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Gottesdienst am Ewigkeitssonntag den 22. November 2009 (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Gott, schenke uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für dein Wort. Amen.

Liebe Gemeinde,

Was kommt nach dem Tod? Wie sieht es aus, das Reich Gottes, das irgendwann für uns alle Wirklichkeit werden wird, für die Lebenden und die Toten?
Jeder von uns war schon einmal oder öfter in der Situation, in der wir uns bewusst wurden, dass auch wir einmal sterben müssen. Wir wissen nicht wann und wie, aber wir wissen, dass es auch unser Leben endlich ist.
Jeder von uns war schon einmal oder öfter in der Situation, dass wir um einen geliebten Menschen trauern. Sie, die Sie heute gekommen sind, um mit uns gemeinsam an den Menschen zu denken, den wir im vergangenen Jahr bestattet haben, teilen die Gefühle der Trauer mit vielen anderen Menschen, die diese Erfahrung auch schon gemacht haben. Jemand, der zu uns gehört hat wie die Luft und die Sonne, ist gegangen. Jemand, der jetzt fehlt.

Auf einem Foto ist ein Friedhofstor zu sehen.
„Zerbrochene Hoffnung“ steht über dem Eingang. Zerbrochene Hoffnung, dass uns noch mehr gemeinsame Zeit bleibt, dass der Tod uns doch noch nicht trennt. So fühlen sich die Trauernden, wenn sie durch das Tor hineingehen. „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott“ steht auf demselben Tor, wenn man den Friedhof wieder verlässt. Wie wahr das ist. Wenn ich das Grab geschmückt und gepflegt habe, wenn ich meine Zeit dort verbracht und die Trauer mich vielleicht wieder überschwemmt hat wie am ersten tag des Verlustes, dann ist irgendwann die Zeit gekommen, sich wieder aufzumachen und durch das Tor zurück zu gehen in meinen Alltag, in mein Leben, in dem der andere fehlen wird, aber auch in meinem Herzen bei mir sein wird. Ich bleibe in der Liebe zu ihm, zu ihr. Und ich hoffe darauf, dass wir uns eines Tages wieder sehen an einem Ort, an dem Licht und Luft und Sonne ist.
Was kommt denn da eigentlich? Wie stellen Sie sich dieses Jenseits vor?

Unsere Konfirmanden haben sich gestern genau damit beschäftigt. Sie haben sich überlegt, wie es hinter dieser Tür zum Himmel wohl ausschauen mag. Und diese Vorstellungen haben sie dann sichtbar gemacht mit den Mitteln, die sie zur Verfügung hatten.

Beispiel: Party

Beispiel: Meer

Beispiel: Engel

Natürlich haben sie immer betont, dass sie nicht wissen, was kommt und haben mehr so aus dem Bauch raus gebastelt. Natürlich wissen wir Menschen nicht, was uns wirklich erwartet. Aber es hat sich dann doch zu einem Bild konkretisiert, wie sie sich den Ort vorstellen, an dem wir dann irgendwann dauerhaft sein werden. Diese Vorstellung vom Jenseits, die sie dann sichtbar gemacht haben, hat meistens an etwas angeknüpft, was die Jugendlichen im Leben schön finden, woraus sie Lebenskraft schöpfen. Ein Tag am Meer, Freiheit, Luft und Sonne, oder eine tolle Party, wo man ausgelassen und sorgenfrei ist.

In der Bibel gibt es viele kleine und große Erzählungen davon, wie das Reich Gottes ausschauen wird. Dort werden Wolf und Lamm einträchtig zusammen liegen, heißt es. Dort wird es keine Tränen mehr geben und kein Leid und kein Geschrei.
Auf Gottes ganzem heiligen Berge wird es keine Bosheit und keinen Schaden mehr geben, der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Da wird Gott mir den Tisch decken und mir voll einschenken.
Und es gibt auch eine Geschichte, die uns erzählt, dass es ein großes Fest ist, was uns da erwartet. Ein Hochzeitsfest. Und der Bräutigam, der auf uns alle wartet, ist Jesus selbst.

