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Gottesdienst am 2. Advent den 6. Dezember 2009 (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Gott,
schenke uns ein Wort für unser Herz
und ein Herz für dein Wort.
Amen.

Text

Liebe Gemeinde,
Seid geduldig. ein toller Hinweis, der meist denen gegeben wird, die grad überhaupt nicht geduldig sind. Denen, denen die Warterei eh schon lang wird, wird nun noch ermahnend gesagt: Seid geduldig.
Mitten in ihre Ungeduld hinein. Mitten in die Unruhe hinein.

Seid geduldig – was meint nun Paulus damit eigentlich?
Wir verstehen diese Aufforderung am ehesten als eine Ermahnung: Kannst du es etwa wieder nicht erwarten? Hast du etwa in die üblichen Verstecke geschaut, wo die Weihnachtsplätzchen versteckt sein könnten?
Es erinnert mich an die schrecklichste Weihnachtsgeschichte, die ich als Kind gehört habe. Vielleicht kennen Sie sie auch.
Ein kleiner Junge stellt mit allen seinen Geschwistern seinen Teller unter den Schornstein, damit der Nikolaus nachts die Geschenke und Süßigkeiten darauf legen kann. Er kann es nicht erwarten, ist ungeduldig und hat Angst, dass er zu wenig bekommt und schiebt seinen Teller heimlich ein Stück vor, in die Mitte. Die Strafe folgt auf dem Fuße, am anderen morgen haben alle seine Geschwister herrliche Äpfel und Kekse auf ihrem Teller, nur sein Teller ist komplett leer geblieben. So ist es, wenn man ungeduldig und untugendhaft ist.
Natürlich gibt es die gütige Mutter und die wahre Herzensreue des Kindes und er bekommt eine zweite Chance und demütig stellt er seinen Teller erneut hin und siehe da, weil es dem Bub so arg leid getan hat bekommt er dann in der zweiten Nacht doch noch etwas auf den Teller und nie wieder wird dieses arme Kind sich anmaßen, seinen Teller zu weit in die Mitte zu schieben.

Aber wie sieht es denn eigentlich mit mir aus?
Warte ich eigentlich wirklich auf Weihnachten? Bin ich überhaupt so ungeduldig, dass Paulus mich ermahnen müsste? Oder verwechsel ich hektisch sein, tausend Dinge im Kopf haben, die ich noch vorbereiten muss,  mit Ungeduld? Manch einem Erwachsenen wäre es vielleicht sogar lieber, wenn es noch ein wenig länger hin wäre bis Weihnachten, denn dann hätten wir auch ein paar Tage mehr Zeit zur Vorbereitung. Irgendwie kommt das jedes Jahr unvermittelter. Ich finde überhaupt, dieses Jahr ist so schnell vergangen.
„Jesus kommt bald“ – ist das eigentlich wirklich eine Verheißung für Sie? Oder vielleicht mehr eine Drohung? Schnell, schnell, noch dies und das alles vorbereitet?

Liebe Gemeinde,
was ist eigentlich, wenn er wirklich kommt? Wenn er wirklich wiederkommt und in unsere Herzen einziehen will? Bin ich bereit, sind meine Tore weit und die Türen hoch? Am Ende muss ich mich dann versöhnen mit denen, mit denen ich mich seit Jahren gewohnt zerstritten habe, wenn er kommt, der Friedefürst. Und ich muss mich bewegen, meine gewohnten Bahnen verlassen, alles wird anders.
Ach nee, bleib lieber noch ein bissel weg, Jesus…
Wir haben uns so dran gewöhnt. Von der Nah-erwartung der ersten Christen, die direkt nach seiner Himmelfahrt auf seine Wiederkunft warteten, wechselte es zur Fern-Erwartung. Paulus begann Tipps für die Übergangszeit zu geben. Die Christen mussten sich damit auseinandersetzen, dass es länger als ihr eigenes Menschenleben dauern konnte, bis er wiederkommt. Angesichts von Tod und Trauer sind viele verunsichert und es fiel ihnen schwer, an der Erwartungshaltung festzuhalten. Und sind wir heute vielleicht ganz ehrlich gesagt eigentlich schon bei der Nicht-Erwartung angekommen? Ja, Advent und Weihnachten feiern wir – aber eher als Gedächtnis-Feier, als dass wir wirklich damit rechnen, dass er kommt, oder?
Das Evangelium des heutigen Tages hat uns in wilden, blumigen Bildern beschrieben, wie es aussehen wird, wenn er wiederkommt. Das wird nicht unbemerkt bleiben. Wie damals an der Krippe wird es vielleicht ungewöhnlich geschehen. Vielleicht wieder anders als erwartet. Damals erwartete man den Messias mit einem Schwert auf einem edlen Ross, stark und kämpferisch würde er die Römer besiegen und Frieden schaffen, dachte man. Und Überraschung, es kam ein Kind in einem armen Stall, und seine Waffen waren die Waffen des Lichtes.
Und viele konnten es nicht glauben. Waren nicht bereit, ihn in ihre Herzen einziehen zu lassen. Wer weiß, wie er es diesmal anstellt, uns zu überraschen.
Den meisten Christen verlieren also eigentlich eher die Geduld, an wirklicher Erwartung und wir brauchen eher einen Anschub, dass wir wieder wirklich etwas erwarten. Seid geduldig – das meint also auch: verliere nicht die Geduld und gib die Hoffnung nicht auf!

