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Gottesdienst am Ewigkeitssonntag 22. November 2010 (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Liebe Gemeinde,

  1. Die Hütte

„Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen“

Eine Hütte als Ort, an dem Gott den Menschen begegnet.
Der Familienvater Mackenzie Philips ist mit seinen drei jüngeren Kindern zum Zelten gefahren. Während
dieses Ausfluges wird seine jüngste Tochter entführt und man findet nur noch Beweise für ihren gewaltsamen Tod
in einer Hütte im Wald. Der Vater ist vier Jahre lang rastlos und voller Verzweiflung über den Tod seines Kindes,
voller Fragen nach dem Warum und voller Schuldgefühle.

Eines Tages geschieht eine unglaubliche Begegnung: Mackenzie verbringt ein Wochenende in der Hütte.
Entgegen aller Einwände des menschlichen Verstandes und der Vernunft trifft Mackenzie dort Gott, der allerdings
ganz anders in Erscheinung tritt, als man es gemeinhin erwartet. Gott ist mal eine große, liebevolle und weise
schwarze Frau, die sehr gut kochen kann, dann wieder ein sehr entspannter, ruhiger Schreiner aus dem mittleren
Osten und dann wiederum eine einfühlsame, aber etwas verhuscht wirkende kleine Frau aus Asien.
Gott zeigt sich dem Fragenden, Verzweifelnden, er erscheint ihm in einer Weise, wie er es annehmen kann. Gott stellt
sich in der Hütte seinen Fragen und begegnet ihm in seinem Herzen.

In seinem Roman „Die Hütte“ malt der Autor bis ins kleinste Detail aus, wie die Begegnung des trauernden, suchenden
Familienvaters mit Gott zu einer echten, heilsamen Begegnung wird – jenseits von allen Phrasen und Vertröstungen, die
einem trauernden Menschen in dieser Welt sonst so oft begegnen und die ihn einsamer werden lassen als zuvor.

  1. Die Hütte des Mose

„Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen“
Als Mose mit seinem Volk durch die Wüste irrte, waren sie Suchende, Fragende. Viele Stunden der glaubenden Gewissheit
folgten sie dem Ruf Gottes heraus aus der Knechtschaft in Ägypten, zogen siegreich durch das Rote Meer und überließen
die Angreifer den Fluten des Meeres.
Doch der Weg war weit, und Zweifel überkamen sie. Führt Gott uns wirklich? Ist er wirklich bei uns? Vertrauen wir dem Richtigen?
Sie litten Entbehrungen und die Reise war strapazenreich.
Da errichtete Mose ein Zelt nach der Verheißung Gottes. „Stiftshütte“ hat Martin Luther dieses Gebäude ins Deutsche übersetzt.
Gott stiftete eine Hütte, die Mose und seine Leute aufbauen und jederzeit schnell wie ein Zelt wieder abbauen und mit auf die
Reise nehmen konnten. Diese Hütte steht symbolisch für die Begegnung mit Gott. In dieser Hütte ist Gott, da kann ich ihn spüren
und ihm begegnen. Wie eine Wolke schwebt Gott übe dieser Hütte und erfüllt sie mit seinem Licht und seiner Herrlichkeit.
Diese Hütte konnten sie mitnehmen und aufbauen, wo immer sie ihr Lager aufschlugen.

Die Tempel, die in späteren Jahren gebaut wurden, als das Volk dann angekommen und sesshaft geworden war, orientierten
sich am Modell der Stiftshütte.
Und wenn heute moderne Kirchen mit einem ein Zeltdach oder in Zeltform konstruiert werden, dann genau deswegen: sie sollen
die Hütte Gottes bei den Menschen versinnbildlichen, den Ort der Begegnung mit Gott.

  1. Der Traum von der Hütte

Johannes, dem der Predigttext zugeschrieben wird, hatte einen Traum von einer Hütte Gottes bei den Menschen, einer Hütte wie
sie Mose von Gott genau beschrieben bekam, einer Hütte, wie sie der Romanautor für seinen Protagonisten erträumt.
Diese Hütte würde heilen, was verletzt ist.
In dieser Hütte würde Gott bei den Menschen sein und die Menschen bei Gott. In dieser Hütte würden das Leid und die Schmerzen
dieses Lebens nicht mehr sein und die Tränen würden getrocknet werden.

