Zurück zur Homepage   Schreiben Sie uns eine mail!  

 

Zurück zur Übersicht "Predigten"
20. Sonntag nach Trinitatis (13. Oktober 2002): 1. Kor. 7, 29-31
(Pfarrer Martin Wohlleber)

Liebe Gemeinde!

Die Zeit ist kurz. Auch ohne daß wir uns verbrennen, weil wir es nicht erwarten können, bis das Reich Gottes endlich anbricht. Die Zeit ist kurz.

Auch wenn wir das Reich Gottes vielleicht gar nicht in Stunden und in Tagen erwarten können, auch wenn wir sein Kommen und seinen Anfang vielleicht gar nicht mit Mitteln der Zeit ausdrücken können. Die Zeit ist kurz.

Denn Gottes Reich ist schon unterwegs. Wir leben wie auf dem Bahnhof, bevor der Zug einfährt. Wir schauen immer wieder die Gleise entlang. Wir beobachten, die anderen Menschen auf dem Bahnsteig, und je mehr kommen, desto mehr steigt unsere Gewißheit, daß der Zug bald einfahren wird. Wir schauen auf die grünen und roten Lichter und versuchen zu deuten, welches von diesen Lichtern wohl die Strecke freigibt für die Einfahrt unseres Zuges. Wir wissen nicht genau, wann er kommt, aber eines wissen wir, es dauert nicht mehr lange. Über den Bahnsteiglautsprecher wurde bereits durchgesagt: "Vorsicht am Gleis, der Zug fährt in Kürze ein" "Vorsicht, liebe Mitchristen, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen"

So leben die Christen wie auf dem Bahnsteig. Alles was sie tun ist vorläufig, steht unter dem Vorbehalt: der Zug fährt gleich ein. Eigentlich geht es nur darum sich die Zeit ein wenig vertreiben bis er kommt. Alles was wir tun steht im Schatten des heranbrausenden Reiches Gottes. Die Zeit ist kurz.

Ja so haben es die Christen damals erlebt und so haben sie gelebt, aber heute? Jeden Sonntag im Vaterunser sprechen wir: "Dein Reich komme" aber wir leben, als wäre diese Welt ewig. Als wäre das was wir heute tun und leisten für die Ewigkeit. Da bekommen die Dinge dieser Welt einen Stellenwert, der ihnen einfach nicht zusteht.

Da baut sich einer ein Häuschen. Jahr für Jahr rackert er, schuftet er, ja opfert seine ganze Zeit, sein ganzes Leben diesem einen Ziel: Das eigene Häuschen. Was um Himmels willen will er mit einem Häuschen auf dem Bahnsteig. Das paßt in keinen Koffer. Wenn der Zug losfährt, dann bleibt das Häuschen für das er so viel geopfert hat sinnlos dort stehen.

Da nimmt einer sich und seinen Beruf, seine Karriere unglaublich wichtig. Nichts geht ohne ihn. Sein ganzes Leben und seine Gedanken kreisen um das Büro, um die Fabrik, um das Geld, das er verdient. Die Fabrik, das Büro bleiben zurück, wenn der Zug losfährt und das Geld landet im Papierkorb auf dem Bahnsteig. Dabei haben wir es alle vor Augen, wenn wir die Augen aufmachen. Die Zeit ist kurz: Es kommt der Tag und er ist gar nicht so weit wir wir oft denken, an dem jeder von uns die Augen zumacht und zurückläßt Häuschen und Geld, Titel und Orden, ja eben auch die Menschen die wir lieben, den Mann, die Frau, die Kinder. Das Wesen dieser Welt vergeht. Mehr noch es ist das Wesen dieser Welt zu vergehen. Wir leben in einer Welt im Übergang, im Hinübergang.

