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Gottesdienst zur Jahreslosung 2011, am 16. Januar (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Jahreslosung 2011
Liebe Gemeinde,
 „Ein gutes neues Jahr“ wünschen wir uns.
Ein gutes Jahr, eines, dass Gutes bringen mag. Dieser Wunsch zum Jahresbeginn ist ihnen vielleicht auch wichtig.
In diesem Zuspruch drückt sich ein Denkmodell aus, das unser ganzes Sein zu umfassen scheint: die Gegensätze „gut“ und „böse“. Zwischen diesen beiden Polen, diesen beiden Mächten, spielt sich unser Leben scheinbar ab.

Gut und Böse – dieses Paar beschäftigt uns in den vergangenen zehn Jahren, die seit dem Anschlag am 11. September auf das World Trade Center verstrichen sind, noch in stärkerer Weise. Dem Guten wurde damals die Achse des Bösen gegenüber gestellt und damit wurde dieser scheinbare Gegensatz noch stärker als vorher zu einem Kampf gemacht. Das vermeintlich nur Gute kämpft gegen das vermeintlich nur Böse. Die zwei sind Gegensätze wie Feuer und Wasser, und sie sind durch und durch, was sie sind. Der Mensch glaubt sogar, sie bestimmen und erkennen zu können.

Das Gute ist dann die Tugendhaftigkeit, die Gesetzestreue, die Moral und der Anstand.
Unsere Jahreslosung ist ein Teil eines ganzen Bibelabschnittes und um sie näher zu betrachten, hören wir nun den ganzen Text:

Röm 12, 9-21

Eine Reihe von Handlungsanweisungen gipfelt in unsere Losung und verstärkt so die Annahme, dass Gut und Böse sich von uns Menschen machen lassen. Es ist möglich, anständiger Christ, anständige Christin zu sein und so das Böse, das von Außen auf uns zukommt und das wir erkennen können müssen, abzuwehren. Wir hören hier einen Anspruch an uns, eine Aufforderung, das Gute zu wählen und das Böse abzuwehren.
Und doch sind es gerade die vermeintlich Anständigen, diejenigen, die treu nach den Gesetzen leben und das Böse erkennen und ablehnen, die bei der Begegnung mit Jesus an ihre Grenzen stoßen. Das Leben nach Schwarz und Weiß funktioniert bei ihm nicht. Gerade sie sind es, die gegenüber dem Verletzten im Graben versagt haben, und gerade das schwarze Schaf, der Samariter, ist es, der barmherzig ist und sich kümmert um den Fremden. Gerade sie, die Anständigen, sind es, die beim Weltgericht zur Linken sich versammeln müssen und als Böcke von den Schafen getrennt werden.

Irgendwie funktioniert es also doch nicht so, diese Trennung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. So einfach ist es nicht zu unterscheiden, und so einfach ist es auch nicht, „gut“ zu leben.

Professor Brusniak hat seinen Kanon zur Jahreslosung  krebsartig komponiert. In der Mitte seines Kanons, am Übergang zwischen den beiden Teilen und Schnittstelle zum zweiten Einsatz, entsteht das Kreuz.  Das Kreuz ist der Hinweis auf das wahrlich Gute, das allein in der Lage ist, das Böse zu überwinden: die Liebe Gottes, die er uns in seinem Sohn Jesus geschenkt hat.

