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Die Jahreslosung 2003
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an (19. Januar 2003): 1. Sam. 16,7
(Vikarin Kerstin Voges)

Liebe Gemeinde!

eine einfache, ein griffige Losung ist uns für dieses Jahr mit auf den Weg gegeben, so wirkt es. Wie ein Motto ist sie formuliert und mir hat sie sich sofort eingeprägt. Leicht hörbar und merkbar ist sie.

Ein Mensch sieht was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an

Ist diese Losung auch leicht lebbar frage ich mich? Lebbar angesichts von inzwischen ca noch 345 Tagen eines Jahres, von denen sich keiner gleichen wird. Angesichts von den vielen Tagen eines Jahres, die wir ganz unterschiedlich erleben werden.

Leicht hörbar, leicht merkbar, leicht lebbar? Mein erster Eindruck: Dieses Wort von Gott der auf das Herz sieht, es hat eine Leichtigkeit wie wenige Losungen der letzten Jahre: Es erzählt von Gott und davon, wie er sich uns Menschen zuwendet. Da ist nicht von einem Muß die Rede, nicht von einem Sollen oder einer Aufgabe und allein das ist schon entlastend.

Leicht hörbar, leicht lebbar, schön wäre es! - Blicken wir also genauer hin.

Ein Mensch sieht was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an

Liebe Gemeinde, manche Sätze aus Kindestagen, man weiß sie heute noch, so als hätte man sie erst gestern gehört. Paß auf der liebe Gott sieht alles. Das ist so ein Satz. Man hört ihn inzwischen kaum noch, - erfreulicherweise - aber vielen von uns klingt er noch aus Kindestagen in den Ohren. Man bekam ihn von den Eltern gesagt, wenn diese einmal nicht selbst die Kontrolle ausüben konnten, sie bedienten sich des lieben Gottes und verzweckten ihn zum Platzhalter elterlicher Autorität. Paß auf der liebe Gott sieht alles. In der Kindersseele erwuchs das erschreckende Bild eines Gottes, der mit seinem Röntgenblick alles sieht, alles hört, überall hinsieht: unter die Bettdecke, durch die Wand, ins eigene kleine Herz, in die Gedanken, ....eines Gottes, dem man nicht entfliehen kann, eines Gottes vor dem nichts unbemerkt bleibt, und wenn man es noch so unauffällig denkt oder tut.

Der drohende Unterton in der elterlichen Mahnung, er war nicht zu überhören und so war auch das andere klar. Der liebe Gott wird nicht nur alles sehen, sondern auch auf alles reagieren und zwar so, das man es lieber nicht erleben will.

Gott ist derjenige, der alles sieht, belohnt und straft - für die Kinderseele eine bedrängende Vorstellung.

Gott, er sieht in unser Herz hinein, an den Ort unserer Gefühle, unserer Hoffnungen, Wünsche, Begehrlichkeiten, Ängste. Er sieht unser Herz, das so vieles empfinden kann: Freude und Trauer, Wut und Scham, Hilflosigkeit und Hass, er sieht den Stolz unseres Herzens, unsere Überheblichkeit und auch das andere, unser Mitleid oder die Verzagtheit unseres Herzens. Gott er sieht die Gedanken unseres Herzens - vieles denken wir ja nicht im Kopf, sondern eher im Herzen.

Gott er sieht unser Herz und er sieht in unser Herz hinein.

Was sieht Gott dort? In unserem Herzen, dort, wo die Fäden unseres Seins, unserer Person und Persönlichkeit zusammenlaufen? - Ich vermute, von dem, was Gott dort sieht, ahne ich, ahnen Sie nur einen Bruchtteil. So vieles, von dem was uns bewegt, so viele unserer Entscheidungen und Gefühle sind uns ja selbst nur zu einem Teil bewußt.

Gott sieht unser Herz an, sieht in unser Herz hinein. Für das Kind eine bedrängende Vorstellung - und für uns?

Für Menschen aller Zeiten war es auch eine bedrängende Vorstellung, die eigene Person, das eigene Denken und Fühlen offen vor Gott zu wissen.

Wir hören dazu einige Verse aus dem Buch Hiob, Kapitel 7:

Was ist der Mensch, dass Du ihn groß achtest und Dein Herz auf ihn richtest und ihn alle Morgende heimsuchst, ihn alle Augenblicke prüfst? Wie lange noch willst Du nicht von mir wegblicken, nicht einmal solange von mir ablassen bis ich meinen Speichel hinunter- geschluckt habe? Habe ich gesündigt ? Was tue ich damit Dir, Du Wächter der Menschen? Warum hast Du mich Dir zur Zielscheibe gesetzt und warum werde ich mir zur Last? Und warum vergibst Du mir meine Sünde nicht oder läßt meine Schuld hingehen? Denn nun werde ich mich in die Erde legen und wenn Du mich suchst, werde ich nicht mehr dasein.

