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Gottesdienst 16. Sonntag nach Trinitatis (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)


Liebe Schwestern und Brüder,

„Fürchte dich nicht!“ dieser Satz ist ein biblisch überlieferter Satz, ein Satz, der immer wieder fällt.

Von Furcht ergriffen sind viele Menschen, so hat es eine Langzeitstudie gerade heraus gestellt. So viele Menschen wie in den
vergangenen 20 Jahren noch nie haben angegeben, Angst zu haben. Sie fürchten sich wegen der schlechten Wirtschaftslage.
Ist mein Einkommen noch sicher? Werde ich meinen Arbeitsplatz behalten? Werden meine Arbeitsbedingungen sich verschlechtern?
Sie fürchten sich wegen der vielen berichteten Naturkatastrophen. Was bedeutet es, dass Erdteile überschwemmt werden oder
unter großer Trockenheit leiden? Nehmen die Erdbeben zu? Was ist mit der Klimakatastrophe? Wird das alles noch ganz schlimm
werden, auch für uns? Und sie fürchten sich vor dem alt werden, davor, ein Pflegefall zu werden, auf fremde Hilfe angewiesen zu
sein und das bei all den Berichten von Kürzungen gerade in diesem Bereich.
Die Sorge über den Unfrieden zwischen den Völkern und Religionsgruppen, die Sorge über eine Labilität der Politiker sind im Vergleich
zu diesen drei großen Ängsten gering.

„Fürchte dich nicht“ haben wir eben gesungen und dabei die Worte selbst laut ausgesprochen, die Gott auch zu uns sagt. Er sieht,
dass viele gefangen in ihrer Angst sind, sich nicht mehr raus sehen.

Was ist das für ein Phänomen, dass so viele Menschen von Furcht, von Angst ergriffen sind in unserer Zeit? Und warum wird diese
Angst so stark thematisiert, und damit noch größer gemacht, als sie ohnehin schon ist? Wie ein Schneeballeffekt kommt mir diese
Angst vor, die immer größer wird, je mehr sie beschworen wird.

Es erinnert mich an den kleinen Jungen, der abends im Bett liegt und  angstvoll die langen Schatten an der Wand beobachtet, die
bei Tageslicht betrachtet gar nicht existieren.

Furcht, oder, wie man es noch übersetzen kann, Verzagtheit hat viele Menschen ergriffen.
Allerdings ist dieses Gefühl keines, das erst heute unsere Welt beherrschen möchte, auch wenn es uns so scheint. Furcht kennen
die Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten. Furcht, Verzagtheit, empfanden Maria und Marta beim Anblick ihres kranken Bruders.
Werden sie ihn verlieren? Sie schicken nach Jesus, er soll kommen, Lazarus helfen! Und als er kommt, sind sie wieder verzagt: Lazarus
ist tot, Jesus kommt zu spät. Dass er Lazarus vom Tod auferwecken könnte, das können sie sich in ihrer Verzagtheit nicht vorstellen.

Furcht empfanden die ersten Christen, an die sich unser Predigttext richtet, die in Bedrängnis, Not und Ängsten waren. Sie wurden
verfolgt für ihren Glauben und von Irrlehrern irritiert, sie waren verzagt und trauten sich nicht, mit ganzem Herzen zu glauben und
diesen Glauben auch zu leben.

Die Furcht ist ein Gefühl, dass definitiv zuviel Raum in unserer Gesellschaft einnimmt. Allerdings hilft es ja nun mal nichts, der Furcht
den Rücken kehren zu wollen, sie einfach wegzudiskutieren oder wegzuleugnen. Nein, im Gegenteil, in solchen Fällen reibt sich die
Furcht erst in diebischer Freude ihre Hände und fühlt sich ihrer Sache ganz sicher: dann wird sie durchs Hintertürchen hereinschleichen
und sich ganz unbemerkt Platz verschaffen, hinter meinem Rücken quasi.

„Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit ihr lebst du“ hat Fritz BAltruweit gedichtet und damit die wichtige Wende vollzogen.

Mit ihr leben wir sowieso – ob wir sie nun leugnen oder ihr geradewegs ins Auge sehen. Die Furcht ist eines der menschlichen
Grundgefühle. Die Angst gehört zum Leben wie die Freude. Alle Gefühle, die es gibt, empfinden wir auch iirgendwann einmal.
Die Kunst ist nicht, keine Angst zu haben. Die Kunst ist, mit der Angst leben zu lernen.

