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Gottesdienst Neujahr 2011, am 1. Januar (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Liebe Gemeinde,

„this way“ – eine eindeutige Ansage, aber verschiedene Möglichkeiten. Dieses Schild in einem unbekannten Gebiet vorzufinden, kann denjenigen, der unterwegs ist und den richtigen Weg sucht, gehörig verunsichern. Welche Richtung ist denn nun die richtige? Ist es vielleicht ein Rundweg mit zwei gleichen Wegstrecken? Komme ich dann an eine neue Kreuzung, oder drehe ich mich nur im Kreis? Die Aussage auf dem Schild ist eindeutig, aber das Zeichen selbst nicht.

Der Jahreswechsel ist ein Tag, an dem der Weg, den ich gehe, die Richtung, die ich eingeschlagen habe oder die ich im neuen Jahr einschlagen will, ein Thema für die meisten Menschen.
Auch für die Jüngerinnen und Jünger Jesu war der Weg, der vor ihnen liegt, ein großes Thema, nicht nur in der Zeit, da sie alles zurückließen, die eingetretenen Pfade verließen und mit ihm ganz neue Wege gingen, sondern auch als sie sich von ihm verabschieden mussten und ihren Weg ohne seine sichtbare Begleitung fortsetzen mussten.

Hören Sie den Predigttext für den heutigen Tag:

Joh 14, 1-6

„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich“ – die Jahreslosung des vergangenen Jahres wollte uns 365 Tage lang begleiten, vielleicht hat sie das auch bei dem einen oder anderen von Ihnen in irgendeiner Weise getan. Vielleicht hatten Sie unser Bild von Heidi Krippner manchmal vor Augen oder den Kanon von Prof. Brusniak im Ohr.
Und wie ging es Ihnen im vergangenen Jahr? War es leicht, oder hatte ihr Herz manchmal Grund, sich vertrauensvoll und trotz eines Schreckens daran zu halten?

Wenn wir nach einem Weg suchen, den wir im Leben und im Glauben gehen können, dann hören wir diese Worte aus dem Johannesevangelium zusammen mit dem Jesus-Wort „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“
Ja, diese Worte kennen wir, wir haben sie oft gehört und sie sind uns vertraut.
Doch wie reagiert Ihr Herz auf diese Worte? Verschließt es sich vielleicht trotzig und enttäuscht und fühlt sich unter Druck gesetzt? Oder seufzt es und weiß nicht, wie das gehen soll? Oder hüpft es vor Freude, weil es mit Jesus sowieso mehr anfangen kann als mit den anderen beiden Erscheinungsweisen Gottes, die ihm merkwürdig abstrakt bleiben, während Jesus klar und vorstellbar ist?

This way – Jesus sagt es ganz klar und deutlich, welchen Weg wir beschreiten, welche Richtung unser Leben nehmen soll. Ist das Schild auch eindeutig für Sie zu verstehen? Wie haben den die Jüngerinnen und Jünger damals diese Antwort Jesu verstanden?

Vielleicht kann uns der Predigttext noch einmal mehr auf die Sprünge helfen.
Ich würde gerne einige Personen und Gefühle, die in unserem Predigttext vorkommen, einmal näher dazu befragen.

Zuerst interessiert mich natürlich das Herz.

Liebes Herz, wer bist du eigentlich?

Herz:
Ich bin das Zentrum des menschlichen  Wesens. Ich bin viel mehr als nur ein Organ, viel mehr aber auch als das Gefühl. In der hebräischen, orientalischen Vorstellungswelt spielt sich in mir alles ab, in mir hat der Verstand seinen Sitz und das Handeln des Menschen wird von mir regiert.  ich bin das Innere des Menschen.

Kirsten:
Also in unserem Sprachgebrauch bist du für die Liebe zuständig und für die Angst, auch für die Wut und für die Traurigkeit, für die Gefühle des Menschen also.  Aber der Verstand der wird eher als Gegensatz zu dir gesehen.

Herz:
In der Bibel ist das anders. Da wird der Mensch ganzheitlicher gedacht und nicht zwischen Leib, Geist und Seele getrennt. Das Herz ist das Ganze des Menschen, ich bin das Zentrum. Ich bin auch gar kein Neutrum, das Herz hat ein Personalpronomen in der hebräischen Sprache. 

Kirsten:
Jesus sagt nun, du sollst nicht erschrecken.

Herz:
Ja, er muss sich ja verabschieden bevor er gekreuzigt wird und weiß, dass wir Menschen auf dieser Erde erst mal ohne ihn als sichtbaren Begleiter aus Fleisch und Blut zurecht kommen müssen. Allerdings meint er damit nicht, dass er seinen Jüngern verbietet zu trauern oder Angst zu haben. Er will ihnen nicht von Gefühlsduselei abraten oder so was. er will sie auch nicht ermahnen, dass sie glauben müssen. Sondern er möchte, dass sie sich nicht von ihrer Angst oder Trauer lähmen lassen wie das Kaninchen  vor der Schlange. Er will, dass sie sich nicht von dem einen Gefühl dominieren lassen. Sie glauben ja an Gott und genauso dürfen sie auch auf ihn vertrauen und dass Gott weiter mit ihnen sein wird, auch wenn Jesus weg ist.

