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Zurück zur Übersicht "Predigten"Pfarrer Peter Fuchs, Sonntag, 3. Dezember 2000 (1. Advent); Lc 1,68-79

Der Predigttext in der Übersetzung von Walter Jens
(zit. nach: Walter Jens [Hg.], Assoziationen, Bd.5, Stuttgart 1982)

Der Herr sei gepriesen, Israels Gott!
Er hat sein Volk besucht und es befreit:
Ins Haus seines Knechts David
hat er den Retter gesandt,
der stark wie ein Widderhorn ist.
Verkündet hat er, von Urzeiten an,
durch den heiligen Mund der Propheten:
Ich werde euch retten vor euren Feinden.
Ich werde euch retten, wenn ihr Haß nach euch greift.
Ich werde mich eurer Väter erbarmen
und den heiligen Schwur nicht vergessen,
den ich Abraham schwor, eurem Vater:
euch aus der Hand der Feinde zu retten,
damit ihr mir dient, ohne Furcht,
in Frömmigkeit und Gerechtigkeit,
ein Leben lang vor meinem Angesicht.
Du aber, Kind, sollst Prophet des Höchsten genannt sein,
weil du dem Herrn vorausgehen wirst,
und ihm die Wege ebnen
und seinem Volk zu verkünden:
Es gibt Rettung,
die Schuld wird vergeben, Gott ist barmherzig.
Sein Licht,
aufgehend wie die Sonne am Himmel,
hat uns berührt.
Es leuchtet auch denen,
die in der Dunkelheit sind
oder im Schatten des Todes,
und lenkt unsere Schritte zum Frieden.

Liebe Gemeinde,

Da steht er: Zacharias, schon in reifem, fortgeschrittenen Alter, lange sprachlos, als er sein Glück, noch Vater zu werden, nicht glauben wollte. Nun darf er einen Sprößling in Händen halten und sein Mund geht über. Begeisterung über seinen Gott sprudelt heraus:

"Der Herr sei gepriesen, Israels Gott! Er hat sein Volk besucht und befreit."

Zacharias erlebt nochmals eine besondere Anfangssituation. Seine Frau Elisabeth und er werden doch noch eine Familie haben.

Und er erfährt: Durch Johannes, seinen Sohn, will Gott, wenn er herangewachsen ist, in besonderer Weise wirken.

Was für ein Einschnitt in Zacharias Leben! Es gibt für ihn noch einmal eine Anfangssituation, nämlich als Vater mit neuer, noch nicht vertrauter Verantwortung.

Wir als Gemeinde bedenken heute im Gottesdienst auch eine gegenwärtige Anfangssituation, nämlich die unseres neuen Kirchenvorstandes. Nun mag die Anfangssituation von Zacharias damals und die unseres neuen Kirchenvorstandes heute wenig unmittelbare Vergleichspunkte haben, dennoch können wir - so meine ich - aus dem Lobgesang des Zacharias Grundgedanken gewinnen, die für Einschnitte im Leben und Anfangssituationen ganz wesentlich sind.

Am Anfang steht bei Zacharias ein Lob. Lob für Gott, dass er sein Volk aufsucht. Zacharias macht sich fest bei Gott. Er sucht die Nähe seines Gottes - gerade in der Situation eines neuen Anfangs. Er will bei ihm verweilen. Er lobt Gott für seine Treue, für Treue, die er gerade auch spürt, denn er persönlich hat Großes erlebt.

Zacharias erinnert in seinem Lobgesang an bewährte Traditionen und heilvolle Geschichte: "Verkündet hat er von Urzeiten an, durch den heiligen Mund der Propheten: Ich werde euch erretten (...)." Solche Erinnerung erleichtert es Zacharias sicher, sich auf Neues einzulassen.

Er besinnt sich darauf, selbst bedürftig zu sein. Er schließt sich ein bei dem Gedanken: "Gott hat uns besucht, dass er uns errette". Zacharias wird uns hier in seiner Frömmigkeit, in seiner Grundhaltung zu einem Vorbild, dem zu folgen sich für uns als Gemeinde und als neuen Kirchenvorstand lohnt.

In seinem Lobgesang folgt nun eine nüchterne Weltsicht. Wir hören Gott sagen: "Ich werde euch retten vor euren Feinden. Ich werde euch retten, wenn ihr Hass nach euch greift". Eine nüchterne Weltsicht. Es gibt bedrängende Feinde, auch Hass. Näheres bleibt offen. Keine weitere Beschreibung der "Feinde". Es kann Menschen geben, die uns vielleicht etwas neiden, die uns eine Verantwortung, eine Anerkennung nicht gönnen, weil es ihnen gerade selbst an Selbstwertgefühl mangelt. Sie können bedrängen, einengen wie "Feinde". Das kann es geben. Dann können wir eine von Gott geschenkte Freiheit brauchen, das erst einmal auszuhalten.

"Aus der Hand von Feinden wird Gott uns erretten", spricht Zacharias. Vielleicht gibt es eine Krankheit, die uns zusetzt, die wir wie einen Feind erleben, der uns um Ruhe und Schlaf bringt. Wir hören: Gott kann ihr die Spitze nehmen, so dass wir in neuer Weise leben können.

