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Zurück zur Übersicht "Predigten"Dekan Dr. Günter Breitenbach, Sonntag, 29. Oktober 2000

Liebe Eisinger Gemeinde,

es ist mir eine große Freude, heute zum ersten Mal mit Ihnen Gottesdienst zu feiern.

Mit Eisingen verbinden mich lebendige Erinnerungen aus meiner Rummelsberger Zeit. Es war die Phase, als Ihre Gemeinde sich gerade in Gründung befand, als ein Initiativkreis aus den drei Orten Eisingen, Kist und Waldbrunn eine eigene Kirchengemeinde formen wollte. Ohne Raum, ohne Pfarrer, ohne Geld, aber inspiriert von der Vision einer lebendigen Gemeinde am Stadtrand, getragen von Ehrenamtlichen mit Tatkraft, tausend Ideen und einem wachen Sinn für das, was Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer heute als ihre Kirche brauchen.

Damals konnte ich Sie als Gemeindeberater ein kleines Stück auf Ihrem Weg begleiten, und heute freue ich mich daran, was inzwischen alles gewachsen und geworden ist. Neben vielem anderen die schöne Philippuskirche mit ihren beeindruckenden Kunstwerken von Werner Mally, dem Träger des landeskirchlichen Kunstpreises 1999. Raum für Gott, Raum für die Menschen, Kunstraum, Begegnungsraum.

In diesen Wochen geht es in Ihrer Gemeinde wieder um Kunst und Begegnung. Bilder zur Bibel von Marc Chagall sind in der Philippuskirche zu Gast. Sie haben sie in der Ausstellung betrachtet, sich im Rahmen des Begleitprogramms mit dem Künstler und seinem Werk auseinandergesetzt. Kinder haben sich inspirieren lassen, ihre eigenen Bilder zu malen, und ich stelle mir vor, es hat viele Entdeckungen und Gespräche in diesem Raum und darüber hinaus ausgehend von diesen Bildern gegeben. Und Sie haben Gottesdienste gefeiert mit Sarah und Mose, Jeremia, Hiob und Daniel, mit Naemi und Rut. Lebendig sind Ihnen diese Frauen und Männer des Alten Testaments vor Augen gestanden und sind in Kontakt mit ihrer persönlichen, inneren Bilderwelt getreten.

Heute geht diese Ausstellung zu Ende, und Peter Fuchs hat mich gebeten, zum Thema "Chagall - Glaube in Bildern" zu Ihnen zu sprechen.

Ich möchte dies tun in Verbindung mit einem Wort aus dem Römerbrief des Apostels Paulus, der ja, wie Chagall, durch eine ganze, lange Geschichte intensiven Lebens im Judentum geprägt war. Er schreibt im Brief an die Römer im 11 Kapitel so eine Art Schlusswort zu seiner Auseinandersetzung mit dem Weg Gottes mit Israel:

"O, welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege. Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen. Oder: Wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott ihm vergeben müsste?

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.

Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen."

"O, welche Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes". Auch für Paulus stehen diese Worte am Ende einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Judentum, seiner prägenden Geschichts- und Bilderwelt.

Er, der Christ gewordene Jude, taucht noch einmal voll ein in Geschichte und Schicksal des alttestamentlichen Gottsvolkes.

Und er spürt intensiv: Der Weg Gottes mit Abraham und Sarah, mit Mose und David, mit den kantigen Propheten und den gelassenen Weisheitslehrern, mit den mutigen Frauen und den alle Höhen und Tiefen durchschreitenden Psalmisten, dieser Weg Gottes ist nicht zu Ende: Sie bleiben meine Väter und Mütter im Glauben, meine Schwestern und Brüder, sie bleiben meine Wegbegleiter im Heute, auch als Christ.