Bin ich bereit?
Wie sieht also eine Wartezeit aus, die ich geduldig und doch erwartungsvoll gespannt gestalte? Was ist das für eine Geduld, zu der Paulus mich mit dem Bild vom Bauern, der etwas sät und dann geduldig wartet, bis es wächst, auffordert?
Der Theologe Eberhard Jüngel hat den Satz geprägt „Geduld ist der lange Atem der Leidenschaft“. Denn nur, wenn ich wirklich für etwas brenne, wenn ich Leidenschaft spüre, wenn ich mit Liebe und Hingabe am Ball bleibe, dann habe ich die Geduld, dran zu bleiben. Das weiß jeder von euch, der einen langen Atem für etwas gebraucht hat. Wenn ich ein Instrument lernen will, brauche ich Geduld, und die stellt sich nur dann wirklich ein, wenn ich eine Leidenschaft für dieses Instrument entwickel, wenn es mir Spaß macht.
Wenn ich geduldig und doch leidenschaftlich bin, dann lebe ich in einer gespannt-erwartungsvollen Haltung. Einer Haltung, die Ausschau nach Gott hält. Diese Geduld ist keine apathische, abwartende, lethargisch auf dem Sofa vor sich hindümpelnde, sich die Zeit mit Gameboyspielen vertreibende gähnende Geduld, die nichts rechtes mit sich anzufangen weiß.
Diese Geduld ist eine, die in alle Ungeduld hineinkommt, wie die andere Seite derselben Medaille. Die eine ungeduldige Gespanntheit, eine freudige Erwartung ergänzt durch das Durchhalten können.
Wie das Warten vor der Wohnzimmertür auf den Moment, in dem das Glöckchen ertönt und ich hinein darf in die festliche Stube, in der der Tannenbaum glitzert und die Geschenke bereit liegen. Ohne die gespannte Erwartung wäre das nicht halb so gut.
Wie die freudige Gespanntheit 9 Monate auf die Geburt ihrer Söhne. Wie wird das werden? Was hat sich verändert? Wann ist es soweit?
Die Täuflinge werden heute in die Gemeinschaft der immer noch etwas Erwartenden aufgenommen. Nur, weil wir eine Hoffnung haben, die uns leitet, eine Botschaft, die wir weitergeben wollen und eine Idee, nämlich die Idee vom Reich Gottes und der Liebe Jesu, die wir weitergeben wollen, nehmen wir diese Kinder mit hinein.
Das Warten gehört dazu und es will ein aktives Warten sein, ein Warten, das ich gestalten kann, ein Warten, dass ich mit Vorfreude und Vorbereitung füllen kann. In dieser Wartezeit kann ich das Reich Gottes, das Jesus in die Welt gebracht hat, die ersten Zeichen von Frieden und Miteinander, von Liebe und Gemeinschaft, nicht vollenden. Aber ich kann mich jedes Weihnachten daran erinnern, dass das Reich Gottes nicht nur in ferner Zukunft schwebt, sondern dass es angebrochen ist. Das Jesus uns gezeigt hat, wie es aussehen soll. Und in freudiger Erwartung kann ich daran mitbauen, dass es ein Stückchen mehr in diese Welt hinein kommt. Jeden Sonntag ein Licht mehr. Mit jedem guten Wort und jeder Hilfe, die ich jemandem zuteil werden lasse, ein Stückchen mehr.

„Seid geduldig.“ Makrothymia ist das griechische Wort, das Martin Luther da mit Geduld übersetzt. Wörtlich übersetzt heißt es „Weites Herz“, „Großmut“. 
Und schon, wenn ich es so anders übersetze, mit weite dein Herz, habe großen Mut, dann höre ich nicht so sehr den erhobenen Zeigefinger, sondern mehr die Chance, die entgegen gestreckte Hand Gottes darin.
Gott will mich nicht ermahnen, mir meine Ungeduld absprechen. Gott will mich weiten. Mich himmeln und erden für seine Liebe.
Ein weites Herz will er mir schenken, eines, das Platz hat für Gott darin, das sich vorbereiten kann, immer wieder neu, dafür, dass er einziehen will und etwas von Gottes Liebe und Hilfe weiß.
Ein Herz, das aufsieht, ein Haupt, das sich erhebt zu Gott, weil seine Erlösung naht.
Amen.


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