Unser Leben in dieser Welt ist eben nicht Heimat, sondern Durchgangsstation. Nicht nur unser kleines eigenes individuelles bißchen Leben, nein diese ganze Welt. In einer Zeit in einem Jahrhundert in dem das Ende der Welt, in dem die Apokalypse nicht nur in mythischen Bilder aufleuchtet, sondern machbar geworden ist, eine Zeit in der das Ende sichtbar wird im Strahlenblitz der Atombomben und trotz Abrüstung täglich die ganz reale Möglichkeit besteht jeden Teil dieser Erde in Tausend Fetzen zu sprengen, heute müßten wir es doch wieder neu verstehen lernen, was Paulus sagt: Die Zeit ist kurz:

Und doch ist der Unterschied gewaltig. Der Unterschied zwischen dem Lebensgefühl der Christen und dem Lebensgefühl im Angesicht des Machbaren Endes dieser Welt. Als Christen leben wir nicht in der Erwartung der Katastrophe, nicht in der Erwartung des Weltuntergangs, sondern in der Erwartung der Vollendung, in der Erwartung des Reiches Gottes. Und diese beiden Erwartungen unterscheiden sich ungefähr so, wie sich das Warten auf den Tod eines Menschen, oder sogar das Warten auf den eigenen Tod unterscheidet von der Erwartung einer Geburt, oder sogar der eigenen Geburt, der eigenen Neuschöpfung. Der Unterschied könnte gar nicht gewaltiger sein. Es ist der Unterschied zwischen Ende und Anfang, wir erwarten nicht, daß das Ende bald bevorsteht, sondern, daß der Anfang kurz bevor steht. Die Gestalt, das Schema dieser Welt vergeht, so steht es hier im Griechischen, das Grundmuster, die Konstruktion der Wirklichkeit, die Plausibilitätsstrukturen, die der Welt eigentümlichen Erscheinungsformen sind im Vorübergehen.

Die Zeit ist kurz. Und im Bewußtsein daß, das Reich Gottes bald eintrifft, daß die Weichen schon gestellt und die Signale schon auf grün sind, verändert sich der Blick auf diese Welt und verändert sich der Umgang mit den Dingen dieser Welt.

Im täglichen Leben, im Umgang miteinander tauchen da eine Menge Fragen auf: "Wie sollen wir uns verhalten, wie sollen wir miteinander in dieser Welt leben bis es so weit ist, bis das Reich Gottes ganz da ist." Die Gemeinde von Korinth fragt den Apostel Paulus. Und fragen ihn unter anderem auch, wie es sich den nun verhält mit ihren Beziehungen, mit ihren Ehen, mit der Ehelosigkeit und der Scheidung. Paulus versucht Antworten darauf zu geben, Antworten darauf wie sich die Beziehungen, wie sich das Verhältnis der Geschlechter verändert, wenn man so miteinander auf dem Bahnsteig steht.

Paulus ist hier wohltuend zurückhaltend. Wenn man einmal das ganze siebte Kapitel des Korintherbriefes liest merkt man: Es ist keine Frage bei der er sich sehr ereifert. Für ihn ist klar, wie später für Luther: "Die Ehe ist ein weltlich Ding" Sie ist keine göttliche Ordnung und Setzung. Es ist nichts woran das Heil hängt. Man kann das so machen oder auch anders. Man kann es tun oder auch lassen. Die Beziehungen sind Dinge der Welt, wie lachen und wie weinen und wie kaufen und besitzen. Ja in solch einen profanen Zusammenhang stellt Paulus die Ehe. Männer sollen Frauen haben, als hätten sie sie nicht, und Frauen Männer und ebenso sollen sie kaufen und besitzen, als hätten sie nicht. Paulus stellt das in unserem Predigttext aufzählend nebeneinander gleichwertig in eine Reihe. Sein Wort auch über die Ehe lautet: Das Wesen dieser Welt vergeht.

Im Laufe der Geschichte haben sich die Kirchen immer stärker und stärker als Anwälte und Sachwalter über die Organisation des Geschlechterverhältnisses, über Ehe und Familie verstanden und haben sich um nichts stärker gekümmert als um die Sexualmoral. Biblisch ist das nicht. In der Bibel spielen die Fragen um Ehe und Familie, um Sexualität eine ganz untergeordnete Rolle. Eine viel größere Rolle spielt in der ganzen heiligen Schrift die Frage nach dem angemessenen christlichen Umgang mit dem Besitz. Wir sind so sehr daran gewöhnt, daß Kirche und Ehe und Sexualmoral zusammengehören, daß es für manche von Ihnen vielleicht sogar ein bißchen schockierend ist, wenn ich sage, daß das eigentlich ein Randthema der heiligen Schrift ist