Denn nun werde ich mich in die Erde legen und wenn Du mich suchst, werde ich nicht mehr dasein.

Hiob ist es unerträglich, Hiob ist Gott unerträglich. Lieber will er sich in die Erde legen, lieber sterben als Gottes Blicken weiter ausgesetzt zu sein. Trotzig klingt das, aber wer das Buch Hiob einmal gelesen hat, der weiß: Hiob ist niemand der, sich so rasch von seinen Gefühlen dahintragen läßt. Im Gegenteil, Hiob ist das, was wir heute einen reflektierten Menschen nennen würden. Einer, der über sich selbst nachdenkt, einer der verantwortlich zu leben versucht. Eine Person also, deren Aussagen durchaus ernst zu nehmen sind und nachdenklich stimmen können.

Habe ich gesündigt? Warum vergibst Du mir meine Sünde nicht? - so fragt Hiob. Er rechnet damit, daß sein Leben nicht perfekt ist, es Hell und Dunkel in seinem Herzen gibt. Wie lange noch willst Du nicht von mir wegblicken, nicht einmal solange von mir ablassen bis ich meinen Speichel hinuntergeschluckt habe?

Hiob fühlt sich bedrängt von Gott, von diesem Gott, der alles sieht und ihn immer sieht. Er fühlt sich bedrängt, weil er um die Schatten in seinem Leben weiß, um seine Sünde um das alte Wort noch einmal aufzugreifen.

Für Menschen aller Zeiten war es auch eine bedrängende Vorstellung, die eigene Person, das eigene Denken und Fühlen offen vor Gott zu wissen.

Machen wir einen zeitlichen und räumlichen Sprung: Deutschland, um die Wende zum 15. Jh. Martin Luther.

Martin Luther, auch er wächst auf mit dem Bild eines Gottes, der alles sieht und weiß und mit den Menschen seiner Zeit nimmt er an, dass Gott am Ende des menschlichen Lebens als Richter als Richter stehen wird. Luther wird Mönch, er möchte alles tun, um ein Leben zu führen für das ihn Gott am Ende nur belohnen nicht bestrafen kann.

Er betet, er fastet, er arbeitet bis zur Erschöpfung, er ist ein guter Mönch.

Ein Mensch sieht was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an

Vergeblich, Luther findet keine Ruhe, er fühlt es sehr deutlich: Ich bin nur ein Mensch. Immer werde ich Fehler machen, nie wird mein Herz ohne Makel sein. Lange denkt Luther so, lange quält er sich.

Doch eines Tages als er seine Bibel liest, ist es dann soweit: Luther fällt es wie Schuppen von den Augen, er begreift etwas Neues. Es wird ihm klar: Gott sieht mein Herz an, aber er sieht es nicht als Richter, sondern liebend und verzeihend an. Luther versteht: Gott sieht alles was in meinem Herzen ist, meine Gefühle und Gedanken, er sieht meine Freude und Trauer, Wut und Scham, Hilflosigkeit und Hass, er sieht den Stolz meines Herzens, meine Überheblichkeit und auch das andere, mein Mitleid,die Verzagtheit meines Herzens, meine Hoffnungen, meine Begehrlichkeiten, meine Ängste. Gott sieht alles und er freut sich über das Gute und verzeiht mir das Schlechte. Beim Lesen des Römerbriefes wird es klar, danach erschließt sich ihm das ganze neue Testament noch einmal ganz neu.

Jesus, Gottes Sohn ist gerade zu denen gegangen, deren Leben nicht so toll war, zu denen, die ganz offensichtlich Fehler machten und in deren Herz es vieles gab, das nicht zum Vorzeigen geeignet war? Jesus ging zu diesen Menschen und machte sich zu ihrem Freund, er lud sich in ihre Häuser ein und er lud sie ein an seine Seite zu kommen, mit ihm zu ziehen.

Gott sieht und Gott verzeiht und Gott zieht Menschen zu sich.

Diese Erkenntnis befreit Luther: er wird zu einem frohen Menschen, zu einem der sich selbst lieben lernt.

Ein Mensch sieht was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an

Die Losung für dieses Jahr. Ist sie leicht lebbar? Leicht lebbar angesicht von so vielen unterschiedlichen Tagen eines Jahres?

Ja, sie ist es. Gott sieht unser Herz an und wir dürfen seinem Blick folgen. Dürfen hinsehen, uns an unserem Hell freuen und unser Dunkel aushalten. Ja sie ist es. Gott sieht unser Herz an und wir dürfen seinem Blick folgen. Dürfen liebend und verzeihend in unser Herz hineinsehen und sehen, was daraus wachsen wird. Wir werden aufrechter gehen und befreiter leben, wenn wir es lernen Gottes liebenden Blick auf uns zu spüren.

AMEN


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