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Zurück zur Übersicht "Predigten"Die Jahreslosung 2002:
Ja, Gott ist meine Rettung, Ihm will ich vertrauen und nicht verzagen (Jesaja 12,2)

Liebe Gemeinde, liebe Leserin, lieber Leser,

Anfang Dezember hörte ich im Radio zufällig die Übertragung einer Weihnachtsfeier. "Nun ja", werden Sie einwenden, "das ist um diese Jahreszeit nichts weiter Bemerkenswertes". Doch doch, es war durchaus eine außergewöhnliche Feier, über die der Bayerische Rundfunk da berichtete. Sie fand nämlich im Goethe-Institut in Ramallah statt. Sie wissen schon: Ramallah, Schauplatz der Intifada und der israelischen Vergeltung, Sitz des Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat.

Dort also, inmitten des täglichen Terrors, fand eine Weihnachtsfeier nach deutschem "Ritus" statt. Von einem geschmückten Tannenbäumchen beispielsweise war die Rede. Von Kerzenschein und duftendem Weihnachtsgebäck. Ich hörte Weihnachtslieder, die in der Runde gesungen wurden, vertraute und fremdartige, deutsche darunter, aber auch palästinensische, zum Beispiel eines mit dem Kehrvers "Wenn hier Friede ist, wenn hier Friede ist, dann wird Weihnachten sein."

Dann kam das Interview mit dieser Frau. Eine Deutsche, seit langem in Ramallah zu Hause.

"Wir kommen jedes Jahr hierher", sagte sie dem Reporter. "Schon seit vielen, vielen Jahren. Aber eigentlich nur wegen der Kinder. Und jetzt natürlich wegen der Enkel. Mir selbst bedeutet Weihnachten schon lange nichts mehr. Wenn Sie hier tagein tagaus diese Brutalität erleben, kommt Ihnen der Glaube zwangsläufig abhanden."

Ich dachte an die Jahreslosung, die ich Ihnen heute auslegen soll:

"Ja, Gott ist meine Rettung. Ihm will ich vertrauen und niemals verzagen."

Und ich dachte daran, wie vielen Menschen es wohl so gehen mag wie der Frau in Ramallah, die in Gott keine Rettung mehr sehen, denen das Gottvertrauen abhanden gekommen ist, die sich zwangsläufig alleine mit ihrer alltäglichen Furcht eingerichtet haben.

Ich dachte daran, dass die Erfahrung von Schmerz und Leid, von unbeschreiblicher Brutalität, aber auch von bitterer Einsamkeit immer wieder Menschen zum Beten geführt - aber eben auch in ihrer Heilsgewissheit, in ihrem Glauben, in ihrem Urvertrauen zutiefst verunsichert hat.

"Ja, Gott ist meine Rettung. Ihm will ich vertrauen und niemals verzagen."

Mir fiel Marie Luise Kaschnitz ein, die Dichterin, die sich wie kaum eine andere im 20. Jahrhundert auf religiöse Themen und Formen eingelassen hat. Sie gilt geradezu als poetische Stimme des religiösen "Dennoch". Aber selbst ihr ist unter dem Eindruck des zweiten Weltkrieges und der unsäglichen Gräuel der Nazis der Hymnus, das Lob Gottes erst einmal verstummt. In ihrem Tutzinger Gedichtkreis heißt es beispielsweise:

Die Sprache, die einmal ausschwang, Dich zu loben,
Zieht sich zusammen, singt nicht mehr
In unserem Essigmund

Und an einer späteren Stelle noch radikaler:

Denen, die Dich zu loben versuchen
Spülst Du vor die Füße den aufgetriebenen Leichnam.

Das Lob und seine alten, althergebrachten Formeln waren den Menschen verdächtig geworden. Aber nicht nur die Formeln waren schal und leer. Auch der Glaube, den die Formeln beschreiben sollten, war, wie die Frau in Ramallah sagte, "abhanden gekommen".