Eine Hütte ist es wohlgemerkt, ein ganz einfaches Gebäude, funktional und ausreichend, nicht aber prachtvoll geschmückt, mit Gold
verziert und  mit Prunk und Schmuck überladen, nichts aufwendiges, was dann zugleich starr und unbeweglich und tonnenschwer wird.
Im Gegenteil. Das Bild von der Hütte weckt in mir ein karges, einfaches Bild, mit Lehm- oder Holzboden stelle ich es mir vor, bescheiden
und einfach, aber trocken. In dieser Hütte wird nicht aufgefahren, in dieser Hütte sitzt man zusammen, teilt etwas Brot.

Johannes träumt inmitten einer Welt, die voll Leid und Geschrei ist, von der Hütte. Er leidet unter den Verfolgungen um des Glaubens
willen, unter der Unterdrückung durch die fremden Machthaber, und das Bild von der Hütte gehört bei Johannes zu dem Bild vom
neuen Jerusalem, auf dass er hofft.
Das neue Jerusalem ist das Reich Gottes, auf das auch wir warten.
In diesem neuen Jerusalem wird kein Leid und kein Geschrei mehr sein, die Tränen werden getrocknet.
Doch Johannes spricht nicht davon, dass wir dann zurück fallen in den Zustand des Paradieses, dass wir wie in einem Kreislauf wieder
werden wie Adam und Eva, zurück in die Unwissenheit, als sei nie etwas geschehen. Nein, Johannes denkt in einem Prozess. Aus dem
Paradies, in dem Leid und Geschrei noch unbekannt waren, sind die Menschen in die Welt gestellt worden. hier sind wir nun, und der
Schmerz ist für uns immer wieder spürbar, er gehört zu unserem Leben dazu.
Heute, an einem Tag, an dem wir an die Menschen denken, die wir vermissen und um die wir trauern, ist dieser Schmerz und sind die
Tränen besonders spürbar.

Der Ort der Hoffnung, das neue Jerusalem, ist ein Ort des Friedens. Hier werden wir nicht zurückfallen in einen Urzustand, der von
diesem Schmerz nichts weiß, sondern hier werden wir mit unseren unruhigen Herzen Ruhe finden.
Herzen, die den Schmerz und das Geschrei kennen, die aber Ruhe gefunden haben und Geborgenheit geschenkt bekommen und so ein
ganz neues. ewiges Leben haben.

  1. Die Hütte ist in mir

Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen
Gott schenkt jedem von uns so eine Hütte, wie er sie seinem Volk in der Wüste geschenkt hat. Und wir müssen nicht auf irgendeinen
jüngsten Tag warten und durch irgendein Feuer und irgendein strafendes Gericht gehen, um in diese Hütte hineingehen zu dürfen.
Die Hütte ist auch nicht einigen vorbehalten, die es sich besonders verdient hätten. Wer so was erzählt, der sucht Gott eher in dem
prunkvollen Palast als in der einfachen, heruntergekommenen Hütte. Dort wird er ihn nicht finden.
Nein, eine Woche bevor der Advent beginnt, sind wir am Ewigkeitssonntag bereits in der Erwartung, der sehnsuchtsvollen, der bedürftigen,
der schmerzvollen Erwartung und Gott lenkt unseren Blick auf die einfachste, ärmlichste Hütte, in die er ein für alle mal gekommen ist:
den Stall, in dem Gott Mensch geworden und zu uns gekommen ist.
Siehe, die Hütte Gottes – bei den Menschen.

Seit diesem Ereignis brauchen wir die Hütte nicht mehr mitzuschleppen und immer wieder neu aufzubauen wie das wandernde Gottesvolk
in der Wüste. Wir hätten auch keine prunkvollen großen Gebäude gebraucht.
Seitdem ist die Hütte Gottes in jedem von uns drin und jederzeit steht uns die Tür offen.
Seit diesem Tag müssen wir die Hütte nicht mehr selber errichten, sondern Gott baut sie für uns.
Wenn wir heute zusammen sind, der Verstorbenen gedenken, den Schmerz und die Tränen gemeinsam aushalten und gemeinsam das
Abendmahl feiern, dann will Gott uns daran erinnern, dass er die Hütte in jedem von uns gebaut hat. Und er will uns einladen, so wie er
uns an seinen Tisch einlädt. Der Romanheld, Mackenzie, hat es gewagt, den Fuß in die Hütte hineinzusetzen und auf sein Herz, seine
Sehnsucht und nicht auf seinen alles relativierenden Verstand dabei zu hören.
Eines hat mich dabei besonders neugierig gemacht:
Wer weiß, wie Gott uns begegnet, wenn wir in unserer Hütte treffen.
In jedem Fall öffnet mir die Geschichte die Augen dafür, dass es diese Hütte in mir gibt und wie ein Fingerzeig deutet sie darauf hin:
Siehe – die Hütte Gottes – bei den Menschen.

Amen.

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