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Festgottesdienst anlässlich der Amtseinführung am 4. Oktober 2009 (Pfarrerin Kirsten Oldenburg)

Gott, wir bitten dich:
schenke uns ein Wort für unser Herz
und ein Herz für dein Wort. Amen.

Liebe Gemeinde,

„Komm und sieh!“ sagt Philippus, nach dem diese Kirche benannt ist. Und als ich mich für diese Pfarrstelle beworben habe, bin ich ziemlich oft vom Heuchelhof hier rüber gekommen und habe mich umgeschaut. Ich habe mir die Kirche angesehen, bin mit meinem Hund hier in Eisingen und nach Waldbrunn spazieren gegangen, bin durch Kist gelaufen und habe mal geguckt, wie sich das anfühlt.

„Komm und sieh!“, damit meint Philippus aber nicht die schöne Landschaft oder die netten Leute, als er diesen Satz zu Nathanael, einem jüdischen Schriftgelehrten, sagt, den er unter einem Feigenbaum sitzen sieht. Lasst uns die biblische Geschichte ganz hören.

Predigttext Joh 1, 43-51

Jesus findet Philippus, Philippus wird zu einem seiner ersten Jünger und findet wiederum Nathanael. Er erzählt ihm, dass sie dem Messias begegnet sind, dem, auf den alle sehnsüchtig warten, weil die Profeten ihn schon lange angekündigt haben. Nathanael aber ist ein Schriftgelehrter und weiß daher genau, was die Profeten geweissagt haben: Aus Bethlehem, der Stadt Davids soll der Messias kommen, bestimmt nicht aus einem unbekannten Kaff wie Nazareth. Er argumentiert also dagegen.
Und hier reagiert Philippus beispielhaft. Er versucht nicht, Nathanael mit Argumenten
zu überzeugen. Nein, er streckt die Hand aus und lädt ihn ein zur Begegnung mit Jesus selbst. „Komm und sieh“ sind die drei kleinen, entscheidenden Worte, die es Nathanael ermöglichen, die Welt mit neuen Augen zu sehen, eine Erfahrung zu machen, die ihn im Herzen berühren wird.

So ist die Stimmung unter den ersten Jüngern, den Männern und Frauen des Aufbruchs. Sie sind offen für die anderen, sie sind begeistert und begeistern. Dieser Glaube ist voller Tatkraft, voller Liebe und Zuwendung zu den anderen, dieser Glaube ist ansteckend.

Man kann diese Geschichte als eine Geschichte für unsere Jüngerschaft heute lesen. Sie ist ein Modell dafür, wie wir unsere Gemeinden aufbauen können. Die Hand ausstrecken und unseren Glauben weiter erzählen: komm und sieh, gemeinsam auf Christus schauen.
Die Philippus-Gemeinde Eisingen, Kist und Waldbrunn ist eine Aufbruchgemeinde, darum gefällt es mir so gut, dass sie diesen Namen trägt. Es ist eine junge Gemeinde, und damit meine ich nicht das Lebensalter der Gemeindeglieder, sondern das Alter der Kirchengemeinde. Es ist eine Gemeinde, in der man spürt, mit welcher Energie Sie diese Kirche gebaut haben, mit welcher Energie Sie hier die Gruppen und Kreise aufgebaut haben und mit welcher Lust der Kirchenvorstand zusammen arbeitet. Komm und sieh – die Stimmung hier ist ansteckend.
Aufbruchstimmung, Frühlingsstimmung, auch jetzt mitten im Oktober zu spüren. Oktoberfrühling sozusagen.

Auch der Kirchenbau selber steht für mich für diesen Satz des Philippus.
„Komm und sieh.“ Die Kirche ist hell und einladend und hat große Fenster. Die Menschen, die hier Gottesdienst  feiern, schließen sich nicht ein. Sie ziehen sich nicht in einem inner circle zurück. „Komm und sieh!“ scheint der ganze Kirchenbau zu sagen. Sieh hinaus. Wer hier Gottesdienst feiert, blickt über seinen Tellerrand hinaus. Lässt den Blick über die Dächer von Eisingen schweifen, hat auch die katholische Schwestergemeinde im Blick, oder schaut in die Weite, über die Felder und Wiesen, Gottes gute Schöpfung. Gottesdienst und Alltag sind keine zwei getrennten Dinge. Der Gottesdienst wirkt in die Welt hinaus und die Welt wirkt in die Gemeinde hinein.
Aber auch zu denen, die von außen kommen, höre ich diesen Kirchenbau sagen „Komm und sieh“. Wenn du vorbei gehst, wenn du skeptisch außen davor stehst, schau doch mal neugierig oder vorsichtig herein. Wir sind offen, wir zeigen uns, und wir laden dich ein, zu uns hereinzuschauen.

