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Festgottesdienst anlässlich der Glockenweihe am 20. Juli 2003 (Dekan Dr. Günter Breitenbach)

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.
1. Kor. 13,1

Liebe Eisinger Gemeinde, werte Gäste aus nah und fern,

es ist schon fast so etwas wie eine Liebesgeschichte, die sich da angebahnt hat zwischen der Eisinger evangelischen Kirchengemeinde und ihren neuen Glocken. Schon lange, bevor sie da waren. Zuerst war da ein Wunsch, eine Sehnsucht, der Turm der neuen Philippuskirche möge nicht leer und stumm bleiben, die Gemeinde möge in Harmonie vereint mit der katholischen Ortskirche, durch Glocken gerufen werden zu Gebet und Gottesdienst, die Kinder mögen getauft, die Konfirmanden konfirmiert und die Brautpaare gesegnet werden unter Glockenklang. Den Verstorbenen möge ausgeläutet und dem Gang zu den Gräbern ein Ton der Hoffnung gegeben werden.

Einige haben sich sachkundig gemacht, viele haben Geld gegeben, eine geeignete Glockengießerei wurde gefunden. Gemeindeglieder waren da zum Glockenguß in der Eifel. Bücher wurden beschafft: "Die Glocken in Geschichte und Gegenwart", Bd. I u. Bd II, kiloschwer. Viele haben sich Gedanken gemacht darüber, was Glocken ihnen bedeuten, in ihrer Lebensgeschichte, für ihren Glauben, was sie überhaupt bedeuten in Geschichte und Gegenwart von Kirche und Gesellschaft, und vielleicht haben sie sich auch gefreut über die Magazinseite in ihrer Tageszeitung, die ausgerechnet gestern die Geschichte der Glocken behandelte.

Ja, und dann haben Sie sie begrüßt, gestern, am Dorfplatz und sie unter Posaunenklang hier herauf in Ihre Kirche gebracht. Und eben haben wir die Glockenweihe gehalten, d.h. sie dem Gottes-Dienst , und nur dem Gottes-Dienst gewidmet. "Land - Land - Land - höre des Herren Wort"

Eine Liebes-Geschichte hat begonnen. Denn was wären Glocken ohne die Liebe der Menschen? Paulus sagte es klar: Ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Für was wird nicht alles geklappert und gedröhnt und Lärm gemacht. Mit welchen Wohlklängen werden wir eingelullt. Für welche Wahnideen werden nicht laute Signale gegeben. Wer meldet nicht alles seinen Anspruch auf Macht an, scheppernd, laut, schrill und dröhnend? Dem Apostel Paulus klang dies in den Ohren: Kaiserkult, Militärmacht, Götzendienst. Tönend Erz und klingende Schelle.

Er konnte noch nicht ahnen, dass die Bronze der Glocken einst klingen und schwingen würde zur Ehre Gottes und zum Frieden unter den Menschen. Dass sich nach einigen hunderten Jahren Christentumsgeschichte die Glocke zu einem Wohlklang und einer Wohlgestalt entwickeln würde, die bis heute unübertroffen ist. Er konnte nicht wissen, wie viele Menschen, Christen und Atheisten, die Glocken lieben würden als Begleiter ihres Lebens durch den Tag und das Jahr, von der Taufe bis zum Tod. Er konnte nicht ahnen, dass in allen Landen die Glocken rufen würden zu den Gottesdiensten in denen aus seinen Briefen bis heute gelesen wird, dass sie auf ihre Art den Glockenklang seiner Worte unterstreichen würden: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe diese drei, die Liebe aber ist die größte unter ihnen.

Liebe Gemeinde, ich gestehe es, ich gehöre auch zu denen, die die Glocken lieben. In meinem Heimatort im Spessart gehörten sie zum Tageslauf, übrigens die beider Kirchen, wohl aufeinander abgestimmt. Die Stunde schlagen sie, die halbe und die viertel. Als Bub durfte ich sie sogar noch an Stricken läuten, kurz bevor die Läutemaschine kam. Ein wirklich erhebendes Gefühl, so am Seil zu hängen. Und ein logistisches Abenteuer, vom Kirchturm aus den Weg des Leichenzuges zu verfolgen und zur rechten Zeit das Zeichen zum Läuten zu geben. Besonders berührend die wenigen Momente, etwa in der Silvesternacht, wenn das uralte Silberne Glöckchen aus der zerstörten Burg geläutet wurde. Fast wie aus einer anderen Welt. Und heute, in St. Stephan, wenn abends um 9 die große Glocke mit dunklem Ton als letzte über der Stadt erklingt, oder wenn am 16. März 20 nach 9 alle Glocken der Stadt zusammen anläuten gegen Zerstörung, Bomben und Tod. - In diesem Jahr fielen gerade da die Bomben auf Bagdad.

Der Klang der Glocken erreicht mehr als mein Ohr, er schwingt ein in meinen Körper, in meine Seele. Ich schwinge ein, in eine größere Wirklichkeit, ich schwinge mit. Liebe wird laut, nicht tönend Erz, nicht klingende Schelle. Sie werden da ihre eigenen Erfahrungen haben und sie werden sie machen mit ihrem neuen Eisinger Geläut.

Liebe Gemeinde, der Kirchenvorstend hat Ihren drei Glocken Namen gegeben: Christusglocke - Friedensglocke - Schöpfungsglocke Im Sinne des Apostels Paulus benennen Sie damit den Gegenstand Ihres Glaubens, Ihrer Hoffung und Ihrer Liebe.

