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Zurück zur Übersicht "Predigten"Pfarrer Martin Wohlleber: Römerbrief 3, 21-28 (Reformationsfest; 4. November 2001)

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, daß er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Aus dem Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 3, Verse 21-28

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und lieber Leser,

In diesem einen spröden theologischen Schachtelsatz steckt der Kern dessen, was Paulus vom Evangelium begriffen hatte, ja steckt der Kern des Evangeliums selbst. In Sprache und Gedankenführung wirkt das, was Paulus hier sagt abgehoben, abstrakt und ein bisschen weltfremd, aber es dringt vor bis in das Herz dieser Welt, bis dorthin, wo am tiefsten Punkt unserer Welt Gottes Herz schlägt.

Und die Wiederentdeckung der Wahrheit des Evangelium durch Luther hat 1500 Jahre danach noch einmal einen Sturm entfacht, ein Feuer, das damals die Kirche und die Welt erschüttert hat und bis heute Menschen ergreift und befreit. Diese Stelle aus dem Römerbrief war auch der Kern der reformatorischen Neuentdeckung des Evangeliums:

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein aus dem Glauben.

Wir alle wissen das, und ich habe es schon oft auch hier von dieser Kanzel gesagt. Nicht unsere Leistung, auch nicht unsere fromme Leistung zählt vor Gott, sondern das Vertrauen auf diesen Gott und Gottes Liebe.

Und wir nicken mit dem Kopf zu solchen Sätzen und gehen aus der Kirche heraus, Sie und ich, und leben, als hätten wir noch nie etwas vom Evangelium gehört. Versuchen eben doch unseren Wert als Menschen zu bestimmen durch unsere Arbeit, unsere Werke.

Haben Sie schon einmal einen schwerbehinderten Menschen gesehen, z.B. an den Rollstuhl gefesselt, ohne Kontrolle über die eigenen Gesichtszüge und den Körper. Oder stark geistig behinderte, verwirrte erwachsene Menschen, die nur mit schwerer Zunge ein Lalala vor sich hin brummen können. Und haben wir es wirklich begriffen, dass wir in den Augen Gottes nichts, aber auch gar nichts diesen Menschen voraus haben. Hab ich es begriffen, dass ich in den Augen Gottes auch nicht den kleinsten Vorteil habe vor dem Zigeuner aus Rumänien, der sich hier mit Bettelei oder sogar kleinen Diebstählen durchs Leben schlägt.

Stellen sie sich das ruhig bildlich vor. Vor Gottes Angesicht bin ich nichts aber auch gar nichts anderes als dieser behinderte Mensch, dem vielleicht nie in seinem Leben ein vernünftiges Wort über die Lippen gekommen ist, der vielleicht nie aktiv etwas für andere Menschen getan hat und zu dessen Geist vielleicht nicht einmal das Wort Jesus oder Gnade, oder Gott vorgedrungen ist, der als auch nicht glaubt in dem Sinn, in dem wir das so normalerweise verstehen. Vor Gott bin ich nichts aber auch gar nichts anderes als der asylsuchende Zigeuner. Können wir es ertragen, dass Gott keinen Unterschied sieht zwischen ihnen und mir? Wo bleibt also der Ruhm? Er ist ausgeschlossen?

Damit keine Missverständnisse aufkommen. Gott freut sich an den Gaben, die wir bekommen haben, und wenn wir sie einsetzen in der Welt und für die Welt, wenn wir arbeiten und lieben, wenn wir denken und reden, wenn wir weinen und lachen. Und wir können dankbar sein für alles was wir tun können und tun dürfen, aber es ist nicht das, was mich als Menschen ausmacht, es ist nicht das, was meinen Wert bestimmt, sondern Gottes Liebe und Barmherzigkeit.

Das begreift der, der nichts tun kann, um Gott zu gefallen, besonders tief. Deshalb heißt es in den Seligpreisungen:

selig sind die geistlich Armen, selig sind, die Verfolgung leiden, selig sind, die Leid tragen.

Menschen, die nicht viel tun können, sondern die Welt erleiden, sind oft besonderes wach für die Barmherzigkeit Gottes und werfen sich ganz der Gnade Gottes in die Arme und rufen: Herr erbarme Dich! Sie wissen, was wir nur zu gerne vergessen möchten, Es liegt nicht an unserem Wollen und Laufen, sondern an Gottes Erbarmen, dass wir nicht verloren gehen, sondern gerettet sind.

Und wir selbst sind dann besonders wach für die Stimme Gottes, wenn wir mit all unseren Anstrengungen und Plänen scheitern. Wenn das, worauf wir in unserm Leben stolz sind, worauf wir unser Leben aufgebaut haben, uns unter den Fingern zerbröckelt.

Ich weiß nicht ob sie auch schon einmal einen ganz extremen Bruch in ihrem Leben erlebt haben. Als sich meine erste Frau von mir trennte, konnte ich das überhaupt nicht begreifen. Ich hatte doch alles richtig gemacht. Sie konnte mir doch nichts vorwerfen. Ich hatte doch so viel in diese Beziehung investiert, hatte mir alle Mühe gegeben.

Zu meinen, alles richtig zu machen oder machen zu wollen, das ist Leben nach dem Gesetz. Die Lebenshaltung, die stets bemüht ist, dass einem niemand am Zeug flicken kann, dass ich immer saubere Finger habe, dass mir niemand etwas vorwerfen kann, das ist Leben nach dem Gesetz, das ist Selbstgerechtigkeit, so jemand braucht keine Vergebung, denn er hat ja alles richtig gemacht. Warum war alles gescheitert, warum war zerbrochen, was wir uns erträumt und erhofft hatten und was wir nach allen Regel der Kunst ins Werk gesetzt hatten?