Komm und sieh.
Der Aufforderung des Philippus kommt Nathanael nach. Schaden kann es ja nichts, denkt er sich vielleicht und riskiert doch mal einen Blick. Und da geschieht es, das, was wir als Gemeinde nicht machen können, worauf wir aber alle hoffen. Nathanael erfärht, dass auch er gesehen wird. „Ich sah dich“ sagt Jesus zu ihm. Schon bevor mein Jünger Philippus dich gefunden und angesprochen hat, habe ich dich längst gesehen. Du saßest dort unter dem Feiegenbaum. Nathanael fällt aus allen Wolken. Das hätte er nicht gedacht, er hat es überhaupt nicht gemerkt, er hatte Jesus gar nicht gesehen oder von ihm gehört, und der kennt ihn? Der hat ihn wahr genommen?

Liebe Gemeinde,
Schon bevor wir uns auf die Suche machen, bevor wir uns auf den Weg nach Innen, zur Mitte des Lebens, auf die Suche nach dem Glauben aufmachen, von wem oder was auch immer angestoßen, schon bevor wir uns auffordern lassen zu kommen und zu sehen, sind wir bereits von Jesus gesehen. Jeder und jede von uns. Eine zutiefst anrührende Erkenntnis ist es, die Nathanael da erfährt.

Im Oktoberfrühling kann so was alles passieren. Dinge, die man nicht mehr erwartet hätte. Eigentlich ist alles aufs schlafen gehen, auf den Rückzug, auf das Blätter fallen lassen eingestellt.
Das Wort „Oktoberfrühling“ habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Es stammt von einem Buchtitel. Pfarrer Christoph Viktor, der 1989 Pfarrer in Weimar war, hat diesen Begriff geprägt und beschreibt damit die Stimmung und die Ereignisse im Oktober 89 in der DDR. Aufbruchstimmung zu einer Zeit, als eigentlich keiner mehr dachte, dass es noch was zu sehen geben würde. Als alles eingefahren und fest zementiert schien.  Und dann, nachdem einzelne anfingen, sich auf zu machen, merkten sie plötzlich, ihre Friedensgebete wurden erhört. Und sie trauten ihren Augen kaum, ihre Not wurde doch gesehen.
Oktoberfrühling. Komm und sieh.
Falls sie es sich gestern vor dem Fernseher gemütlich gemacht haben und Wetten dass geschaut haben dann wurden Sie Zeuge eines persönlichen Oktoberfrühlings.

Whitney Houston war dort eingeladen, eine der größten Soulsängerinnen. „One moment in time“ oder „The greatest love of all“ gehören zu ihren großen Liedern.
Sie hat uns gestern gezeigt: Ich bin wieder da, nach sieben Jahren, nach einer schweren Krise, Jahren, in denen sie unter ihrem gewalttätigen, suchtkranken Ehemann gelitten hat und selber abhängig geworden ist. Sie hat im Moment ihren eigenen Oktoberfrühling. Etwas unsicher wirkt sie noch, man merkt ihr an, dass sie sieben sehr dunkle Jahre überstanden hat,  aber sie ist wieder da und singt ein Lied, das „I look to you“ heißt. Whitney Houston erklärte ihr Lied dem sichtlich gerührten Publikum: Ich sehe auf dich, das hat natürlich den anderen im Blick, dich, aber es bedeutet für Whitney Houston viel mehr den Blick nach innen, auf meinen Glauben an Gott und damit den Blick auf Gott selbst. Denn der Glaube, den Whitney Houston ja auch in früheren Liedern schon thematisiert hat, hat ihr in der Krise geholfen.
Komm und sieh. Whitney Houston ist aufgestanden und hat sich noch einmal auf den Weg gemacht, um zu entdecken, was es noch zu sehen gibt.

Liebe Philippus-Gemeinde,
Ich freue mich, nun hier als Pfarrerin meinen Dienst zu beginnen. Ich freue mich über diese Aufbruchstimmung, die ich auch 10 Jahre nach dem Kirchenbau noch spüre und die mir sagt: Jetzt geht es noch mal anders los.
Als Philippus-Gemeinde können wir uns von diesem Jünger Jesu ein Beispiel geben lassen. Wie er sind wir gerufen von Jesus, fühlen wir uns gefunden, berufen zur Nachfolge. Und wie er lassen Sie uns  aufeinander zugehen, dem anderen die Hand reichen und uns auffordern: Komm und sieh. Und das alles in der Gewissheit des Nathanael, die auch Pfarrer Viktor in der Wende erfahren hat und die auch Whitney Houston bezeugt: Wir sind bereits gefunden, er sah uns schon.
Ich freue mich auf den Oktoberfrühling mit Ihnen.


Amen.


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