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Gottesdienst am 1. Advent den 29. November 2009 (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Gott,
schenke uns ein Wort für unser Herz
und ein Herz für dein Wort. Amen.

Liebe Gemeinde,
und vor allem liebe Tauffamilie,  was möchten Sie Ihren Kindern mitgeben auf Ihrem Lebensweg?
Mit seinen elf Monaten ist ihr Kind noch ganz auf seine Eltern und seine Brüder angewiesen. Mit ihren Händen halten Sie ihn, tragen sie ihn, wickeln, füttern, streicheln sie ihm den Bauch, wenn er ihm weh tut.
Durch Ihre Hände spürt ihr Sohn, dass Sie ihn lieben, dass Sie für ihn da sind, dass er gehalten und geborgen ist in seinem Leben.

Die Liebe, die Kinder erfahren, macht sie zu starken Erwachsenen. Die Liebe ist es, die wir ihnen mitgeben können. Wer selber Liebe erfährt, kann leichter später aus einer Haltung der Liebe heraus sein eigenes Leben leben und diese Liebe an andere weitergeben.
Aber es kann auch ganz anders sein. Wenn ich selbst als Kind unter Lieblosigkeit gelitten habe, sei es in meiner eigenen Familie oder in meinem weiteren Umfeld, sei es in persönlichen Bezügen durch meine Mitmenschen oder durch die Umstände der Zeit, weil Krieg und Nachkriegszeit auch das Leben meiner Familie überschattet und verändert haben, dann kann es sein, dass mir die Liebe heute besonders wichtig ist.

Liebe weiterzugeben an meinen Nächsten, dazu fordert uns auch der Predigttext auf.

Text

Liebe, die ich weitergebe, macht das Dunkel hell.
Die erste Kerze am Adventskranz steht symbolisch für dieses Licht. Wenn ich in einem stockdusteren Raum bin, dann kann ich gar nichts mehr erkennen, die Hand vor Augen nicht. Dann kann ich Angst bekommen und die Orientierung verlieren. Wenn ich nun eine noch so kleine Flamme entzünde, und sei es ein Teelicht, dann wird diese stärker sein als alles Dunkel. Sie wird das Dunkel erhellen können. Dann erkenne ich Umrisse, Schemen, kann sehen, was um mich ist, und meinen Nächsten in den Blick nehmen.
Die erste Kerze brennt und bringt erstes Licht ins Dunkel.

Der Advent beginnt, die Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten, die Zeit des Wartens, die wir nutzen können. Wir stehen am Anfang des Kirchenjahres, im Warten auf den, der uns angekündigt wurde.
So, wie das Volk Israel damals auf den neuen Anfang mit dem Messias wartete, der ihnen von den Propheten angekündigt worden war. Sehnsüchtig. Ungeduldig. Erwartungsvoll. Ein Volk, das im Finstern wandelte. Ein Volk, das unter den Bedingungen seiner Zeit litt. Von den Römischen Besatzern ausgebeutet, unterdrückt, warteten sie auf den, der kommen und ihnen Friede und Freiheit bringen würde.
Einen neuen Anfang, darauf warteten auch die Menschen zur Zeit des Paulus. Sie litten unter den ersten Christenverfolgungen. Den Römern war dieses Grüppchen, das einen anderen Herrn als den Kaiser verehrte, ein Dorn im Auge. Sie waren gefährlich, denn sie wollten sich nicht unterordnen und in ihr Schicksal fügen. Sie hatten eine Hoffnung, Sie warteten sehnsüchtig, ungeduldig, erwartungsvoll auf die Wiederkunft Jesu.
Auch wir warten heute. Unsere Welt fühlt sich manchmal finster an. Vor der Klimakonferenz, die Mitte Dezember in Kopenhagen abgehalten wird, ist vor allem der Klimawandel ein Thema, der uns Sorge macht. Das Phänomen ist keineswegs neu. Schon vor 25 Jahren wurde FCKW plötzlich vermieden, um die Atmosphäre weniger zu belasten und seitdem weiß man auch, dass es zu einer globalen Erwärmung kommt, die durch unseren Lebensstil beeinflusst werden kann. Aber die Welt nahm nicht genug Notiz von den Warnungen der Forscher. Jetzt sind die Folgen zu spüren, zu sehen. Und jetzt stellt die Sorge sich ein. Ist es zu spät? Hat es überhaupt einen Zweck? Bin ich nicht nur ein kleines Rädchen, das sowieso nichts machen kann?
Immer mehr schreckliche Nachrichten, manche tauchen auf, obwohl sie vertuscht wurden, andere scheinen bewusst platziert, was kann man noch glauben? Was ist real, was ist virtuell?
Weltpolitik, die weit weg scheint, hängt direkt mit meinem Alltag zusammen. Das handy, mit dem ich telefoniere, enthält Coltan, ein Metall, das nur an ganz wenigen Orten dieser Erde gefunden wird. Zum Beispiel im Kongo. Genau darum tobt dort ein Krieg, der schon zwei Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Und ich bin jederzeit erreichbar, busy.