Predigttext

10 Jungfrauen stehen mit ihren Öllämpchen da und warten darauf, dass der Bräutigam kommt. Doch es dauert viel länger als sie gedacht hatten. Es ist dunkel und die Zeit zieht sich fürchterlich hin. Sie werden müde und schlafen schließlich ein.
Als der Bräutigam kommt, schauen die törichten fünf Jungfrauen, deren Öl nicht gereicht hat, in die Röhre.

„Typisch!“ kann man das wütende Zischen mancher Frau hierzu hören. Wir Frauen bekommen so eine moralinsaure Geschichte von den törichten und den klugen Jungfrauen erzählt. Die Hälfte der Frauen taugt nur fürs Himmelreich, die anderen werden fortgeschickt. Den ausgebrannten Frauen schmoren in der Hölle. Uns gilt Zucht, Ordnung, Anstand. Das ist unser Auftrag, wir putzen die Öllampen.
Kein Wunder, dass daraus irgendwann eine wütende Gegenbewegung unter dem Motto „Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse überallhin“ wurde.

Dass dieses Gleichnis so missverstanden wurde, ist eine alte Tradition, unter der Generationen von Frauen zu leiden hatten. Schon die Portale vieler Kirchen, zum Beispiel des Magdeburger Doms,  zeigen die klugen und die törichten Jungfrauen genau so. Zwei Gruppen von Frauen. Die einen züchtig, meist mit Nonnentracht, dem Symbol der Keuschheit und der Zucht und Disziplin, mit ihren Lampen vor dem Bauch, der jungfräulich geschützt ist. Oft schauen sie auch mit einem Lachen, einer Mischung aus Siegesbewusstsein und Seligkeit auf die bösen, törichten, unzüchtig dargestellten Jungfrauen, die mit offenen Haaren und engen Gewändern allen jungen Frauen der Stadt zeigen, wohin solche Unbedachtheit und Unzucht führt.
Einem strengen Moralkodex entsprechen diese Darstellungen, der die Frauen in zwei Gruppen spalten will. Goldmarie und Pechmarie, gleich in fünffacher Ausfertigung. Im übertragenen Sinne spalten diese Darstellungen die Menschheit auch noch in viel mehr Gruppen: die Evangelischen und die Katholischen, Juden und Christen. Man hat sich diese Geschichte zunutze gemacht, um zwischen den Guten und den Schlechten trennen zu können. Der biblischen Geschichte entsprechen diese Darstellungen allerdings überhaupt nicht.

In der Parabel wird uns von zehn Jungfrauen berichtet, die auf den Bräutigam warten. Alle zehn schlafen ein. Keine bleibt wach. Mit tugendhaft oder lasterhaft hat die Beschreibung der jungen Frauen nichts zu tun. Der einzige Unterschied, der hier verzeichnet wird, ist, dass fünf von ihnen nicht genug Öl mitgenommen haben, um auch eine sehr lange Wartezeit zu überstehen.
Das ist ihre Torheit. Sie sind kurzsichtig, sie bedenken nicht, was alles kommen könnte.  Als „memento mori“, als eine Erinnerung daran, dass wir alle einmal sterben müssen und darum unser Leben leben sollen ist diese Geschichte gedacht.
Die törichten Jungfauren sind also, unabhängig von ihrem Geschlecht, Menschen, die sich selbst vom Fest des Lebens ausschließen, weil sie vergessen, zu leben. Weil sie nicht auf sich achten, weil sie ihren Ölvorrat nicht hegen und pflegen. Das Öl steht für den Glauben.
Wer sein Glaubensleben nicht pflegt, wer sorglos vergisst, seiner eigenen spirituellen Kraft Raum zu geben, der bringt sich um das große Hoffnungsfest.

