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Gottesdienst 19. Sonntag nach Trinitatis (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)


Am Hofe gab es starke Leute und gescheite Leute, der König war ein König, die Mädchen waren schön und die Männer
mutig, der Pfarrer fromm und die Küchenmagd fleißig – nur Columbin, Columbin war nichts. Wenn jemand sagte:
„Komm Columbin, kämpf mit mir“, sagte Columbin: “Ich bin schwächer als du.“ Wenn jemand sagte: “Wie viel gibt
zwei mal sieben?“, sagte Columbin: „Ich bin dümmer als du.“ Wenn jemand sagte: „Getraust du dich über den Bach
zu springen?“, sagte Columbin: „Nein, ich getrau mich nicht.“ Und wenn der König fragte: “Columbin, was willst du
werden?“, antwortete Columbin: „Ich will nichts werden, ich bin schon etwas, ich bin Columbin.“

Liebe Schwestern und Brüder,
Wie sieht es eigentlich mit Ihren guten Vorsätzen aus? Hatten Sie sich zu Beginn des Jahres etwas vorgenommen, was Sie
erreichen wollten? Wollten Sie in diesem Jahr eine schlechte Angewohnheit ablegen wie einen zerschlissenen, ausgedienten
Mantel, den man endlich zur Altkleidersammlung gibt?

Oder haben Sie einen Neustart im Auge? Ein Datum, an dem es nun endlich Schluss sein soll mit den schlechten Angewohnheiten,
und sie abgelegt werden sollen?

Paulus fordert dazu auf, den alten Menschen abzulegen und den neuen anzuziehen.

Text

Ach ja, wie gern würden wir diesen alten Menschen ablegen und fortan wahrhaftig, treu und ohne Grimm leben. Diese Sehnsucht
kennt jeder von uns. Ganz neu werden, gerecht und gut, geheiligt für Gott und das neue Leben in seinem Geist. Das Alte abtun
und neu werden.

Die fünf Kinder, die wir heute taufen, werden symbolisch diesen Schritt gehen.
In der Taufe, da wird eben dies Alte abgewaschen. Der Noah hat es selbst letzte Woche im Reliunterricht schon gesagt: Das Wasser
der Taufe macht mich neu, alles, was nicht zu Gott gehört, wird abgewaschen und ich mache einen neuen Anfang mit Gott.
Früher wurde das sogar noch sichtbarer als heute, denn früher wurden die Menschen im Fluss getauft und dabei ganz untergetaucht.
Sie zogen sich auch ein neues Kleid an: ein weißes Taufkleid.

Das Alte soll abgelegt werden, das Neue angezogen.

Oh je, und genau da sind wir bei einem Problem angelangt.
Ich bin getauft. Schon lange. Und doch gelingt es mir nicht, das Alte abzulegen. Ich bin ein Mensch, ich mache Fehler, ich werde schwach,
ich halte die guten Vorsätze nicht durch. Ich bin wie gelähmt, und trotz aller Bemühungen kann ich nicht in Bewegung kommen.

Jesus reagiert darauf so wie er auf die Aktion der Freunde des Gelähmten reagiert. Er vergibt ihm seine Sünden, er spricht ihn frei von
allem Können-Müssen, von allem Leisten-Müssen, von der verzweifelten Bemühung, alles gut und richtig machen zu müssen, die letztlich
dazu geführt hat, dass er sich gar nicht mehr rühren konnte.
Jesus hat die Not in seinem Herzen erkannt und den Druck, der nach Außen gar nicht erkennbar war.
Und so, wie Jesus den Gelähmten anblickt, blickt er auch uns an. Jesus weiß, dass wir Menschen uns unter Druck setzen und es perfekt
machen wollen. Ab Montag keine Lasagne mehr, nie mehr. Ab heute ein guter Mensch, wahrhaftig und treu, geheiligt und gut. Wir leben
in einer Gesellschaft, in der Leistung zählt, und nur Leistung. Auch, wenn das Bewusstsein dafür schon da ist, sind wir immer noch
genauso strukturiert: Erwerbsarbeit ist die Einzige, die zählt und die uns Anerkennung und Auskommen verschafft. Dass wir längst in
einer Welt leben, in der die Arbeit lange nicht für alle da ist, verschlimmert diese Situation noch statt dass es die Gesellschaft zum
Umdenken bringt. Die Noten am Ende des Schuljahres sind alles, was zählt, das Sozialverhalten kommt höchstens als neuer
Leistungsfaktor dazu. Ehrenamtliches Engagement bei Jugendlichen wird schnell zu einem weiteren Leistungsfaktor umgemodelt:
besser Chancen bei der Ausbildungsplatzsuche hat der, der sich engagiert.
Der Druck ist gnadenlos, wir müssen leisten, funktionieren, ohne Ausnahme, ohne schwachen Moment. Mit der Schnelligkeit müssen
wir mithalten, immer erreichbar, immer flexibel, allzeit bereit, das ist der gute Mensch von heute.