Die Welt ist so korrupt und so undurchschaubar, voller finsterer Machenschaften, dass ich leicht den Kopf in den Sand stecken kann. Das ist die eine Reaktion darauf. Ich fühle mich überfordert, ohnmächtig und klein. Schulterzucken. Es geht ja doch alles den Bach runter.
Die andere Reaktion auf diese Schreckensnachrichten ist die, zu versuchen, mein eigenes durchzuboxen. Meine Schäflein ins Trockene zu bringen. Jeder fängt an zu boxen, seine eigenen Interessen zu verfolgen. Solidaritätszuschlag? Wir haben schließlich selber Probleme, wieso sollen wir solidarisch mit anderen sein?! Mir schenkt ja auch keiner was.

Beide Haltungen, die Vogel-Strauß-Haltung und die des Egoisten, bringen nichts. Sie werden mich nicht glücklich machen. Wenn ich den Kopf noch so tief in den Sand stecke, ich werde die Nachrichten nicht aus meinem Kopf kriegen.
Wenn ich noch so sehr boxe, auch ich werde blaue Flecken kriegen und auf die Solidarität anderer angewiesen sein.

Einen neuen Anfang machen. Advent werden lassen. Dies ist die Alternative, die Gott uns schenkt. das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein Licht. Dafür brennt die erste Kerze.
Seid wachsam! fordert sie uns auf. Denn es ist nicht etwa nur eine Möglichkeit, mich von ihr ansprechen zu lassen, mich von ihr auffordern zu lassen, meine Augen aufzumachen, damit ich die ersten zaghaften Umrisse im Dunkel erkennen kann.
„Schuldig“ sind wir es uns, dass wir das Gebot der Nächstenliebe befolgen. Seid niemandem etwas schuldig, mahnt Paulus uns. Oder, mit heutigen Worten ausgedrückt, wir werden in die Pflicht genommen. Wir sind Christen. So wie der kleine Mika heute, sind wir alle getauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir sind als Christen in diese Welt gestellt worden, um Jesus nachzufolgen. Jeder von uns ist ein wichtiger Teil der Gemeinschaft. Wir sind nicht Christen, um uns kollektiv unter den Adventskranz zu setzen und zu jammern und wehzuklagen über diese Welt, in der wir leben. Wir kommen Sonntag für Sonntag zusammen, um gemeinsam unseren Glauben in dieser Welt zu leben. Wir hören auf das Wort Gott, sammeln unsere Kraft im Gebet, schöpfen aus der Quelle des Lebens und der Gemeinschaft und gehen gemeinsam einen Weg auf einen neuen Anfang zu. Denn wir können gemeinsam die Welt verändern, die Stimme der Schwachen laut werden lassen, den Finger in die Wunden legen, die Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten laut benennen, sie nicht einfach zulassen, geschehen lassen, wegschauen. Paulus nimmt uns in die Pflicht. Wir sind nicht allein. Wir sind hier und heute schon viele. Und wir stehen in der Verbindung mit unseren Brüdern und Schwestern auf der ganzen Welt.
Im jüdischen Weisheitsbuch Talmud heißt es:
„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.“

„Alles muss klein beginnen, las etwas Zeit verrinnen, es muss nur Kraft gewinnen, und endlich ist es groß“ hat Gerhard Schöne in der Zeit der DDR das Gleichnis vom Samenkorn vertont, das allerkleinste aller Samenkörner, dass es schwer hat, ernst genommen zu werden, und doch, wenn man es hegt und pflegt, ein schöner großer Baum wird. Und der November 89 hat Gerhard Schöne recht gegeben, wer hätte es gedacht. Das scheinbar Unveränderliche hat sich verändern lassen. Von Leuten, die nicht den Kopf in den Sand gesteckt haben und die sich solidarisiert haben. Sondern den dritten Weg gesucht haben, den, der in jedem neuen Anfang steckt, mit der kraft der Hoffnung.
Ein kleiner Junge wird heute getauft. Er steht für eine ganze Generation von Kindern, die in unserer Gemeinde getauft werden, die groß und glücklich werden sollen, denen wir verpflichtet sind.
Die Liebe, die wir ihnen geben, indem wir uns und unsere Möglichkeiten als Christen ernst nehmen, indem wir zusammen für einen neuen Anfang dieser Welt mit Gott eintreten, diese Liebe wird sie stark machen und wird auch sie Liebe weitergeben lassen.


Amen.


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