Schauen wir sie uns doch mal einmal näher an, die Angst.
Riesengroß wie die Schatten an der Wand kommt sie mir vor. Bei Tageslicht betrachtet sehe ich, dass hinter den riesigen Schatten
nur die Kordel meines Vorhanges steckt, die sich ein bisschen bewegt und deren verzerrte Umrisse durch das Licht der Straßenlaterne
an die Wand geworfen werden.

Riesengroß wirkt Herr Turtur in der Geschichte „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“. Die beiden Helden begegnen ihm mitten
in der Wüste. Riesig ist er und zum Fürchten laut heult er. Doch merkwürdig, es ist mit ihm anders als mit anderen Menschen: je näher
Jim und Lukas Herrn Turtur kommen, desto kleiner wird er! Er ist gar kein Riese, er ist nur ein Scheinriese. Als sie schließlich vor ihm
stehen, sehen sie, dass er nur ein normaler, sehr einsamer kleiner Mann ist, der vor Einsamkeit weint und sich verloren und verkannt fühlt.

Ein bisschen so ist es auch mit unserer menschlichen Frucht. Je weiter ich sie weg schiebe, desto größer wird sie und desto schauerlicher
heult sie. Wenn ich aber den Schritt auf sie zu gehe, kann ich sie mir auch anschauen und stelle vielleicht fest, dass dahinter etwas einsames,
weggeschobenes steckt. Ein Teil von mir, der dringend mal angesehen werden möchte und der vielleicht so laut heult, weil er sich auf
diese Weise Gehör verschaffen will.

Meine Furcht ist ein Teil von mir. Wenn ich sie anschaue, wenn ich sie ernst nehme, wird sie vielleicht viel kleiner und ich stelle fest, dass
dahinter gar nichts so schreckliches steckt, sondern etwas, das ich vernachlässigt und einsam in die Wüste geschickt hatte, wie Herrn Turtur.

Unser Predigtext nennt uns nun drei gute Mittel, die Gott uns gegeben hat, und die uns helfen können unseren Scheinriesen einmal
anzupacken und uns ihm mal mutig zu stellen: Die K raft, die Liebe und die Besonnenheit.

Gottes Kraft wird uns von ihm geschenkt und ist gerade in den Schwachen mächtig. Sie steckt gerade in dem, was hinter der heulenden
Riesen-Fassade steckt. Wenn ich es anblicke und mir meinen Herrn Turtur mal ernst nehme, dann spüre ich, wie die Furcht ihre Macht
über mich verliert.

Gottes Liebe ist mehr als Schmetterlinge im Bauch. Diese Liebe bedeutet Vertrauen und diese Liebe ist stark. Mit dieser Liebe kann ich
das, was hinter meiner Angst steckt, vielleicht ins Herz schließen und mich damit versöhnen.

Die Besonnenheit schließlich sorgt dafür, dass ich mir dafür Zeit nehme und Zeit lasse. Ungeduldig möchte ich am liebsten gleich entdecken,
was nun mein Herr Turtur ist. Okay, du bist ein Scheinriese, ich hab dich! möchte ich ihm entgegen schreien und wie bei der Fee und dem
Zauberstab Sterne sprühen sehen und ein kleines, lieb zu gewinnendes zerzaustes Etwas mit großen traurigen Augen zu meinen Füßen
stehen sehen. Nein, da habe ich etwas übersehen. Jim und Lukas gehen langsam auf den Scheinriesen zu. Sie nehmen sich die Zeit, sich
im anzunähern.
JA, die Besonnenheit sorgt dafür, dass ich nichts überstürze. Dass ich den Weg in meinem Tempo gehe, mir vielleicht einen Wegbegleiter
suche, der mit mir geht, auf mich achte.
Denn auch wenn es ein Scheinriese ist – er heult! Und er hat mich vielleicht viele Jahre in Schrecken versetzen können. Ich darf mir Zeit
lassen und ihn langsam näher anschauen.

Kraft, Liebe und Besonnenheit – diese Gaben wünsche ich uns allen, damit wir wie Maria und Marta weiterhin an der frohen Botschaft
festhalten und sie weitertragen.
Amen.


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