Wir wissen, dass es so ist und darum versuche wir vielleicht gegen zu steuern: ich werde Auszeiten festlegen, ich werde nein sagen,
ich werde mir in meinem Kalender Zeiten für mich eintragen. Und daraus entsteht das nächste Hamsterrad, denn auch da versage ich
zwangsläufig und fühle mich desolat, weil ich mich anscheinend nicht abgrenzen kann. Wieder der vertrackte Leistungsgedanke steckt dahinter.

„Halt“ sagt Jesus hier zu uns. Halt, denn darum geht es nicht. Bei der Heilung des Gelähmten ging es nicht darum, dass der wieder
laufen kann, sondern dass ihm das, was ihn lähmt, abgenommen wird: seine Schuld.

Und auch bei uns geht es nicht einfach nur darum, das Alte abzulegen und ein neues, gutes Leben zu leisten.
Die Bibel hat in jedem ihrer Texte einen Knackpunkt versteckt, denn es zu finden gilt, einen Punkt, an dem das, was da steht, ganz
anders gemeint ist als alles, was uns in unserem Alltagsdenken so gefährlich vertraut ist.

Es geht um das Ablegen dürfen, nicht um das Ablegen müssen. Paulus erinnert uns hier an das Versprechen, dass uns allen in der Taufe
gegeben wurde: du darfst ablegen.
Vielleicht haben Sie es sogar getan, als Sie heute morgen hier in diese Kirche gekommen sind: erst einmal abgelegt. Eine Zeichenhandlung
sozusagen. Sie haben ihre Jacke abgelegt und sind dann hereingekommen.
Dann haben Sie es symbolisch gesprochen: Sie haben erst einmal abgelegt, indem wir gemeinsam das Sündenbekenntnis gesprochen
haben. Diese Worte sind nicht, wie wir es vielleicht heute oft meinen, gedacht, um uns – typisch Kirche- immer wieder als Sünder abzustempeln.
Diese Worte am Beginn unseres Gottesdienstes, ob als gemeinsames Sündenbekenntnis oder als Kyrierufe formuliert, wollen ein Ablegen
verdeutlichen: zu Gott darf ich kommen, wie ich bin, bei ihm darf ich meine Sünden ablegen. Er kennt mein Herz, erweiß meine Gedanken,
er weiß, dass ich immer wieder doch die alte bequeme Jacke angezogen habe und mich in ihr gemütlich eingerichtet habe. Ich darf sie
ablegen und ihm hinlegen.

Und nun darf ich anziehen. Jesus hält mir wie einen Mantel seine Gnade hin.
Bei mir bist du geborgen, schlupf hinein.
Voller Vergebung, ohne Nachtragen, hat Gott seinen Sohn für uns gegeben. Er hat für uns gelebt, ist für uns gestorben und auferstanden,
um uns genau das zu zeigen: so wie du bist, bist du richtig, vertraue darauf. Immer wieder macht er uns Lust auf unsere neue Garderobe,
immer wieder hält er uns den neuen Mantel hin.
In der Taufe sichtbar zum ersten Mal, in unserem weiteren Leben immer wieder, in jedem Gottesdienst, in jedem Augenblick. Er gibt uns
immer wieder eine neue Chance und er traut es uns zu. Dabei ist es keine Leistung, kein Müssen, wenn ich zu diesem neuen Mantel greife.
Es ist ein Nehmen dürfen, ein mich umhüllen lassen dürfen. In diesen Mantel darf ich hineinschlüpfen und mich geborgen fühlen. Ich muss
ihn nicht herzeigen, als Beweis, dass ich gewechselt habe. Mit diesem neuen Mantel muss ich nichts zeigen.
Jesus hält ihn mir hin und nimmt mich darin auf.

Das Neue ist keine Leistung, die ich erbringe, keine besonders fromme neue Haltung. Das Neue ist ein reines Geschenk an mich. Mitten
im Alten geht es nicht darum, ausziehe zu müssen und neu anziehen zu müssen, sondern es geht darum, dass Jesus auch uns in unser
Herz sieht. Auch deine Not sieht und den Druck, in dem du lebst. Er sagt dir nicht, was du jetzt musst, um noch besser zu funktionieren.
Nein, er vergibt dir zunächst einmal deine Sünden, er nimmt dein Versagen in sein großes Herz auf, er schenkt dir Liebe und Geborgenheit,
ganz unverdient. Und lässt uns so aufstehen und weitergehen, mit leichten Schritten und auf breiter Straße. So wie wir sind, unseren Weg.

Amen.


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