Zurück zur Homepage   Schreiben Sie uns eine mail!  

 

Zurück zur Übersicht "Predigten"
Gottesdienst am Volkstrauertag 15. November 2010 (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Liebe Gemeinde

ein trüber Novembertag. Draußen rüttelt der kalte Wind an den Sträuchern, es regnet und es scheint irgendwie
nicht richtig hell zu werden. Alles grau in grau. Die Blätter, die vor zwei Wochen noch herrlich bunt leuchteten, sind
jetzt braun-grau und matschig.
Für viele ist das keine leichte Zeit, in der das Dunkel bestimmender ist als das Licht.

  1. Altes Testament: Leiden als Unheilsvoraussagen

Grau in Grau – so zeichnet so mancher Prophet in alttestamentlicher Zeit die düsteren Visionen vom Untergang
des Reiches, von Krieg und Zerstörung, die das Volk Israel erleben müssen. Ihr Tempel in Jerusalem wird zerstört,
das Volk leidet und wird deportiert, ihr Land besetzt und die Menschen drangsaliert. Schlecht ergeht es dem Volk,
weil es in der Gottesferne gelebt hat, nicht auf Gott gehört hat und ihn vergessen hat. So, wie sie getan haben, so
soll es ihnen nun auch ergehen und die Leiden sind die Strafe. Dies war das Bild, das hinter solchen Unheilsprophezeiungen
stand.

  1. Paulus: Leiden der ganzen Kreatur: Leben inmitten von Leben

Paulus beschreibt ebenfalls graue Zeiten: von einer Zeit des Leidens spricht er, und er meint damit nicht nur menschliches
Leid, sondern er sieht auch die Schöpfung, die ganze Kreatur seufzen, sie ist sozusagen durch den Menschen in Mitleidenschaft
gezogen, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Mensch ist Leben, das leben will inmitten von Leben, das Leben will – so hat
es der Theologe Albert Schweitzer ausgedrückt.  Leben, das leben will… niemand lebt für sich allein, sondern wir alle stehen
in der Welt, in dieser Schöpfung.  Und diese Schöpfung hört Paulus stöhnen und seufzen.

  1. Im Laufe der Geschichte: Leiden zu Zeiten Calvins, Leiden 1940 in Coventry, Leiden vor 6 Jahren

Wenn wir uns die Geschichte der Menschheit ansehen, sind zu allen Zeiten immer wieder große Leidensereignisse auf
Menschen eingeströmt. 1937 malte Picasso sein Gemälde „Guernica“, das das Leiden in der baskischen Stadt, die von
den Deutschen während des spanischen Bürgerkrieges bombardiert wurde, darstellt.
Grau in Grau malt Picasso sein Bild und es zeigt Menschen und Tiere, die stumme Schreie aus schmerzverzerrten Gesichtern
ausstoßen. Das ganze Grauen des Krieges wird hier sichtbar.

Heute vor genau 70 Jahren, am 14. November 1940, wurde die Stadt Coventry in England von deutschen Bomben getroffen.
Die wunderschöne Kathedrale lag in Schutt und Asche, unermessliches Leid war über die Bevölkerung hereingebrochen. Coventry
wie das zerstörte Würzburg steht für die Leiden, die der 2. Weltkrieg über die Bevölkerung gebracht hat.

Vor 12 Jahren, als dieser Predigttext zum vorletzten Mal an der Reihe war, ging auf den Tag genau die vierte Weltklimakonferenz
zu Ende. Erschütterung über unsere Welt, in der Erdbeben und Überschwemmungen als Folge des Klimawandels wahrgenommen
wurden, beschäftigten die Menschen. Jetzt muss ein Umdenken geschehen, forderten wir alle angesichts der graubraunen
Schlammassen, die wir über Häuser und Straßen rollen sahen.

  1. Leiden heute

Heute, im Jahr 2010, beschäftigt uns das Leiden in der Welt immer noch.  Die Welt hat sich nicht verändert, obwohl die Leiden
immer wieder sichtbar sind. Ölverschmierte Pelikane, die uns vor einem halben Jahr noch in Angst und Schrecken versetzt haben,
sind längst von der Bildfläche verschwunden und die Tonnen von Öl im Golf von Mexiko sind mit Hilfe von noch giftigeren Chemikalien
aus unserem Blickfeld unter die Oberfläche verbannt worden. Wir sehen, wie die Kreatur seufzt. Wir sind von Umweltzerstörung
umgeben, können die Folgen unseres Umgangs mit der Natur überall wahrnehmen. Aber wir finden scheinbar keinen Weg, wie wir
damit umgehen können. Auch seelisches Leid gehört zu unserer Wirklichkeit. Burnout ist in aller Munde, das Gefühl, „Stress“ zu haben,
gehört mittlerweile zu einer ganz normalen Zustandsbeschreibung aller Menschen. „Grau“, trüb, ausgelaugt fühlen sich viele. Und
irgendwie gehört das inzwischen ganz normal zu unserem alltäglichen Wortschatz – gestresst, überarbeitet.