Im Scheitern all dessen, als meine Werke mit einem Mal nichts mehr wert waren, als ich am Boden zerstört war, ist durch den Schmerz und die Tränen immer wieder ein Lied in mir aufgeklungen. Der Text des Liedes heißt:

"Warum betrübst Du Dich und beugest Dich zur Erden
mein hoch betrübter Geist, mein abgematteter Sinn.
Du fragst wie will es doch noch endlich mit mir werden
und fährest über Welt und über Himmel hin.
Willst Du dich nicht recht fest in Gottes Willen gründen,
wirst Du in Ewigkeit nicht wahre Ruhe finden."

Ja, im Zerbrechen der eigenen Lebensperspektive, wenn alles, was man bislang gedacht und gesagt und getan hat, auf einmal fragwürdig erscheint, wenn die Selbstgerechtigkeit langsam zerbröckelt, weil sie nichts nützt und nichts ändert, dann kann die Wahrheit des Evangeliums noch einmal besonders intensiv hervorleuchten und es ist gewiss kein Zufall, dass es durch besondere Erfahrungen des Schmerzes hindurch einen neuen Blick auf die Wahrheit des Evangeliums gibt.

Wo bleibt nun der Ruhm, er ist ausgeschlossen. Nein wer so scheitert wie ich, hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Der kann nicht stolz sagen: "Hab ich das nicht prima gemacht." So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein aus Gnade. Gott sagt, Du bist mir recht, obwohl du es herzlich schlecht gemacht hast.

Zu Anfang habe ich gesagt, dass diese Stelle bei Paulus dorthin vordringt, wo am tiefsten Punkt der Welt Gottes Herz schlägt. Ist das nicht doch ein wenig übertrieben, gibt es nicht tiefere Gedanken in dieser Welt, gibt es nicht wichtigeres. Nein, liebe Gemeinde. Diese Entdeckung, das was uns Gott da entdeckt hat schlägt an Bedeutsamkeit weit die Entdeckung Amerikas und die Gründung eines Weltreichs; Es übersteigt bei weitem die Bedeutung der Erfindung der Kernkraft oder die Entdeckung der Weltformel, nach der die hellsten Köpfe schon lange forschen.

Nicht nur der behinderte Mensch, nicht nur der scheiternde Mensch, unsere ganze Welt lebt von dieser Gnade. Wer ein wenig Abstand nehmen kann zu sich, zu dieser Welt, der wird nicht darum herum kommen, am Ende seines Lebens zu erkennen: was habe ich schon getan. Wie Milliarden anderer Menschen habe ich mich bemüht und abgestrampelt, habe Entscheidungen getroffen, die mir ungeheuer aufregend und wichtig erschienen sind und wenn ich auch nur einen kleinen Abstand zu mir nehme, dann kann ich sehen, wie unbedeutend das alles ist, wie willkürlich, ja vielleicht sogar wie herzlich schlecht, vielleicht ist es sogar so, dass man am Ende seines Lebens sagt: Wenn ich noch einmal auf die Welt käme würde ich alles ganz anders machen, würde mehr lernen, würde einen anderen Beruf wählen, würde vielleicht mit einem anderen Menschen mein Leben verbringen wollen.

So aus einem kleinen Abstand betrachtet ist unser Leben doch nicht der Rede wert. Aber im Licht des Evangeliums erkennen wir, dass Gott zu uns sagt. Du bist wichtig, dein ganzes Leben, nicht nur ein paar herausragende Werke. Du musst nicht Amerika entdecken und Du musst nicht die Relativitätstheorie erfinden. Wer hier auf dieser Welt große Dinge tut geht in die Geschichte ein. Aber was ist das schon gegen die Botschaft des Evangeliums, Du gehst nicht nur in die Geschichte ein, ins Reich Gottes gehst Du ein. Gott sagt zu Dir: Ich vergesse dich nicht in Ewigkeit. Du zählst bei mir."

Das ist die Botschaft des Evangeliums: diese ganze irre und wirre Welt liebt Gott von ganzem Herzen, und mich in ganz besonderer Weise. Diese Wahrheit hängt hoch und reicht tief - oft hängt sie viel zu hoch über meinem Haupt. Aber die Wahrheit muss konkret werden. Wir müssen das Evangelium hineinübersetzen in unser Leben und einander das Gefühl geben: Jemand mag mich. Ich bin bejaht, auch wenn so vieles an mir schief und krumm und unleidlich ist.

An den barmherzigen Gott glauben heißt, die Barmherzigkeit im eigenen Leben widerspiegeln. Wenn ich es spüre, dass Gott ja zu mir sagt, so verdreht oder unbedeutend mein Leben auch ist, dann gebe ich diese Liebe auch weiter an die Menschen, die mir begegnen, an den Schwerstbehinderten, der nur lallen kann, gebe von dieser Liebe weiter an die Zigeuner die in unserem Land Zuflucht und ein besseres Leben suchen. Gebe diese Liebe weiter an den, der scheitert an seinem Leben und in seinem Leben, mit seiner Ehe oder seinem Beruf. So werde ich zu einem Teil des starken Stroms der Liebe, mit dem Gott, das Herz dieser Welt, diese Welt am Leben erhält.

Amen.


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