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Gottesdienst Estomihi (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Liebe Gemeinde,

„nicht erschrecken!“
Wenn eine Nachricht so beginnt, dann sind wir meistens sofort in Alarmbereitschaft und erschrecken sehr wohl. „Nicht erschrecken,
ich hatte einen Unfall, aber mir ist nichts Schlimmes passiert!“ kann so eine Botschaft zum Beispiel lauten.

Auch die Jünger Jesu werden sehr wohl erschrecken im Laufe seiner Abschiedsreden, die er mit den Worten unserer Jahreslosung
einleitet. Nicht erschrecken, nicht den Glauben sollt ihr verlieren, aber es wird in den nächsten Tagen sehr viel Schlimmes mit uns passieren,
ich werde leiden und qualvoll sterben und ihr werdet verfolgt werden um meinetwillen, aber macht euch keine Sorgen und behaltet euren
Glauben! So ungefähr, überspitzt ausgedrückt, spricht Jesus nun zu seinen Anhängern, die ihre Familien und ihr Zuhause verlassen und mit
ihm frei und glücklich durch die Lande gezogen sind.

Auch wir heute sind durchaus erschrockene Menschen und auch uns will dieser Satz Jesu etwas sagen. Im Vergleich zu den Jüngerinnen
und Jüngern damals haben wir noch einen Vorsprung, denn wir wissen, wie es weiter ging, dass er auferstanden ist, der Sohn Gottes und
wahrhaftig den Tod besiegt hat. Allerdings haben wir auch die Erfahrung, dass wir nun schon 2000 Jahre warten, dass er wiederkommt
und sein Friedensreich endgültig unter uns aufrichtet.

Wir sind erschrocken. Die Krise in der Wirtschaft, im Gesundheitssystem, in der Weltpolitik und im Umweltschutz erschreckt uns. Die
Naturkatastrophen und die Greueltaten, zu denen Menschen fähig sind erschrecken uns. Erfahrungen, die wir im Leben machen, Krankheit,
Schmerzen, der Verlust eines geliebten Menschen und die Trauer erschrecken uns.

In diese Angst und in diesen Schrecken hinein ruft Jesus zu uns: Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Und dieser Bibelvers aus dem Johannesevangelium ist uns als Jahreslosung für das Jahr 2010 ausgewählt worden.

Allerdings sagt er nicht: Erschreckt nicht, sondern: Euer Herz erschrecke nicht. Und dieses Wort Herz muss uns und unserem deutschen
Ohr erklärt werden, wenn es in einem Bibelvers vorkommt. Das Johannesevangelium ist vom hebräischen Denken geprägt und im Hebräischen
meint das Wort Herz nicht nur den Sitz der Emotionen, wie bei uns. Herz und Verstand sind keine einander gegenüber gestellten Begriffe,
sondern das Herz umfasst sowohl das Fühlen als auch das Denken, und sogar das verantwortliche, ethische Handeln des Menschen. Das
Herz ist als das Ich des Menschen, es betrifft ihn ganzheitlich in seinem gesamten Inneren.

Wenn ich das Bild betrachte, dann wird mein Blick als erstes von der Mitte angezogen. Inmitten der tiefen, vollen Farbspiele bildet die
helle, nur sehr zart gemalte runde Mitte einen Ruhepunkt. Wie ein Strudel scheint sich alles andere auf diese Mitte hinbewegen zu wollen.
Kleine blaue Farbsprenkel verbinden die Figuren, die ich links im tiefen Blau schemenhaft erkennen kann, mit dieser Mitte. Es geht in die
Tiefe. Balu ist eine Farbe, die mich mit hineinzieht in das Bild, die eine Tiefe hat. Bau ist die Farbe des Himmels. Die Figuren lösen sich
mehr oder weniger aus dem Blau. Sie scheinen sich dieser Mitte entgegenzustrecken. Eine Sehnsucht treibt sie an, lässt sie sich aufmachen,
der Mitte entgegen. Diese Figuren sind in dem Blau bereits in der Wirkmacht des Himmels, sie leben bereits in dem Raum, auf den sich ihre
Sehnsucht richtet. Was ist es, was sie so anzieht? Die Figuren scheinen mehr zu sehen, als die Künstlerin uns zeigt. Für unser Auge ist das,
was in der Mitte liegt, unsichtbar. Aber es ist nicht nichts. Es hat eine Tiefe, in der auch wir Betrachter mit hinein genommen werden. Unsere
Sehnsucht richtet sich auf diese Mitte.

Der Strudel beginnt rechts unten. Schwarz und rot dominieren hier, werden langsam zu tiefem blau, dann zu türkis und schließlich löst sich
alles und geht auf in Helligkeit.
Untern rechts mischen Schwarz und Rot sich. Schwarz, die Farbe der Trauer, der Krise. Die Farbe des Erschreckens. Doch Rot gehört dazu,
vermischt sich mit der schwarzen Seite. Es ist die Farbe des pulsierenden Lebens, der Kraft, der Wut, der Lebendigkeit. Dort, wo mein Erschrecken
und Erstarrtsein ist, dort ist auch die Wurzel der Kraft und der Lebendigkeit, die mich hochwirbeln und wieder in Bewegung bringen kann.
Auch in diesem Schwarzen Teil sehe ich Menschen. Sie sind viel kleiner als die blauen Figuren. Sie stehen einsamer, vereinzelter. Sie zögern noch,
sie scheinen sich noch nicht aus ihrer Starre lösen zu können. Doch weiter links, in dem kraftvollen Rot, da sind schwarze Umrisse. Als wenn
ihnen wer die Hand reicht, um sie mit hinaufzuziehen. Zu Ihnen scheint Jesus zu sprechen: Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt
an mich. Schließlich fällt mein Blick auf den rechten Bildrand. Hier sehe ich eine Figur, die klarer abgegrenzt ist als die anderen. Sie ist größer und
steht wie auf einer Wolke. Und auch, wenn sie sozusagen auf der anderen Seite steht, ist sie doch mit den anderen verbunden, denn auch sie
hat die gleiche blaue Farbe und sie ist den anderen Figuren zugewandt. Vielleicht ist es Jesus, der uns hier so zugewandt erscheint.

Euer Herz erschrecke nicht. Diesen Zuspruch spannt die Jahreslosung wie ein schützendes Dach über das Jahr 2010. Wohl wissend, dass
wir uns vor diesem Jahr vielleicht erschrecken. Nicht vertröstend, uns vorgaukelnd wollend: es wird schon gut gehen. Sondern mit dem
Zuspruch: Gott geht mit uns mit. Erschrecken nicht vor Schmerz und Leid, sondern lass dich von deiner Sehnsucht leiten. Höre auf die
Stimme der Sehnsucht in dir, höre auf dein Herz und mache dich auf den Weg zur Mitte. Bleib nicht erstarrt stehen, sondern richte dich
auf. Lass dich nicht lähmen, sondern von der Kraft erfüllen. Lasse dich in deinem Herzen, also in deinem Fühlen, Denken und Handeln,
von deiner Sehnsucht leiten und mache dich auf den Weg des Glaubens. Dazu reicht er dir die Hand.

Amen.  



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