* * *

Es braucht dazu im übrigen gar nicht die Erfahrung eines Bürgerkrieges oder eines Weltkriegs, es braucht nicht das große Desaster, das ganze Länder und Völker ergreift. Die Erschütterung, die wir gelegentlich ganz nahe bei uns, ganz unmittelbar in unserem kleinen, privaten Weltkreis, mitten im Herzen erfahren, eine solche Erschütterung ruft ähnlich tiefe Verunsicherung hervor, Irritationen, die uns womöglich beten, aber vielleicht auch zweifeln, verzweifeln und stumm werden lassen.

Wie gerne würden wir dann laut, trotzig und siegesgewiss bekennen:

"Ja! So ist es! Gott ist meine Rettung! Ihm will ich vertrauen und niemals verzagen!"

Und verzagen dann doch ...

Woran glauben wir, wenn der eigene Lebensentwurf ins Wanken gerät und von einem Tag auf den anderen der Weg, der uns eben noch so geradlinig und wohlüberlegt schien, nur noch ins Nichts zu führen scheint.

Wenn eine Partnerschaft zerbricht, in der wir uns viele Jahre unseres Lebens aufgehoben glaubten, in der wir uns wohnlich eingerichtet hatten, von der wir hofften, sie würde uns tragen bis ans Ende unserer Tage.

Was macht Kindern Mut, wenn sie erfahren, dass sie den Ansprüchen dieser Gesellschaft, ihrer Lehrer und Eltern partout nicht gewachsen sind, wenn sie sich mit bitterer Mühe von Misserfolg zu Misserfolg quälen und dabei auch das letzte Restchen Selbstvertrauen verbrauchen.

Was erhoffen wir, wenn - wie aus heiterem Himmel - eine Krankheit lähmend über uns hereinbricht, wenn es heißt, sich von der gewohnten Schaffenskraft zu verabschieden, von geliebten Menschen - oder gar vom eigenen Leben.

Sicher, dann wünschen wir uns alle von Herzen, dass uns jemand retten, dass jemand das grausame Schicksal vielleicht doch noch abwenden möge. Das ist doch ganz natürlich. Und womöglich beten wir in solchen Momenten besonders inbrünstig zu Gott. Not lehrt beten, heißt es. Aber lehrt Not auch glauben? Liegt unter unserem Stoßgebet tatsächlich die entschlossene Zuversicht, die in unserer Jahreslosung formuliert ist, diese Bereitschaft, es unter allen Umständen einzig und allein darauf ankommen zu lassen:

"Ja, Gott ist meine Rettung. Ihm will ich vertrauen und niemals verzagen."

Was ist das überhaupt für eine "Rettung", die wir so unverzagt für uns in Anspruch nehmen sollen?

* * *

An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick hinter die Kulissen der Jahreslosungen und damit hinter die Kulissen bei der Herrenhuter Brüdergemeine. Dort wird Jahr für Jahr über die Bibelstelle entschieden, die uns als Jahreslosung aufgegeben ist, nach einem Losverfahren übrigens, weswegen die Losungen auch Losungen heißen. Gleichzeitig wird über die Übersetzung, also über die deutsche Textgestalt entschieden, in der die Jahreslosung verbreitet wird. Es ist üblich, sich jährlich in ökumenischem Kontakt auf eine bestimmte Textform zu einigen. Für 2002 wurde die so genannte Einheitsübersetzung gewählt. Deren Wortlaut habe ich bisher benutzt, diese Worte hat Prof. Friedhelm Brusniak vertont, in dieser Form werden Sie der Jahreslosung im Laufe dieses Jahres auch immer wieder begegnen.

Ein kleiner Seitenblick auf eine andere Übersetzung hilft uns aber beim Verstehen weiter. Bei Martin Luther lautet unsere Jahreslosung nämlich durchaus anders, und ich gestehe gerne, dass ich mich in seiner Übersetzung sprachlich und theologisch besser behaust fühle. Ich will auch gerne erklären, warum.

Bei Luther lautet unsere Jahreslosung so: "Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht."

Da ist es, das treffende und alles erklärende Wort: "Gott ist mein Heil."

Nicht die umgehende Rettung aus aller Not also ist mir zugesagt, schon gar nicht die Beseitigung aller Pein, die Aufhebung allen irdischen Leids, die Gesundung von allen Krankheiten.