Kirsten:
Ach so war das damals.

Herz:
Nein, nicht damals. Jesus meint dich ganz genauso damit. das ist ja nicht nur eine Geschichte, wie damals der Abschied bei den Jüngerinnen und Jüngern war, sondern die Bibel will ja dir heute auch etwas sagen.

Kirsten:
Ach so!

Herz:
Auch dein Herz heute kann erschrecken vor so manchen Dingen, und sich einsam und allein auf seinem Weg fühlen. Gerade an so einer Schwellensituation, auf dem Weg in ein neues Jahr.
Aber er schenkt dir den Glauben an Gott und an Jesus, sie sind mit dir, du bist nicht allein. Lass dich nicht von der Angst dominieren. Dein Herz ist viel mehr als nur die Angst, dein Herz ist dein Ganzes, dein Herz ist Verstand und Gefühl, lass dich von Jesus in deinem Herzen leiten.

Kirsten:
Hmm, das klingt so schön und fromm, aber ich weiß nicht, ob das immer so funktioniert. Ich würde gern noch jemand anderen befragen, und da fällt mir der Glaube selbst ein. Glaube, wie siehst du denn das mit dem Erschrecken?

Glaube:
Ich freu mich, dass mich auch mal jemand fragt. Ich werde immer so gesetzt, so statisch und unbeweglich. Mich muss man scheinbar haben oder eben man hat mich nicht. Manche sprechen mich sogar anderen ab!

Kirsten:
JA, mit dir haben eigentlich viele Leute so ihre Schwierigkeiten, weißt du!

Glaube:
Ja, ich weiß, dass ich nicht einfach bin. Aber dafür bin ich auch nicht langweilig. Ich werde nur oft so falsch verstanden. Ich bin kein Wahrheitssatz, den man gesagt bekommt, mit nach Hause nimmt und dort auf ein Regal stellt, wo er wie ein Pokal. den man einmal errungen hat, rum steht und einstaubt.
Ich bin Bewegung, ich bin Veränderung. Ich bin kein fester Besitz, sondern ich bin ein Weg, eine innere Dynamik auf Gott hin, die dich lebendig hält.
Wer mit mir geht, wer den Weg Jesu geht, der hat nicht die Wahrheit wie einen Besitz, sondern der lebt aus der Wahrheit und in der Wahrheit. Wer mit mir lebt, der lebt wahrhaftig und in Kontakt mit der Lebendigkeit.

Kirsten:
Und das Erschrecken? Mein Herz soll doch nicht erschrecken!

Glaube:
Ja, da sieht man wieder, wie schwer das für euch Menschen zu begreifen ist. Das Herz hat es dir ja vorhin schon gesagt: Erschrecken ist nicht verboten! Erschrecken ist ja mit dabei bei den Gefühlen, also ein Grundgefühl des Menschen, dann kann es ja nicht verboten sein. Gott hat den Menschen so geschaffen, wie e r ist, mit all seinen Gefühlen. Jesus möchte Euch nur helfen, nicht in eine Schreckensstarre zu verfallen, nicht vor dem Erschrecken zu erschrecken.  Ich helfe dir, mit dem Erschrecken zurecht zu kommen, damit leben zu können. Denn ich bin auch da und halte deine Hand und berühre dein Herz und helfe dir, wenn du erschrickst. In mir ist Gott bei dir.  Ich helfe dir, mit den Erschütterungen des Lebens zurecht zu kommen und deinen Weg zu gehen.

Kirsten:
Also mein Herz und der Glaube suchen zusammen den Weg.
Jetzt weiß ich allerdings immer noch nicht, wie das mit der Richtung ist.

Mose steht auf und ruft:
Dazu könnte ich vielleicht mal etwas sagen!

Kirsten:
Wer bist denn du?

Mose:
Ich bin Mose!

Kirsten:
Und was machst du hier? Du kommst im Text doch gar nicht vor! Wenn jetzt Thomas oder Jesus sich zu Wort gemeldet hätten!

Mose:
Ja, ihr vergesst immer, dass die einzelnen Geschichten der Bibel ja schließlich auch was miteinander zu tun haben können! Und diese Worte von Jesus, die mit „Ich bin…“ beginnen, die haben ihren Satzanfang ja auch nicht einfach aus der Luft gegriffen!

Kirsten:
nicht?

Mose:
 „Ich bin, der ich bin!“ - klingelts?

Kirsten:
Das hat Gott zu dir gesagt, als du vor dem brennenden Dornbusch standest! Das ist sein Name, mit dem er sich dir vorgestellt hat. Das ist auch ziemlich merkwürdig gewesen.