Vielleicht muss Gott, wenn er zu uns kommt, uns gelegentlich auch vor uns selbst schützen. Gelegentlich muss er uns von überhöhten Ansprüchen befreien, die wir oft selbst an uns richten. Manchmal werden wir uns selbst ein unbarmherziger Gegenüber wie ein "Feind". Wir brauchen es dann, dass uns Gott erst einmal befreit zu einer neuen Freundlichkeit gegenüber uns selbst.

Das höchste Ziel für Zacharias setzt zwar die Freiheit von Feinden voraus, ist aber der feierliche und aufrichtige Gottesdienst. Zacharias betet: `Er erlöst aus der Hand unserer Feinde, dass wir ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.´ Zacharias, selbst Priester, lässt eine Frömmigkeit erkennen, für die Gottesdienst, der doch wohl von allen, nicht nur stellvertretend von den Priestern geleistet wird, höchstmögliche Freude bedeutet.

Schließlich besingt Zacharias, dass Gott Menschen beteiligt - so auch Johannes -, Evangelium weiterzusagen und von Schuld zu befreien: "Denn du - Johannes - wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest, und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden." Johannes wird an der Sendung und dem Wirken von Jesus , dem Messias , beteiligt.

Es begegnet hier im Neuen Testament eine erste Begründung des "allgemeinen Priestertums aller Gläubigen" . Die protestantische Überzeugung von einem Priestertum aller Gläubigen stammt von Martin Luther und resultiert aus dem Studium der Heiligen Schrift , der Bibel. Gemeint ist: Es gehört entscheidend zum Neuen Bund Gottes mit den Menschen, dass in ihm der Unterschied von solchen, die einen besonderen Zugang zu Gott haben und solchen, die nur durch deren vermittelnden Dienst vor Gott treten, aufgehoben ist.

Jeder Christ hat volle, in keiner Weise abgestufte Würde vor Gott und Zugang zu Gott. 1520 schreibt Luther in der Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation ", die bald große Verbreitung fand: "Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei." D.h.: Alle haben gleiche Würde vor Gott.

Im 1.Petrusbrief heißt es für alle Christen , Kapitel 2, Vers 9: "Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht."

Mit dem Gedanken des "allgemeinen Priestertums aller Gläubigen" ist gemeint, dass jeder Christ für einen anderen wie ein Priester sein kann. Dass jeder Christ mit seinem Leben mit Wort und Tat auch Evangelium weitersagt und für andere Seelsorger sein kann. Allerdings gibt es nach dem neutestamentlichen Zeugnis in der Öffentlichkeit der Gemeinde von Anfang an Dienste, so auch die Verkündigung, wozu Menschen besonders berufen werden.

Kehren wir zurück zum Lobgesang des Zacharias, in dem die Teilhabe an Jesu Sendung und der Gedanke eines Priestertums aller Gläubigen angeklungen war. Während Zacharias zu Beginn seines Lobgesanges ganz bei sich war , bei seiner Bedürftigkeit, bei seinen guten Erfahrungen mit Gott und seinen Hoffnungen, weitet sich nun gegen Ende des Lobgesanges der Blick. So hören wir: "Uns wird besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen die sitzen in Finsternis."

Hier können wir ahnen: Es ist ein Auftrag zu erwarten, eine Sendung, eine Mission.

Wer bereits das aufgehende Licht erleben konnte, der ist gefragt , das seine - oder ihre - zu tun, dass das Licht auch scheinen kann, wo bisher noch Finsternis herrscht. Entsprechend sagt Jesus später selbst in der Bergpredigt "ihr seid das Licht der Welt." Ein besonderes Wort für alle Christen, ein Zuspruch für unseren neuen Kirchenvorstand.

Im Konfirmandenunterricht war es sehr interessant als wir über den Kirchenvorstand gesprochen haben und da erst einmal von den Konfirmanden Aufgaben vermutet werden sollten. Ich fand das toll, dass da nicht als erstes Baumaßnahmen, Haushaltsplan, Gottesdienstzeiten genannt wurden. Denn ein Konfirmand meinte ganz schlicht: "Die müssen schauen, dass es in der Gemeinde mehr werden." Das war ein gutes Gespür dafür, dass zum Kirchenvorstand eine missionarische Aufgabe gehört: Menschen einladen, Freunde und neue Gesichter, eigenen Glauben zu erkennen geben, anderen auch dienen.

Am Ende des Lobgesanges von Zacharias gibt es kein Gegenüber von Bedürftigen und denen, die Licht weiterzugeben haben. Zacharias schließt sich sofort wieder ein in den Kreis derer, die ganz auf Gott angewiesen sind und ohne seine Barmherzigkeit und seinen Frieden nicht sein könnten: "Das aufgehende Licht aus der Höhe hat uns besucht, damit es erscheine denen , die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Für Zacharias ist die Situation eines neuen Anfangs Anlass, Gott zu loben, bei ihm zu verweilen und - mit dem Wissen einer Mission - um Wege des Fiedens zu bitten. Eine nachahmenswerte Frömmigkeit.

Amen.


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