  1. Umgang damit heute: Lähmung, Stress, Resignation

Wie soll man nun damit umgehen, mit diesem Leid in der Welt, inmitten dessen wir stehen und das uns das Herz schwer werden lässt?

Der eine Weg, der gerne von Straßenpredigern und fanatischen Gruppierungen gewählt wird, ist der, das Evangelium des heutigen
Tages in die Tradition des Tun-Ergehen-Zusammenhanges zu stellen und zu sagen: seht, das Gericht wird kommen, es zeigt sich schon
in diesen Ereignissen und Naturkatastrophen, ihr müsst Buße tun und dann werdet ihr verschont werden.

Der andere Weg, der von den meisten gewählt wird, ist der des Verdrängens.
Wir neigen in unserer Gesellschaft dazu, alles Leiden zu verdrängen. Gesund, leistungsstark sollen wir sein. Jeder ist seines Glückes
Schmied, du musst positiv denken, du hast dein Leben in der Hand. Die Gefahr ist, dass wir uns gerade dadurch in eine Lähmung
hineinbegeben. Wir wollen das Graue verdrängen, los werden. Doch wer die Angst und das Leid in der Welt verdrängt, kann erstarren
und findet so keine Kraft mehr, sich dem Leben zuzuwenden.
Wir sind in unserer westlichen Gesellschaft eher a-pathisch, wörtlich übersetzt „nicht-leidend“. Unsere Gesellschaft sieht das Ziel darin,
Leiden zu vermeiden und drängt somit aber auch die ganze „Leidenschaft“ aus dem Leben heraus. Denn es ist die Leidenschaft, die
echte Beziehungen ermöglicht, die Leidenschaft, die die Intensität und alle Facetten des Lebens bedeutet. Denn der pathos hat beide
Seiten in sich: die des Leidens und die der Leidenschaft. Wenn ich das eine vermeide, verliere ich damit auch das andere. Und durch
ein Hintertürchen schleicht sich die Leidenschaft dann wieder hinein in unsere so funktionstüchtige Gesellschaft. Durch die Depression,
die Lähmung, den Burnout verschafft sie sich wieder einen Platz, und will uns damit ein Signal geben: du kannst die großen Gefühle
nicht aus deinem Leben verdrängen, sie gehören zum Menschsein dazu.

 

  1. Umgang bei Paulus: Hoffnung – Wehen

Paulus zeigt uns einen ganz anderen Weg. Er bleibt nicht stehen dabei, eine Welt grau in grau zu zeichnen. Er verdrängt aber auch
nicht, dass das Leid da ist.  Ja, er sieht das Leid und beschreibt das Seufzen und Stöhnen der Kreatur plastisch und wachrüttelnd.
Aber das ist nicht sein letztes Wort.

Schade, dass Martin Luther übersetzt „die Schöpfung seufzt und ängstigt sich“. Denn damit enthält er uns das wunderbare Bild vor,
das im Urtext steht: die Schöpfung stöhnt und liegt wie eine Frau in den Wehen der Geburt“ steht da nämlich.
Und diese Übersetzung rückt das Bild des Leidens aus dem Grau in ein farbigeres Licht. Hier keimt Hoffnung auf, die in den Worten des
Paulus zu finden ist. Eine Geburt ist ein schmerzvoller Prozess, aber einer, der etwas Neues hervorgehen lässt.

