich keinen Zugang zu der Fülle des Lebens, die mir als Gottes Geschöpf eigentlich zuteil werden soll. Immer wieder erlebe ich mich isoliert, beziehungslos, neidisch. Diese Entfremdung hat viele Gesichter, aber immer hat sie damit zu tun, dass meine Beziehung zu Gott, zu meiner Mitwelt und zu mir selbst gestört ist. Sie kann sich in Hochmut und Selbstüberschätzung äußern, in einem Sein-wollen-wie-Gott des Menschen, der seine Macht missbraucht und babylonische Türme bauen will. Sie kann sich im Gegenteil auch darin äußeren, dass ich meine Fähigkeiten nicht nutze, dass Angst oder Scham mit davon abhalten, etwas aus meinen Begabungen zu machen, und gerade bei Frauen äußert sich diese Entfremdung darin, dass sie ihr Selbst verleugnen, sich so sehr zurück nehmen, dass sie bald gar nicht mehr zu sehen sind. Und heutzutage äußert sich diese Entfremdung der Umwelt gegenüber vielleicht sogar weniger in einem aktiven schlechten Handeln als in einem passiven Verharren, in einem Nichts-dagegen-tun, in einem Sich-nicht-einmischen. Diese Entfremdung kann man also nicht nur bürgerlich-individuell als falsches Verhalten des Einzelnen verstehen, sondern kollektiv als ein Teilsein einer Herde, die als Ganzes komplett träge in die Irre läuft. Wie auch immer ich diese Entfremdung im Einzelnen gewichten möchte, eine Grundlinie ist zu erkennen: Alles, was meine Beziehungen stört, entfremdet mich davon, das geliebte Geschöpf Gottes zu sein.

2. „Sünde“ – ein umstrittener Begriff, aber ein vertrautes Phänomen

Die Theologie hat einen Begriff dafür: sie nennt dieses Phänomen „Sünde“.
Text: Röm 7, 14ff - Anknüpfung an den inneren Widerstand
Den Begriff „Sünde“ hab ich bisher noch gar nicht gebraucht für diesen Zustand, in dem wir uns immer wieder wiederfinden. In der Kirchengeschichte wurde mit diesem Begriff viel Unfug getrieben und das hat dazu geführt, dass viele Menschen schon sich die Nackenhaare sträuben, wenn sie dieses Wort nur hören. Müsst ihr in der Kirche immer den Menschen als armen Sünder hinstellen? Da kommt man in den Gottesdienst und kriegt erst mal vorgeknallt, dass man ein Sünder ist. Viele Pfarrer haben darum auch selbst ein schlechtes Gefühl, zu Beginn jedes Gottesdienstes erst mal das sogenannte „Sündenbekenntnis“ zu sprechen, wie es auch bei uns üblich ist. Sollen wir wirklich den Menschen, die da zu uns kommen, erst mal sagen: du bist Sünder? Machen wir ihnen damit nicht Angst, unterdrücken wir sie damit nicht, stülpen wir ihnen damit nicht etwas über? Sollte man diesen Teil nicht einfach weglassen, weil er nicht mehr zeitgemäß ist, weil er an die Zeiten erinnert, in denen man auf Knien die Treppen hochrutschen und um Vergebung bitten musste?
Nein, das sollte man nicht. Das wäre jammerschade und würde sozusagen das Kind mit dem Bade ausschütten. Vielleicht haben sie, wenn sie über die vergangenen drei Jahre bei mir im Gottesdienst waren, auch festgestellt, dass sich bei mir die Formulierungen im Eingangsteil des Gottesdienstes verändert haben und immer wieder auch verändern werden. Dieses Thema: Denen, die da kommen, vom Sündersein zu sagen, ist auch für mich eine Klippe an der ich immer wieder stehe. Denn auch wenn ich es theologisch verstehe, so kann ich dies nicht von jemandem verlangen, der einfach so, ohne Vorwissen, in unseren Gottesdienst kommt. Unser Glaube ist inzwischen, da er nicht mehr so im Alltag des Abendlandes gelebt wird wie früher, nicht mehr allgemein verständlich. Eine Zeitlang habe ich mit einem entfalteten Kyrie versucht, die Menschen mit hineinzunehmen, dann fehlt aber das vertraute Sündenbekenntnis mit eigener Beteiligung der Gemeinde. Seit kurzem hab ich von meiner Kollegin Dr. Anni Hentschel die Formulierung „Gott sei uns Menschen gnädig“ übernommen, weil dies den ganzen Menschen mit seinem Sündersein inbegriffen vor Gott stellt. Das gefällt mir. Der Mensch ist ganz Sünder, und er ist auch noch mehr als das.
Wenn ich das ganze Phänomen weglasse, unerwähnt lasse, dann wird es damit nicht aus der Theologie entfernt und auch nicht aus den Erfahrungen unseres Menschseins. Es würde nur nicht mehr benannt und könnte dann seine böse Macht noch ungehinderter im Unbewussten entfalten. Dann würde ich erst recht noch diese Angst des Menschen vor der Sündhaftigkeit, vor der Entfremdung schüren und letztlich unterstützen. Und dann würde ich mir gar nicht mehr bewusst machen, dass dieser Zustand, in dem jedes menschliche Leben verläuft, diese immer wieder geschehene Entfremdung und Störung meiner Beziehungen, dass dies nicht von Gott gewollt ist und dass dies etwas ist, was ich mir bewusst machen darf und was sich nach Erlösung sehnt.
Die Sünde, die Sündhaftigkeit, sie ist ein zutiefst menschliche Erscheinung und sie gehört zu jedem Menschenleben dazu. Wir können ihr einen anderen Namen geben, einen, der nicht so geschichtsträchtig ist, dass er gleich Widerstand in mir auslöst. Ich kann von Entfremdung sprechen. Für Martin Luther, der vor fast 500 Jahren die Reformation ausgelöst und damit unsere Kirchengründung bewirkt hat, war diese Erfahrung der Entfremdung der wesentlichste Bestandteil seiner Theologie. Wenn er hören würde, dass wir uns heute scheuen, davon zu sprechen, dass wir aus Angst, den Menschen Angst zu machen, so auf dem falschen Pferd gelandet sind, würde er uns wahrscheinlich eine wortgewaltige Predigt halten. Er scheute sich nie davor, diesen Zustand zu benennen, und gerade darin lag das befreiende seiner Botschaft. Im Prinzip war es genau das, worunter er in der katholischen Kirche gelitten hatte. Er litt darunter, dass die Kirchenleitung vorgaukelte, man könne diese Entfremdung, diese Sünden, fortwaschen, indem man Abbitte leistet und Ablässe kauft und Buße tut und dann könne  man es schaffen ein reines, sündenfreies Leben zu führen. Martin Luther litt darunter, dass dies aber seinem inneren Erleben wiedersprach und er wie alle Geschöpfe Gottes, sich immer wieder in diesem Zustand der Entfremdung erlebte, so viel er auch beichtete und büßte. Und Martin Luther erkannte: Als Mensch bin ich immer Sünder. Aber: zugleich bin ich immer auch von Gott Gerechtgemachter. Martin Luther brach dieses Zeitliche Verständnis des Menschen als Geschöpf Gottes – Sünder – Bereuender – Gerechtgemachter auf. Nein, sagte er, dies ist kein Nacheinander, sondern es ist alles in einander verwoben. Ich bin ein Sünder, denn ich lebe in dieser fehlbaren Welt, jeder von uns, und zugleich bin ich durch Jesus Christus befreit und von Gott geliebt und gerecht und gut, so wie ich bin. Ich stehe als ganzer Mensch vor Gott und bin immer zeitgleich auch beides: Sünder und Gerechtfertigter.

