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Karfreitags-Gottesdienst zum Bild "Anfang eines Gedichts" von Paul Klee, am 22. April (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Predigt am Karfreitag zum Bild „Anfang eines Gedichts“ von Paul Klee, Anregungen und Bildkarte Gottesdienst-Institut der ELKB, Nürnberg

Herr, wir bitten Dich: schenk und ein Wort für unser Herz und ein Herz für Dein Wort. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Anfang eines Gedichts“ heißt das Bild, das ich Ihnen ausgeteilt habe. Paul Klee, der Maler, der zur Gruppe der Bauhaus-Maler gehörte und dessen Kunst als entartete Kunst von den Nazis verspottet und auf beschämende Art verunglimpft wurde, hat dieses Bild im Jahr 1938 gemalt. Als er es gemalt hat, lebte er bereits nicht mehr  in Deutschland, sondern in Bern im Exil. Er war geflohen, nachdem Nazis seine Dessauer Wohnung verwüstet und alle seine persönlichen Briefe beschlagnahmt hatten. 1937 waren seine Bilder zusammen mit anderen Werken in München als „Entartete Kunst“ gezeigt worden, entstellt und verschmäht, der Lächerlichkeit preisgegeben.
In dieser Situation malt der Künstler Paul Klee, was ihm übrig geblieben ist: Buchstaben, die für sich allein keinen Sinn mehr ergeben, wie durcheinander geworfen wirken.  Er muss sein Leben ganz neu durchbuchstabieren. Sie sind noch da, die Buchstaben, aber sie ergeben keinen Sinn mehr, sie sind im Chaos, völlig durcheinandergeworfen, hin- und hergeworfen von den Stürmen des Lebens.
Es ist eine ernste Sache, wenn das, was den Sinn im Leben gibt, wenn der Grundstock, durcheinandergeworfen wird. Wenn nichts mehr ist, wie es war. So, wie es der Sänger Georges Moustaki beschrieben hat, als er ein Lied darüber schrieb, wie er in einer tiefen Lebenskrisedurch seinen Stadtteil, seine Straßen läuft, in seine bekannten Schaufenster blickt und  sich in sein Café setzt: Nichts ist mehr wie es war, obwohl alles ist wie vorher. Nichts hat sich verändert, aber trotzdem ist alles anders. Aus seiner Krise heraus sieht er das vertraute plötzlich anders.
Karfreitag ist so ein Tag. Wir sind erwacht wie an jedem Tag, aber alles ist ruhiger. Wir gehen zur Kirche wie an jedem Feiertag, aber die Glocken schweigen. Die Sonne scheint, aber heute ist es anders.  Das, was geschehen ist, hat die Welt verändert, obwohl alles ist wie zuvor.
Auch die Menschen, die an der Seite Jesu durchs Leben gegangen waren, hatten einen solchen Morgen. Der Garten Gethsemane sah vermutlich aus wie immer, sie gingen durch die gleichen Straßen, aber es war anders: Jesus war gefangen genommen wie ein Schwerverbrecher, er wird heute gekreuzigt werden, und damit war ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen, die Buchstaben der Botschaft, die ihrem Leben Sinn und Halt gegebene hatte, waren komplett durcheinandergeworfen. Sie hatten Angst vor den Wänden, die Ohren haben konnten, davor, als Jüngerinnen und Jünger Jesu erkannt und auch verfolgt zu werden. Gleichzeitig hatten sie das Bedürfnis, zu ihrem Herrn zu halten, bei ihm zu sein. Von Petrus wissen wir, wie sehr er unter diesem Zwiespalt gelitten hat, von den Frauen haben wir gehört, wie sie trotz aller Gefahr etwas abseits vom Kreuz stehen.
Allerdings sieht man, wenn man genau hinsieht, dass auf dem Bild doch einige der Buchstaben zusammengruppiert sind. Ganz unauffällig,  wie eine versteckte Botschaft, hat Paul Klee sie gruppiert. Sie ergeben einzelne Worten, jeweils eine Nummer daneben. Wenn Sie versuchen, die Worte der Nummernreihenfolge nach zu einem Satz zu verbinden, lautet dieser: „So fang es heimlich an“.
„So fang es heimlich an“ – Paul Klee zitiert hier den zweiten Satz einer Arie von Johann Sebastian Bach, in der es um eine Liebe zwischen zwei Menschen geht, die verheimlicht werden muss:
Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an…“
Diese Liebe, von der die Arie erzählt, muss verheimlicht werden, warum auch immer. In der Liebe ist es oft so, dass sie heimlich und leise beginnt. Ein Geheimnis, das man noch nicht der Öffentlichkeit aussetzen will.
Paul Klee überträgt dies auf die Situation der Menschen seiner Zeit: in Deutschland durfte man damals vieles nicht in die Öffentlichkeit lassen und es musste heimlich geschehen. Traue keiner Wand, dass sie dicht hält – das galt auch für den Alltag im Nazi-Deutschland.