Wenn wir hier vom Leiden sprechen, dann ist kein persönlicher Schicksalsschlag, den jemand erlitten hat, gemeint. Nein, Paulus spricht
von dem Leiden, dass in der Welt überall zu finden ist, als abstrakte Größe. Dies ist eine Leidenschaft für das Leben.
Wenn ich aus dem Geist Gottes heraus mein Leben gestalte, dann leide ich an den Verhältnissen in dieser Welt. Dann spüre ich das
Seufzen der Kreatur und spüre, dass ich mit ihr verbunden bin. Und bin so verbunden mit dem Leben selber.
Diese Leidenschaft lähmt mich nicht, sondern sie bringt Farbe in mein Leben. Leidenschaftlich leben, das heißt, vorwärts gewandt leben.
Dies ist kein Leiden, das mich passiv, resigniert, stumm und gelähmt werden lässt. Dieses Leiden bindet nicht unsere Kräfte, sondern es
setzt Kräfte frei.
Nicht aus Angst vor einem Weltenrichter handle ich gut, dies wäre ein fatales Missverständnis. Das Himmelreich muss niemand sich
verdienen. Denn wenn dieser Weltenrichter ein „gerechter“ ist, das war ja schon die großartige Entdeckung Martin Luthers, dann
orientiert er sich auch an seinem eigenen Verständnis von „Gerechtigkeit“. Und diese Gerechtigkeit verstehen wir Menschen ja immer
als eine, die in recht und Unrecht unterteilt. Eine, die bestimmte Paragraphen anwendet und auf einer Waage die guten und die schlechten
Taten gegeneinander aufwiegt. Was für ein fatales Missverständnis, dass durch solche Schafe und Böcke- Bilder noch verstärkt wird.
Nein, dieser Richter ist einer, der eine Gerechtigkeit ausübt, wie sie im Reich Gottes herrscht. Eine Gerechtigkeit, wie sie die Arbeiter
im Weinberg erfahren haben, die alle den selben Lohn empfangen haben. Eine Gerechtigkeit, die ein gütiger König ausübt. Eine Gerechtigkeit,
die nicht gerecht spricht, sondern gerecht macht. Die Böcke werden auch nicht dafür gescholten, dass sie schlechtes getan haben,
sondern dafür, dass sie nichts getan haben.
Und um noch einen Schritt weiter zu gehen: Schafe und Böcke sind nicht zwei verschiedene Menschenarten, sondern jeder von uns hat
das Schaf und den Bock in sich. Und alles das, was in uns zu dieser Seite gehört, wird aus uns ausgesondert, das lassen wir zurück, das
gehört nicht ins Himmelreich.
Dieses Bild vom Gericht verstehe ich dann nicht als eines, das mir zeigt, wie am Ende der Tage mit uns verfahren wird, dann käme ich
auch sehr in die Bredouille mit all den anderen Bildern vom Jüngsten Tag, die in der Bibel noch so zu finden sind und die andere Vorstellungen
zeigen. Nehmen wir auch dieses Wort als ein Wort für unser Leben, so wie alle biblischen Texte, dann zeigt es mir ein Stück Himmelreich
auf Erden. Es zeigt mir, wie ich leben kann. Ich kann mitleidend leben und in dem Geringen Gott erkennen. Nicht die Augen verschließen,
sondern die Leidenschaft zulassen und die Gefühle in mein Leben lassen. Da sind sie sowieso, und wenn sie durchs Hintertürchen sowieso
reinkommen, dann will ich sie lieber bewusst hineinlassen und sie so mein Leben bereichern lassen.

Leidenschaftlich leben heißt, erwachsen werden.
Es heißt, die Welt bunt zu sehen lernen. Alle Farben gehören dazu. Wenn ich lerne, die dunklen Farben zu leben, wenn ich mich von der
Leidenschaft mitnehmen lasse, dann zeigt sie mir auch die hellen, strahlenden Farben des Lebens. Denn Leiden und Liebe gehören
zusammen, nicht umsonst heißt es altmodisch formuliert „Ich mag dich leiden“. Die Liebe Gottes leidet mit, und führt so in die Tiefe des
Daseins. Wo Liebe und Leiden zusammenkommen, da wird Neues geboren. Da setzen wir uns für das Leben ein. Da finden wir uns nicht ab.
Da handeln wir wie der Erzbischof von Coventry, der zwei verkohlte Dachbalken aus der zerstörten Kathedrale zu einem Kreuz aufstellen,
aus den Nägeln der Balken Nagelkreuze herstellen ließ und betete: Vater, vergib den Schuldigern.
Gott bekennt Farbe und will uns das Leben schenken, der gesamten Kreatur. In Jesus hat er mit uns mitgelitten. Er war also, um es zu
überstezen, ein sympathischer Gott. Genau das Gegenteil der Apathie ist dieser Gott, und damit bringt er Farbe in unser Leben. Jesus
ruft mich in seine Nachfolge. Wenn ich mich auf eine innige Beziehung mit Jesus einlasse, dann beschränkt sich mein Leben nicht auf Jesus
und mich. Wenn ich Jesus nachfolge und ihm gehorsam bin, dann zeigt sich das auch in meinem Zusammenleben mit den anderen Menschen.
Meine Nachfolge hat dann konkrete Folgen: ich komme aus meiner Apathie heraus und folge der Sympathie Jesu. Ich tue das, indem ich zu
meinen schwachen Seiten stehe. Und ich tue das, indem ich mich stark mache für das Schreien und die Tränen der anderen.

Diese Hoffnung ist es, zu der ich als Christ, als Christin berufen bin, die er mir schenkt und mit der er unser aller Leben bunt macht.

Amen.


Zur Übersicht Predigten
Zum Seitenanfang.


© Copyright für Text und alle Bilder by Ev.-Luth. Kirchengemeinde Eisingen-Kist-Waldbrunn
Am Molkenbrünnlein 10, D-97249 Eisingen