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Predigtgedanken bei einem konzertanten Abendgottesdienst
am Sonntag, 24. Juni 2001 in der Philippuskirche in Eisingen
zu Markus 7,31-37

Im Anschluss wurde die Motette "Effatha" von Heinz Werner Zimmermann und Bruno Epple vom Universitätschor Würzburg unter der Leitung von Prof. Friedhelm Brusniak uraufgeführt
(Pfarrer Peter Fuchs)

Liebe Gemeinde,

das Heilungswunder wird - wie so oft in der Bibel und wie so oft auch heute - möglich, weil Freunde da sind, die den körperlich Eingeschränkten bringen. Sie bringen ihn an den Ort, wo Heilung oder Veränderung möglich ist und zu dem, der solches vermag.

Die leidvolle Einschränkung ist Taubheit. Die Taubheit führt dazu, nur mit Mühe reden zu können. Wir wissen heute darum, dass das Stummsein in zahlreichen Fällen ein Sekundäreffekt der Taubheit ist, da der Ausfall des Gehörs die Sprechfähigkeit verkümmern lässt. - Diese lässt sich jedoch gezielt fördern, das ist heute die Erfahrung.

Eine Einschränkung ist oftmals Ursache für weitere Einschränkung. Und umgekehrt kann für einen Gehandicapten , wenn Heilung bzw. eine Überwindung der stärksten Einschränkung möglich wird, vieles neu werden.

Frau Schaut aus Waldbrunn konnte uns am vergangenen Dienstag von den medizinischen Bemühungen der Kinderhilfe Nepal dazu auch Bemerkenswertes erzählen, das sie selbst miterleben konnte: Ein Kind mit Augen , die hochempfindlich für Licht sind, war bisher soviel wie blind. Etwa zwei Tage Fußweg entfernt vom nächsten Arzt wohnt das Kind in einem Dorf in den Bergen. Hilfe wurde möglich durch eine Brille mit besonderen , ganz stark getönten Gläsern. Das Kind konnte bisher auch fast nichts reden. Mittlerweile kann es nun auch Sprache entwickeln.

Eine kleine "Fortsetzungsgeschichte" von heute zu der biblischen Erzählung des Evangelisten Markus. Hier und da waren Freunde am Werk , notwendige Kontakte anzubahnen.

Einzuräumen ist zugleich: Damals wie heute wurden und werden nicht alle Kranken geheilt. Leidvolle Einschränkungen können nicht so einfach überwunden werden Vielen ist es auferlegt mit Krankheit oder schweren Handicaps wie Gehörlosigkeit zu leben.--- Die Zuwendung von Freunden wird auch für sie ganz große Bedeutung haben. Auch neue Einsichten und ihr Beherzigung können eine Hilfe sein. Im besonderen Fall der Gehörlosigkeit ist in unserer Zeit deutlich geworden, dass es mindestens ebenso wichtig ist , die Gebärdensprache zu fördern wie das Ablesen von Lippen und die Sprache mit Lauten.

Blicken wir wieder auf die Erzählung des Evangelisten Markus: Es wird erzählt: " und Jesus nahm ihn, den Kranken, aus der Menge beiseite." Das sagt: Jesus sieht die besondere Situation dessen, der Heilung braucht. Er sagt nicht zu vielen gleichzeitig: "Euer Problem kenn' ich." Nein. "Er nahm ihn aus der Menge beiseite."

Es wird uns weiter erzählt: "Er legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel." Speichel wird hier wohl erwähnt, weil ihm in der Antike heilende und apotropäische - also Unheil abwehrende - Wirkung zugeschrieben wurde. Die Worte des Markus machen vor allem deutlich: Jesus wendet sich dem Kranken persönlich und sogar körperlich spürbar zu. Kein mysteriöses Wort ist ausschlaggebend, sondern eine Zuwendung, mit der Jesus eine gesunde, eine heile Seite des Taubstummen anspricht, einen seiner Sinne, der geblieben ist, den Tastsinn. Da wo die Not sitzt, bei den Ohren, bei der Zunge kann er spüren, wie Jesus ihn berührt und sich auf ihn einlässt.

Bei Heilungswundern ist dann oft der Betroffene, der Kranke ausdrücklich selbst gefragt, was sein Wille ist, seine Hoffnung, sein Wunsch. Jesus fragt an anderer Stelle einmal: "Was willst du, dass ich dir tun soll?" Oder einen Lahmen am Teich Bethesda: "Willst du gesund werden?" Ich glaube, dass auch bei unserer Geschichte eine solche Klärung geschehen ist. Der Hilfesuchende ist notwendigerweise ganz beteiligt. Es gehört dazu, dass die Not sich wenden kann.

Schließlich heißt es weiter in unserer Erzählung: "Und Jesus sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Effatha! Das heißt. Tu dich auf!" Dieses Wort Effatha ist von seiner Herkunft heute nicht mehr sicher zu klären. Sehr wahrscheinlich ist es aramäische Sprache, also die Muttersprache Jesu.

Effatha - öffne dich. Der katholische Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann erklärt dazu: Betroffen "sind nicht nur Ohren und Mund, es ist im wesentlichen das Herz. Denn dieses Wort muß der Taubstumme vernehmen, noch eh er's eigentlich durchs Ohr vernehmen kann. Aber dieses Wunder geschieht."

In dem Öffnen selbst geschieht bereits das Wunderhafte, Außerordentliche. Der, dem Mund und Ohren verschlossen waren, konnte das Öffnen nicht aus eigener Kraft mit eigenen Mitteln schaffen. Da waren nicht ausreichend Selbstheilungskräfte. Jesu Wort von außen und seine Zuwendung bringen diese Öffnung, -- diese grundsätzliche Öffnung, dass der von Handicaps Eingeschränkte sich öffnen kann, auf einmal hören und sich mitteilen kann.

Sie werden sicher auch schon daran gedacht haben, dass die Heilungsgeschichte auch sinnbildlich zu verstehen ist: Sie gilt wie eine Verheißung allen, die durch irgendeine Erfahrung verstummt sind, für alle, deren Ohren sich eines Tages , vielleicht nach einer schmerzlichen Erfahrung, verschlossen haben. Eine neue Erfahrung kann die Zunge wieder lösen und die Ohren öffnen. Besonders die Erfahrungen von Zuwendung, herzlicher Freundlichkeit , haben solche Kraft: Wenn Freunde Wie in der Geschichte Last und Hoffnung teilen und wenn Jesus selbst mit seinem befreienden Wort uns anrührt.

Amen.

Ich freue mich, dass der Chor nun für uns die Motette "Effatha" komponiert von Heinz Werner Zimmermann singen wird. Es ist eine Uraufführung. Der Liedtext stammt von Bruno Epple. Die Motette ist zugleich Bekenntnis und Gebet.

 


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