Töricht ist es, sich einfach treiben zu lassen im Strom der Tage und Jahre, unaufmerksam und unbewusst. Töricht ist es, die Zeit auf der Erde einfach verstreichen zu lassen, ohne den Augenblick zu leben.

Klug ist es dagegen, jeden Morgen neu zu beginnen zu leben. Nur für heute das Leben zu nehmen und ihm die Chance zu geben, mir zu begegnen.

Gerade in Zeiten der Trauer fällt mir genau das aber natürlich schwer. Vielleicht kann ich mir im Moment auch nicht vorstellen, wie ich überhaupt jemals morgens tatkräftig aufgewacht bin und das Leben so nehmen wollte, wie es kommt. Genau deswegen ist es gut, sich nicht von der jahrhundertelangen Tradition in zwei Arten von Menschen einteilen zu lassen und sich gegeneinander ausspielen zu lassen. Niemand soll voll schlechten Gewissens oder mit dem Gefühl der Benachteiligung als vermeintlich törichte Jungfrau abgestempelt werden

Niemand von uns wird sich für jeden Tag seines Lebens auf die Seite der lachenden klugen stellen können. Jeder von uns hat beide Seiten in sich. Jeder von uns kennt Zeiten, in denen das Öllämpchen ausgeht, in denen ich es nicht gepflegt habe, weil ich keine Kraft dazu hatte, oder weil mein Kopf mit anderen Dingen voll war.
Wir können diese beiden Varianten also als zwei Anteile in meiner Person sehen. ich habe beides in mir. Glauben und Unglauben. Zuversicht und Zweifel. Zerbrochene Hoffnung und die Liebe, in der ich bleibe. Die Trauer kommt in Wellen. Mal überströmt sie mich, mal geht es mir gut.
Das ist die menschliche Grunderfahrung. Sünder und gerecht zugleich hat es Luther genannt. Und wollte, dass wir uns mit den beiden Seiten in uns aussöhnen. Uns nicht überfordern mit einem perfektionistischen Anspruch. Sondern die Augen öffnen lassen dafür, dass es Zeiten im Leben gibt, in denen ich so unbedacht wie die törichte Jungfrau mein Öl vergesse und mich damit um die Hoffnung auf das Reich Gottes bringe, aus der ich eigentlich Leben soll.
In der Gewissheit, bei Gott ist ein Freudenfest, bei Gott bin ich aufgehoben, bei Gott gibt es einen Ort, an dem ich Freiheit, Luft und Sonne spüre, darf ich mein Leben hier und heute führen.

Die Geschichte will mich auffordern, nicht aufzuhören, mich um mein Öl zu kümmern, meine Lampe zu putzen. Nicht aus Anstand oder Pflichtbewusstsein, sondern weil diese Lampe mein wertvoller Schatz ist.

Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens!
Wir sind als Gottes Geschöpfe endlich gedacht. Wir leben der Ewigkeit, dem großen Fest, entgegen. Und als Menschen sind wir darauf angelegt, dass wir einen Sinn in unserem Leben brauchen. Wir wollen auf etwas hin leben und aus etwas heraus, einer Quelle des Lebens, die wie ein inneres Hoffnungsbild uns im Leben leiten. Die Hoffnung auf ein Reich Gottes, einen Ort, der nicht nur jenseitig und fern ist, sondern der auch in unserem Miteinander hier und jetzt schon aufscheinen kann, der durch Jesus selbst in die Welt gekommen und angebrochen ist, kann ein solches Hoffnungsbild sein.
Wie würden Sie also ihre Reich-Gottes-Kiste gestalten?
Wenn ich ein Hoffnungsbild habe, wenn ich eine Vorstellung von Wolf und Lamm oder dem gedeckten Tisch habe, Dann kann ich mich dem Licht zuwenden und sagen: Für heute werde ich mich von meinem Hoffnungsbild leiten lassen und mich um meinen Ölvorrat kümmern. Heute beginne ich ganz neu.
Amen.


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