Die Ehe ist nichts göttliches. Es heißt in der Zauberflöte und nicht in der heiligen Schrift: "Mann und Frau und Frau und Mann nähern sich der Gottheit an." Die Beziehung der Geschlechter und damit auch die Ehe ist zu einer Art Ersatzreligion im nachchristlichen Zeitalter geworden. Sie wurde überladen und überfrachtet mit Glücks- und Sinnerwartungen, die keinem Ding dieser Welt zustehen. Und die Kirchen waren und sind daran nicht ganz unschuldig. Das hat den Beziehungen der Menschen untereinander nicht gut getan. Die Menschen, die versuchen miteinander zu leben sind hoffnungslos damit überfordert einander letzte Sinnerfüllung und dauerndes Glück zu geben. Das hält keine Ehen zusammen, daran zerbrechen menschliche Beziehungen. Nicht Glück, sondern Unglück und Leid wird aus dieser Überforderung geboren. Es wird Zeit, daß wir die Ehe aus dem Götterhimmel wieder herunter holen in die wir sie gehoben haben und ihr den Platz geben unter den anderen Dingen dieser Welt, der ihr zusteht.

Kein Mensch glaubt heute mehr, daß eine bestimmte Staatsform von Gott eingesetzt ist, und ein König oder Präsident von Gottes Gnaden ist. Und kaum noch einer glaubt, daß es einen christlichen Staat, oder eine christliche Partei gibt. Wir wissen heute alle, daß Christen in allen Staaten und allen Parteien christlich leben und arbeiten. Die Ehe ist hier dem Staat ganz vergleichbar. Sie ist eine bestimmte Organisationsform des Zusammenlebens. Die Ehe und die Beziehung der Geschlechter ist nichts christliches. Die Ehe gibt es vor dem Christentum und neben dem Christentum und außerhalb des Christentums. Von einer christlichen Ehe kann man nur insofern sprechen, daß Christen miteinander in einer Ehe leben und als Christen christlich miteinander umgehen. Menschen können Christen sein und christlich handeln, Institutionen wie die Ehe oder Parteien oder der Staat sind es nicht. Die Ehe ist kein Naturgesetz und selbst wenn sie es wäre, so müßten wir uns von Paulus daran erinnern lassen, daß das Vorhandene und das in der Zeit Gewordene nicht letztgültig ist, sondern daß alles wartet auf den Anbruch von Gottes Zukunft. Die Ehe ist keine Ordnung jenseits der Zeit, keine "ewige, göttliche" Ordnung. Im Reich Gottes lieben wir vielleicht immer noch den Menschen, der in der Zeit mit uns zusammenlebte, sicherlich aber nicht mehr in dieser Ausschließlichkeit und Exklusivität. Wir gehen nicht als Pärchen und nicht als alte Ehepaare ins Reich Gottes ein.

So aber leben wir als Christen miteinander, daß wir einander haben, als hätten wir nicht. Wir müssen einander nicht festhalten fesseln und uns aneinander nicht festkrallen. Wir brauchen voneinander nicht letzte Sinnerfüllung für unser Leben verlangen. Wir wissen darum, daß unser Leben miteinander zum Bereich des Vorläufigen gehört. Nicht wie die stoischen Philosophen verzichten wir auf das Glück um unserer Freiheit willen, sondern aus der Freiheit der kommenden Zeit Gottes heraus leben wir schon heute und können einander Freiheit geben. Haben als hätten wir nicht ist keine Beziehunglosigkeit oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Menschen mit dem wir leben. Aber es gibt uns die notwendige Gelassenheit, daß wir einander in Freiheit begegnen können und uns einander täglich neu schenken können, weil wir wissen, daß wir einander nicht besitzen. Daß wir einander als unverdientes Geschenk annehmen können, weil wir vom anderen unser Glück nicht fordern.

 

AMEN AMEN


Zur Übersicht Predigten
Zum Seitenanfang.


© Copyright für Text und alle Bilder by Ev.-Luth. Kirchengemeinde Eisingen-Kist-Waldbrunn
Am Molkenbrünnlein 10, D-97249 Eisingen