Liebe Gemeinde,
lassen Sie uns gemeinsam auf die Suche gehen, wie nun dieser Gegensatz zwischen Gut und Böse aufgelöst werden soll durch das Kreuz in unserer Jahreslosung:
dazu betrachten wir das Bild von Heidi Krippner.
Das Bild spielt mit diesen beiden Gegensätzen: Licht und Dunkel sind krass gegeneinander abgegrenzt. Mein Blick fällt zunächst auf den dunkelgelben Flecken im linken oberen Teil des Bildes. Das kräftige Gelb löst sich nach oben hin in helles Gelb auf und stößt nach unten hin auf kohlrabenschwarze dicke Balken. Das Schwarze sucht sich seinen Weg, es dringt in das Gelb ein und verändert es, wo es ihm gelingt, von der gelben Farbe Besitz zu ergeifen.
Das Gute und das Böse, die miteinander kämpfen? Vielleicht ist es so. Die gelbe Farbe steht in unserem Denken für das Licht, das Leben, das Gute. Schwarz ist die Farbe der Trauer, des Bösen, der Verneinung dem Leben gegenüber.
Während diese beiden Gegensätze miteinander kämpfen, geschieht aber in der Mitte des Bildes etwas. Eine weiße Fläche hebt sich vom farbigen Durcheinander ab. Sie bringt Ruhe in das Bild, sie zieht den Blick in die Tiefe, sie scheint uns mitnehmen zu wollen und ist der Schlüssel für eine tiefere Dimension hinter diesem Kampf der Gegensätze. Eine ruhige Weisheit liegt in ihr und sie hat die Gestalt eines Engels.
Der Engel ist weiß, nicht gelb und damit macht uns die Künstlerin aufmerksam auf das wahre Licht. Der Engel ist der Bote Gottes. Der Engel spricht zu uns wie zu den Hirten auf dem Felde: Fürchte dich nicht! und er spricht in unser Herz hinein. Diese Botschaft berührt uns, sie stimmt uns weihnachtlich und sie schenkt uns einen neuen Anfang. Weiß ist die Farbe des wahren Lichtes, des Lichtes vom Lichte, sie ist eine helle Quelle des Lebens.
Weiß hat die Künstlerin für diese tiefe Wahrheit gewählt, die sich hinter der Jahreslosung verbirgt.
Es geht nicht um den Kampf, den wir täglich kämpfen zu müssen meinen. Diese alte Fehde zwischen „Gut und Böse“ dürfen wir im wahrsten Sinne des Wortes getrost vergessen. Das Gelb, das sich hier unruhig, nahezu beunruhigend und aufdringlich im Bild mit dem Schwarz tümmelt, ist nach der Farbenlehre des Bauhaus-Künstlers Wassily Kandinsky übrigens eine typisch irdische Farbe. Das Gute, so wie wir es verstehen, anständig und tugendhaft und gesetzestreu ohne ein Iota abzuweichen, ist eine zutiefst irdische menschliche Regung. Mit dem Guten, von dem Paulus in unserer Jahreslosung spricht, hat dies aber gar nichts zu tun.
Und auch das Böse lässt sich nicht so leicht ausfindig machen und abgrenzen. „Das Böse“ ist vielfältig und ich muss mit ihm rechnen, auch in mir. Das Böse verschafft sich überall Raum, sogar in der Kirche hat es sich Wege gesucht und ist mit den Gewaltvorfällen und Missbrauchsfällen, die in den vergangenen Monaten immer wieder thematisiert wurden, in eine Art der Erscheinung getreten – mitten unter dem vermeintlich Guten und Anständigen.
Ihm geht es um ein ganz anderes Gutes: um das Gute, dass allein von Gott kommt, das uns geschenkt wird und uns getrost sein lassen will. Das Gute, das sich in dem weißen, tiefen Engel in unserem Bild zeigt und das durch das Kreuz in unserem Kanon ausgedrückt wird. Das „Gute“ ist dann nicht die Lebensgestaltung nach bestimmten Tugendkatalogen und Werten, die ich als Mensch in der Hand habe, das „Gute“ liegt nicht in meiner Macht, sondern dieses „Gute“ kommt allein von Gott. Es ist das Leben in Liebe, das Leben aus Glauben, das er uns schenkt. Es ist der Zuspruch Gottes, den er dir und mir sagt: Du bist mein geliebtes Kind.
 „Fürchte dich nicht!“ spricht der Engel zu uns, und will uns damit Trost und Ermutigung für unseren Weg in das neue Jahr schenken. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden“, spricht er uns zu. Denn unser Heil und unsere Heilung kommen allein von Gott. Gott schenkt unseren aufgeschreckten Seelen Ruhe, er schenkt uns einen Engel, der uns in die Tiefe des Seins führt. So wird das Böse überwunden von Gott allein und der Glaube ist sein Geschenk an uns, mit dem wir dies spüren dürfen.
Als Christen ist es genau diese Botschaft des Engels, die unseren Glauben ausmacht.
Mit Jesus brechen wir aus dem Kreislauf des menschlichen Denkens aus. Nicht mehr Schwarz und Weiß, sondern die ganze Fülle haben wir in unserem Leben. Das Leben ist bunt wie der Regenbogen, der über der Arche Noah als Zeichen des Bundes erstrahlte. Darin liegt die Freiheit, die das Evangelium uns schenkt, dass wir von diesem Kämpfen müssen befreit werden. Das Reich Gottes kommt nicht mit dem Schwert, sondern es ist wie ein Senfkorn, das kleinste unter den Samenkörnern. Das Reich Gottes beginnt klein und schwach wie das wehrlose Kind in der Krippe. Denn die Kraft Gottes ist in den Schwachen mächtig.
Darin liegt unser Trost und unsere Zuversicht, wenn wir mit Jesus in ein neues Jahr gehen. Der Kampf zwischen dem gelben Guten und dem schwarzen Bösen, er ist ein Kampf, der in unserer Welt gefochten wird und der zum Leben hier und jetzt dazu gehört, den wir nicht verhindern können. Unsere Augen aber richten sich auf den Engel, der uns in eine tiefere Lebensweisheit führt und der uns an der Hand nimmt, durch dies alles hindurchführt und mit uns in dieses neue Jahr geht.

Dietrich Bonhoeffer hat andere Worte gefunden, die ich an den Schluss dieser Predigt stellen möchte:
„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
Amen.


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