Mose:
Ja, ich war auf der Suche nach dem Weg, nach der Richtung. Mein Leben war schwierig. Unser Volk war in Ägypten in der Sklaverei und wir mussten schweren Frondienst leisten. Du weißt ja, dass ich sogar einen ägyptischen Aufseher erschlagen hatte und geflohen war. Ich hütete nun Schafe, als eines Tages dieser Dornbusch vor meinen Augen brannte, ohne zu verbrennen und ausgerechnet ich – wahrlich kein besonders begabter oder rechtschaffener Mensch – wurde von Gott berufen, unser Volk aus der Knechtschaft zu führen. Unglaublich.

Kirsten:
Wie war das nun mit dem „Ich bin…“?

Mose:
Ich fragte Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe?
Damit wollte ich nicht nur sagen, dass ich nur ein kleiner, schwacher niemand bin, sondern ich habe in dem Moment wirklich nicht gewusst, wer ich überhaupt bin, so als Mensch, im Verhältnis zu Gott. Was macht mich denn aus in seinen Augen? Wer bin ich – das ist eine Grundfrage, die ich mir in diesem Moment stellte. Wer bin ich, wohin gehe ich in meinem Leben? Hat Gott wirklich etwas mit mir vor?
Hast du dich das nie gefragt?

Kirsten:
Doch, ich denke, genau darum geht es ja in unserem Leben, das ist die Frage, die uns immer wieder beschäftigt.

Mose:
Und mir hat Gott damals den berühmten „Ich bin, der ich bin“ – Satz gesagt. Man übersetzt es auch mit „Ich bin da“ oder „Ich werde mit dir sein“. Diese Antwort kann man im Präsens und im Futur verstehen, sie ist vieldeutig, aber immer kommt dabei raus, dass Gott mir zugesagt hat, dass er bei uns Menschen ist, egal, was passiert.

Kirsten:
Das heißt, wo immer das Leben dich hinführt, Gott ist mit dir und geht mit?

Mose:
Und mit dir.

Kirsten:
Und die Richtung?

Mose:
Du denkst immer noch, es gibt einen wahren Weg, denn du finden musst. Ich sage dir: Die alte Weisheit „Der Weg ist das Ziel“ ist nicht verkehrt. Du bist auf der Suche, du hast dich aufgemacht und damit bist du schon auf dem Weg. Auf deinem eigenen Weg, einem, den Gott mit dir geht. Dein Weg sieht anders aus als meiner, es gibt nicht die eine Wahrheit die du finden und besitzen kannst. Du hast es heute schon drei mal gehört. Gott geht mit dir, und so ist dieses Schild absolut wahr, so wie es ist. Es führen viele Wege zu Gott, für den einen geht es hierlang, für den anderen dort, und du musst dich nicht unter Druck setzen und immer nach dem einen Weg suchen. Mach dich einfach auf, geh mit deinem Glauben und mit Gott, lass dich mit hinein nehmen in die Bewegung und hab Vertrauen. Gott geht mit.

Kirsten:
Danke für Eure Gedanken, die ihr mit uns geteilt habt, liebes Herz, lieber Glaube und lieber Mose!

Die drei legen ihre Schilder ab und gehen auf ihren Platz

Kirsten:
Diese drei Weggefährten haben mir einiges Neues erzählt, mit diesen Gedanken mache ich mich gerne auf in ein neues Jahr. „This way“ – die Antwort Jesu war klar: durch ihn kommen wir zu Gott, er ist der Weg – aber wie finde ich nun meinen Glaubens- und Lebensweg?

Vom Herzen habe ich gelernt, dass ich zwar oft auf meiner Suche erschrecke, aber mich vom Erschrecken nicht lähmen lassen muss und dass der Verstand und das Gefühl zusammen gehören, dass ich als Mensch ein Inneres habe, in dem Vernunft und Gefühle wertvoll sind. So meint Jesus die Worte „Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich.“

Vom Glauben habe ich gehört, dass er ein Weg, eine Bewegung ist, eine Dynamik, mit der ich mich zusammen aufmachen kann und so wahrhaftig leben kann.  Wenn ich mich auf den Weg mache, dann bin ich in Bewegung und das ist es, was der Glaube will.

Und von Mose habe ich gelernt, dass Jesus mit seinem „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ mir nicht eine Vorschrift macht nach dem Motto: Dies ist der richtige Weg und kein anderer, finden musst du ihn allerdings selbst – sondern dass dieses Ich bin… an das Ich bin da von Gott im Dornbusch anknüpft.
Für mich heißt das, dass Gott in Jesus auch zu mir wie damals zu Mose sagt: Du suchst mich – aber ich schon da. Er sagt zu mir:
Ich bin für dich da und gehe mit dir. Ich stehe zu meinem Wort, ich werde immer sein, der ich schon war, dein Gott. Eine Liebeserklärung, die Gott Mose, den Menschen, mir macht.  Amen.


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