"Gott ist mein Heil" heißt doch offenkundig nicht, dass Gott all unsere Nöte hinwegnimmt, unsere kleinen und großen Kümmernisse auf Anruf beseitigt - obwohl es natürlich auch diese Erfahrung mit Gott immer wieder gibt. Aber Leben heißt nun einmal dem sicheren Sterben ins Auge zu sehen.

"Gott ist mein Heil" - und dieses Heil schließt, weil ich Mensch bin, Leid mit ein. Dass Christus Mensch geworden ist, bedeutet zu allererst, dass er bereit war, menschliche Unzulänglichkeit, menschliches Leid, menschliches Sterben anzunehmen.

Das hebräische Wort, das der deutschen Übersetzung "Rettung" (bzw. bei Luther: "Heil") zu Grunde liegt, ist (so sagen es mir die Fachleute aus der Judaistik) ein vielfarbig schillerndes Wort (wie "Heil" ja durchaus auch), das "heil sein" bedeutet, Ganzheit, Unversehrtheit, Integrität, einen Zustand also (wie es einmal ein Theologe formuliert hat), "in dem es zur vollen Ausgestaltung dessen kommen kann, was der Mensch seiner Bestimmung nach ist."

Zu dieser menschlichen Bestimmung, zur conditio humana, zählen Mühe und Not, Bitternis, Trauer, Entbehrungen, Leid und Tod aber immer dazu. "Gott ist mein Heil" will daher auch nicht bedeuten, dass Gott diese menschliche Bestimmung aufhebt. "Gott ist meine Rettung" heißt nicht, dass Gott alles Leid von mir abwenden wird.

"Gott ist mein Heil" heißt, dass ich eingebunden bin in den Heilsplan Gottes - und der ist ganz offenkundig nicht nach einem simplen paradiesischen Muster gestrickt.

* * *

Unsere Jahreslosung stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja. Für die Menschen des alten Bundes, an die sich dieses Buch wendet, gehörte zum Heilsplan Gottes beinahe ganz selbstverständlich nicht nur Gottes Güte, sondern sehr wohl auch Gottes Zorn.

Die Juden zu Zeiten Jesajas lebten keineswegs in Ruhe, Frieden und Glück. Ganz im Gegenteil. Im 8. Jahrhundert vor Christus, herrschte - wie anders könnte es sein - Krieg. Zur Unterscheidung von den zahllosen anderen Kriegen nennen ihn die Historiker den syrisch-ephraimitischen. Beständig bedrohen die Assyrer das geteilte Reich der Juden. 722 vor Christus fällt das Nordreich ihrem Ansturm zum Opfer. Jesaja deutet diese Ereignisse als Zeichen des göttlichen Zorns und verheißt dem vorerst verschonten Südreich ein ähnliches Schicksal, aber auch ein Ende des Zorns und eine Zeit des Heils.

Dies ist die Prophezeiung des Messianischen Reiches, auf die wir uns mit dem Weihnachtslied (EG 30) immer beziehen:

Es ist ein Ros' entsprungen, aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art.

Diese Prophezeiung Jesajas geht unserer Jahreslosung unmittelbar voraus:

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. (Jes 11,1-2)

Das "Danklied der Erlösten", wie man den Abschnitt im Jesaja-Buch nennt, aus dem unsere Jahreslosung stammt, bezieht sich also nicht auf eine aktuelle Rettungserfahrung, nicht auf besonders friedvolle Zeiten. Ganz im Gegenteil: die Menschen, die unsere Jahreslosung anstimmen, leben in besonders unruhigen Zeiten mit vielerlei Bedrohungen für das Gemeinwesen und für den einzelnen - aber sie wissen sich aufgehoben in einem Heilsplan Gottes. Daraus resultiert bei aller äußerlichen Bedrohung ihre Sicherheit und ihr Vertrauen:

Ich danke dir, Herr, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht, denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

 

* * *

Auch in einer anderen Hinsicht hilft uns - oder jedenfalls mir - die Luther-Übersetzung weiter.