Fast alle Buchstaben des Alphabets sind auf seinem Bild zu finden – alle außer dem J. J wie Jüdisch fehlt. Zufall? So, wie das J auf dem Bild fehlt, so wurden Juden auch aus dem soziale Leben in Deutschland 1938 ausgesperrt. Ein abgestorbener Baum im oberen Bildteil führt uns das ebenfalls vor Augen, vielleicht steht er für die vielen Stammbäume jüdischer Familien, die durch die Vernichtung nun abgebrochen werden. Vielleicht steht er auch für das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das sich in Paul Klee breit gemacht haben mag angesichts der Situation.
So fang es heimlich an… diesen Satz erkennen wir auf Klees Bild. Diese verschlüsselte, heimlich Botschaft aus dem wie zufällig hingeworfen scheinenden Buchstabensalat, will alle ansprechen, die Heimlichkeiten haben müssen und fürchten müssen, dass die Wände Ohren haben könnten. Alle, die unter einer Bedrohung, unter Verfolgung leiden.  Aber auch alle, deren Leben durch ein schlimmes Ereignis, durch einen Karfreitag, auf den Kopf gestellt und aus den Angeln gehoben wurde.
Am heutigen Karfreitag fällt unser Blick auf den leidenden Jesus am Kreuz und seine Jüngerinnen und Jünger. Sie stehen unter dem Kreuz und versuchen verzweifelt, den Sinn zu entdecken in dem, was geschieht.  Wenn wir nach der Lesung die Kerzen ausgeblasen und die Bibel zugeschlagen haben, dann können wir nachempfinden, welches Gefühl von Ende sich in ihren Herzen damals breit gemacht haben muss. Wir sehen wie sie auf Jesus, der das Leiden und den Tod auf sich genommen hat, um uns das Leben und die Vergebung zu schenken. Jesus, der einen Sinn sieht hinter dem, was durcheinandergewürfelt und sinnlos erscheint, Jesus, dessen Botschaft in aller Heimlichkeit begann. Doch mit dem Verstand allein können sie es nicht fassen. Auch wenn Jesus ihnen gesagt hat, was kommen wird, sie müssen es mit dem Herzen erfahren.  Darum feiern wir an Ostern auch die Auferstehungsfeier „Vom Dunkel zum Licht“, um die Botschaft für unsere Herzen erfahrbar zu machen.
Jesus kommt aus der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen heraus in die Welt. Und diese Liebesgeschichte zwischen Gott und der Welt beginnt heimlich. Maria bekommt in ihrer Kammer die Geburt Jesu angekündigt und dieses Kind kommt in einem Stall zur Welt. Es dauert, bis dieser Jesus an die Öffentlichkeit geht. Und immer wieder spricht man vom Messiasgeheimnis: sprich nicht darüber sagt Jesus zu denen, die er geheilt hat, immer wieder. Er weiß, dass zu viele Worte nichts bringen. Und auch nach seinem Tod wird er sich leise und vorsichtig einigen seiner Jünger zeigen, der Auferstandene, zu ihnen in ihr Versteck kommen. So fang es heimlich an… der Beginn ist leise und behutsam, aber nicht zaghaft. Heimlich… geheim… geheimnisvoll. Mit dem Kopf kann man nicht verstehen, was sich da vom Karfreitag bis Ostersonntag ereignet. Das, was Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern am Abend vor seinem Leiden erzählt hatte, ist nicht in ihren Herzen angekommen, war zu schwer zu begreifen. Worte allein erreichen mein Herz nicht, ich muss die Botschaft erleben und begreifen können. Erst die Begegnung mit dem Auferstanden wird ihre Herzen erreichen. Wie das alles geschieht und wie sie wieder einen Sinn erkennen, wie sie wieder Mut fassen werden, das ist ein Geheimnis des Glaubens. Etwas, das ihnen geschenkt und in ihre Herzen gelegt wird.
Paul Klee hat nicht mehr erlebt, wie die Welt sich änderte und er aus seinem Versteck, seinem Exil hätte hinaus in die Welt gehen können. Er weiß nicht, dass seine Bilder heute wieder anerkannt und geschätzt sind. Er starb zwei Jahre nachdem er dieses Bild gemalt hatte im Exil.
Aber das, was er angefangen und dann eben heimlich und im Verborgenen weitergetan hat, ist geblieben und hat eine Botschaft für uns heute. Was, wenn er wüsste, dass seine Bilder für uns heute und hier in der Philippuskirche solche Bedeutung gewinnen können.
Sein Bild will uns Mut machen, durchzuhalten, weiterzugehen, auch wenn alles sinnlos und durcheinandergeworfen scheint. Wenn es auf den ersten Blick nicht geht, so fang es heimlich an.  Wenn du den Sinn nicht erkennen kannst, dann  grübel nicht so lange, bis Dir der Kopf schmerzt vom Verstehen-versuchen, sondern warte, bis das Geheimnis dein Herz erreicht und lass dich vom Auferstandenen berühren. Er wird kommen, er wird dich mit nehmen in sein Geheimnis und er wird dein Leben ganz neu durchbuchstabieren. Amen.



Amen.


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