3. Befreiung von dem Bösen durch Christus

Ich weiß nicht was ich tue, sagt Paulus, und dabei kann man ihn fast resigniert seufzen hören. Auch Paulus, wie Martin Luther, hat erkannt, dass alle Anstrengung und aller guter Vorsatz niemanden gegen die Anfechtung und gegen diese Entfremdung feit. Das Fleisch – und damit ist im Sinne der berühmten Zweiteilung eine Leibfeindlichkeit gemeint, sondern die ganze menschliche Existenz in der Welt, so wie sie ist, also der Mensch, steht immer wieder in den Gewaltkämpfen der Mächte und wird so auch mit in diesen Streit gerissen mit seinem ganzen Leben. Befreiung daraus können wir nicht erfahren, in dem wir es vermeiden, die Augen verschließen, davon nicht mehr reden. Im Gegenteil. Befreiung, Erlösung, werden wir nur erfahren, wenn wir das, was sich danach sehnt, gelöst zu werden, das, was gebunden ist, anschauen. Jesus Christus hing am Kreuz. In ihm ist Gott Mensch geworden und durch alle leidvollen Erfahrungen gegangen. In ihm war Gott bei uns, im Schmerz und in der Trauer, in der Verzweiflung und im Leid. In ihm hat Gott gezeigt, dass es einen Weg durch das Tal hindurch zum licht des Lebens gibt: er ist auferstanden und hat das Böse überwunden. In ihm hat Gott uns allen Vergebung und Liebe geschenkt. Gott kennt meine engen Grenzen des Mensch seins, er kennt den Zustand der Entfremdung und er weiß um mein Leiden in der Beziehungslosigkeit und um meine Sehnsucht mach dem Heilsein, nach der Erlösung. Gott sieht mich an wie eine Liebende, für die auch das Unvollkommenste nichts anderes als vollkommen schön sein kann. Mit den Augen der Liebe sieht er mich an und sein Gesetz ist wie ein Spiegel für mich. Es zeigt mir, wer und wie ich bin – mit allen meinen Fehlern, mit all meiner Bedürftigkeit und Sehnsucht, mit all meiner Gebundenheit und Fremdheit. Und schenkt mir, dass ich mir dessen bewusst werden darf, ohne Angst, ohne Scham, ohne Scheu. Der Blick in den Spiegel schenkt mir Bewusstwerdung, einen Blick auf die Dinge, damit das Chaos nicht die Oberhand gewinnt, sondern in heilsam und liebevoll einen Blick darauf mit ihm zusammen riskieren kann. Gehalten von seiner Liebe und mit ihm an meiner Seite. Darum dankt Paulus Gott im letzten Vers dafür, denn ohne seine liebevolle Zuwendung zu jedem von uns, ohne die Erlösung, die er uns schenkt und die Befreiung, die er jedem von uns in Jesus schenkt, würden wir verharren in der Angst, die keine Worte findet, in der Angst, die sogar manchen Pfarrer dazu bringt, dieses menschliche Sündersein verschweigen zu wollen. Wie auch immer für mich diese Entfremdung aussieht, ob ich der Typ bin, der den Hang zur Selbstüberschätzung oder zur Selbstverleugnung habe, ob ich individuell mein Verharren in schlimmen Verhaltensmustern oder kollektiv meine Passivität im Herdentrieb wahrnehme. Je nachdem, was ich sehe, wenn ich mit Gottes Hilfe den Blick in den Spiegel wage, für jeden von uns gilt: Jesus schenkt jedem uns die Befreiung, den Exodus aus dem Ägypten der Entfremdung. Lassen wir uns von ihm herausführen aus unserem Ägypten und machen uns mit ihm auf den Weg.

Amen.


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