Im Text der Einheitsübersetzung lesen wir: "Ihm will ich vertrauen und niemals verzagen"

Dieses "Ich will", so habe ich mir von Experten erklären lassen, ist durch eine Futurform im zu Grunde liegenden Hebräischen durchaus gestützt. Aber was bürdet mir diese grammatikalische Kleinigkeit alles auf! Ist es tatsächlich (nur) eine Frage meiner Willenskraft, ob ich gerettet werde oder nicht. Was, wenn ich die Kraft nicht aufbringe? Wenn mir die Zuversicht fehlt? Habe ich damit meine Rettungschance vertan?

Wenn mich schon Versagensängste quälen, wenn ich ohnehin empfinde, dass alles, was ich einmal so entschlossen angepackt habe, zusammengebrochen ist - ausgerechnet dann soll ich mir mit einem entschlossenen "Ich will" selbst aus dem Sumpf helfen können, mich am eigenen Schopf packen wie der Baron Münchhausen?

Das "Ich will" mag grammatikalisch korrekt sein: Das Heil, von dem wir reden, ist aber gerade nicht eine Frage unserer Willensanstrengung. Dieses Heil lässt sich nicht mit Verbissenheit erzwingen. Es lässt sich überhaupt nicht erzwingen, und um es zu erreichen, bedarf es keiner übermenschlichen Anstrengung: "Das ewige Leben durch Christus Jesus ist ein unverdientes Geschenk" (Römer 6,23)

Luther übersetzt: "Ich bin sicher und fürchte mich nicht". So ergibt das einen Sinn!

"Ich bin sicher": Im Heil Gottes bin ich aufgehoben, jetzt, künftig und vor allen Zeiten. Dieses Heil schließt - anders als die banale "Rettung" - die Erfahrung von Zorn und Leid durchaus ein! Aber am Ende wird Gott mich erretten. Das Wissen um dieses Heil erlaubt mir die Haltung des Vertrauens, die Überwindung von Furcht.

"Ich fürchte mich nicht" - Ja, Furcht ist gemeint, nicht nur eine banale Verzagtheit. Todesfurcht und abgrundtiefe Verzweiflung sind es, aus denen uns Gott retten kann, indem er uns hineinnimmt in sein Heil, und das ist Jesus Christus:

"Christus spricht: In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden" (Joh 16,33).

* * *

In unserem Abendgottesdienst beten wir mit den Worten des Augustinus: "Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Dir." - Diese Ruhe des Herzens, das ist die Art von Unverzagtheit, die in unserer Jahreslosung angesprochen ist. Mit dieser Ruhe des Herzens wird es Menschen möglich, auch unter der Erfahrung des schlimmsten Leids ihr Vertrauen in Gott bewahren und bekennen zu können.

Aus dem Warschauer Ghetto ist überliefert (siehe EG S.1485):

Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.
Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe.

Und anschließend werden wir das trostvolle Lied Dietrich Bonhoeffers singen (EG 637):

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

* * *

"Ja, Gott ist meine Rettung. Ihm will ich vertrauen und niemals verzagen."

Im Heidelberger Katechismus findet sich zum Wörtchen "Amen" diese Erklärung:

"Amen heißt: Das soll wahr und gewiss sein; denn mein Gebet ist viel gewisser von Gott erhört, als ich in meinem Herzen fühle, dass ich solches von ihm begehre."

Das ist vielleicht der entscheidende Schlüssel auch zu unserer Jahreslosung: Das Heil Gottes ist uns viel gewisser, als wir in unseren Herzen fühlen, dass wir solches von ihm begehren.

Amen.


Bei der Vorbereitung für diese Auslegung ist mir vor allem von zwei Menschen Hilfe zu Teil geworden, für die ich ganz herzlich danken möchte.

Pfarrerin Karina Lehnardt aus Ditzingen-Hirschlanden stellt mir seit Jahren in verlässlicher Freundschaft ihr seelsorgerisches Know-how, ihre profunden Hebräisch-Kenntnisse und ihre große Geduld zur Verfügung.

Pfarrer Peter Fuchs hat mich mit Literatur und weiterführenden Hinweisen versorgt und mir so u.a. zu den wertvollen Anregungen verholfen, die ich Bischof Axel Noack aus Magdeburg verdanke (siehe Göttinger Predigtmeditationen 56 [2001] 71ff.).

Januar 2002
Dr. Hans-Jürgen Stahl

 


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