Die große Glocke in F - Herr Roth hat sie Ihnen vorgestellt - aus ihr klingt die Liebe zu Christus. Der Glaube an Christus, die Hoffnung auf Christus. Wenn Sie in Zukunft diese tiefe Glocke hören, so können Sie denken und beten: Jesus Christus - an Dich glaube ich, auf Dich hoffe ich - Dich liebe ich. Oder: Jesus Christus gestern und heute - und derselbe auch in alle Ewigkeit. Durch den Klang dieser Glocke kommt der Ruf zu Jesus Christus in Ihre jeweilige Gegenwart. Was immer Sie gerade tun, wo immer Sie gerade sind: Christus ist da. So, wie wir vorhin in der Lesung gehört haben: "Christus spricht: Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftut , werde ich zu ihm hineingehen und das Mahl mit ihm halten und er mit mir. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt" Er sagt es Ihnen durch den Klang Ihrer Christusglocke. Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte die Liebe zu Christus nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.

Die mittlere Glocke in G ist die Friedensglocke. Herr Krippner hat sie Ihnen vorgestellt. Vor Alters her läuten die Glocken zum Frieden. Jedes Mittagsläuten ist ein Friedensläuten und lädt ein zum Friedensgebet auf der Höhe des Tages. Die Friedensbotschaft soll von Ort zu Ort, von Land zu Land über die Erde klingen und in uns die Liebe zum Frieden wecken. Und wenn besondere Notlagen sind, wie zuletzt in dem unseligen Irakkrieg, dann läuten die Glocken auch außer der Zeit. Warnung in der Gefahr. Man denke etwa an die Geschichte Bert Brechts von der stummen Kathrin, die mit der Trommel vom Dach vor dem Angriff warnt, als scheinbar auch Beten nicht mehr hilft. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Ihre Friedensglocke in Ihnen den Willen zum Frieden stärkt, im Großen und Kleinen, und dass ihr das Schicksal so vieler ihrer Vorgängerinnen erspart bleibt, die Entweihung durch das Umschmelzen zu Geschützen und Geschossen. Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte die Liebe zum Frieden nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle.

Ihre kleine Glocke in B haben Sie Schöpfungsglocke genannt. Herr Bovensiepen hat sie Ihnen vorgestellt. Eine Schöpfungsglocke, das ist etwas Besonderes. Das gibt es nicht überall. In ihrem Klang wird etwas laut, was sich Ihre Eisinger Gemeinde besonders zu Herzen genommen hat: Die Liebe zur Schöpfung, das Schöpferlob. Wenn Sie den Klang dieser kleinen Glocke hören, dann achten Sie auf die Schöpfung, die Sie umgibt, spüren Sie neu, dass sie selber Gottes Geschöpf sind, mit seiner Erde verbunden, dem Wasser, der Luft und der Energie. Ebenso wie die Glocke selbst ja in einem schöpferischen Prozeß aus Bodenschätzen entstand, in Feuer und Lehm gebildet, in Form gebracht, zum Wohlklang bestimmt, so haben Handwerkskunst und Technik teil am Gestaltungsauftrag des Menschen mit den Möglichkeiten eines schöpferischen Gottes. Vollendete Form, Fülle der Klänge - Schwingungsenergie. Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete, und wenn ich die ganze Welt eroberte und verfügte über alle Künste, und hätte die Liebe zur Schöpfung nicht, so wäre ich nichts.

Liebe Gemeinde - Christus lieben - den Frieden lieben - die Schöpfung lieben - das rufen Ihre Glocken Ihnen zu. Ich glaube nicht, dass der letzte Satz in der gestrigen Main-Post stimmt: Glockeneuropa ist vergangen und verhallt. Alexander Solschenizyn schreibt in seiner Erzählung "Am Oka-Fluß entlang": "Schon immer waren die Menschen selbstsüchtig und oft wenig gut. Aber das Abendläuten erklang, schwebte über den Dächern, über den Feldern, über dem Wald. Es mahnte, die unbedeutenden irdischen Dinge abzulegen, Zeit und Gedanken der Ewigkeit zu widmen. Dieses Läuten bewahrte die Menschen davor, zu vierbeinigen Kreaturen zu werden." Und Ernest Hemingway stellte seinen Roman, "Wenn die Stunde schlägt" folgendes Zitat des enlischen Lyrikers John Donne von 1624 voran: "Kein Mensch ist eine Insel im Inneren seines Ichs, jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen...Darum frage nie, wenn es läutet, wem die Stunde schlägt. Sie schlägt immer für Dich." So läuten auch diese drei Eisinger Glocken für dich und für mich. So werden aus klingenden Schellen wohlklingende Glocken: Wenn wir auf ihre Botschaft hören, wenn wir uns einlassen und einschwingen in die Liebe zu Christus und in die Sehnsucht nach Frieden, in den Einklang mit der Schöpfung. Wenn wir im Glockenklang unsere persönliche Orientierung finden, und wenn wir niemand ausschließen, er sei Christus und dem Frieden nach oder fern. Die Glocken für sich alleine sind schlicht tönendes Erz, seien sie noch so schön in Klang und Gestalt. Aber nun sind sie als Kirchenglocken geweiht, d. h. hineingenommen in die Verbreitung der Liebe Gottes über die Erde. Und sie nehmen auch uns hinein in ihren Klang. Eine Liebesgeschichte klingt an in Ihren neuen Glocken, wir dürfen gespannt sein, wie sie weitergeht.

Amen.


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