"Oh, welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes", der Ahnungen und der Erfahrungen von Gott. So ähnlich mag der russische Jude Marc Chagall seine Verwurzelung in den Geschichten des Gottesvolkes auch empfunden haben. Auch als er weit entfernt war von der bunten Bilderwelt seiner Kindheit im russischen Witebsk, von den chassidischen Rabbinern mit ihren originellen Sprüchen, mit ihrem seelsorgerlichen Humor, mit ihrer unausschöpflichen Mystik und ihrer überschwänglichen Fröhlichkeit, als er weit weg war von den traditionsgesättigten Ritualen und den heiligen Regeln seiner Kindheit, als die fröhlichen Feste einer urwüchsigen Familien- und Ortsreligiosität seiner Kindheit nur noch Erinnerung waren, da tauchten doch in seinen Traumgesichten und Visionen immer wieder die biblischen Bilder und Gestalten auf und sie schufen sich Raum in seinem Schaffen, gerieten in einen lebendigen Dialog mit den Erfahrungen seines Lebens in Paris, im amerikanischen Exil während der Nazizeit.

Sie wurden ihm zur Antwort auf die Schrecken von Krieg und Shoah. Wie hätte er diese Bilder des Schreckens anders ertragen können, als indem er sie einzeichnete in die Geschichte des biblischen Gottesvolkes, in dem Schrecken und Unheil, Zorn und Versöhnung, ersehnte Liebe und trotziges Festhalten an Gott lebendig Gestalt gewinnen. Glaube in Bildern - Bilder des Glaubens neu malen gegen die Bilder des Schreckens. Bilder des Glaubens den Menschen zeigen, damit solches nicht immer wieder neu geschieht. Da saß der Kern der Motivation, dass er sich ab den fünfziger Jahren so intensiv der Bibel zugewandt und zwei Bibelausgaben gestaltet hat, eine, die die klassischen Vätergestalten betrifft, und eine, das finde ich ganz besonders bemerkenswert, in der er die Frauengestalten des Alten Testaments herausstreicht.

Und aufgetaucht ist in dieser Zeit dann auch immer einmal wieder, was man gar nicht erwarten würde, nämlich das Bild des Gekreuzigten - als Zeichen des Leidens des Judentums, für uns Christen als Erinnerung, dass der, an den wir glauben, Jude war. So hat Chagall eine wichtige Brücke zwischen Judentum und Christentum geschlagen und er hat uns viel dabei geschenkt. Dabei kommt es überhaupt nicht darauf an herauszustellen, was wir Christen mehr hätten an Erkenntnis Gottes als das Judentum, sondern dass wir unseren Christus verstehen lernen aus dem Alten Testament heraus, in dem er lebte, so wie Paulus und alle neutestamentlichen Gestalten. Diese neue Offenheit der Christen für das Judentum ist etwas, von dem ich denke, dass wir es wirklich sehr dringend brauchen, und ich bin dankbar, dass wir in Würzburg eine Situation großen Vertrauens haben zwischen der jüdischen Gemeinde und den christlichen Kirchen, dass hier Schritte getan worden sind, auf denen man aufbauen und weitergehen kann. Mir ist auch wichtig, Ihnen zu sagen, dass wir am Vorabend des 9. November, also am Abend des 8. November um 19 Uhr, einen ökumenischen Lichterweg von der Marienkapelle zur Synagoge gehen wollen. Gesicht zeigen gegen rechte Gewalt.

Chagall hat bei all seinen biblischen Bildern ein wichtiges Element des Judentums nie vergessen, nämlich das alttestamentliche Bilderverbot:

"Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott."

Wer Gottesbilder festhalten will, landet nur zu leicht bei Götzenbildern, verwechselt seine eigenen Vorstellungen von Macht und Liebe, von Glück und Segen, von Zorn und Gerechtigkeit, von Oben und Unten mit dem unausforschlichen, heiligen Gott.

"Wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen. Wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott ihm vergelten müsste?"

Diese heilige Scheu vor dem Geheimnis Gottes ist bei Chagall immer wieder präsent. Er hat etwas anderes getan: Er hat Menschen ins Bild gesetzt, Menschen voller Lebendigkeit, voller Widerspruch, voller Kraft und Schönheit, voll Zorn und Verzweiflung, wie sie ihm in den Erzählungen des Alten Testaments begegneten. Nehmen Sie als Beispiel diese vier unterschiedlichen Darstellungen des Mose in Ihrer Ausstellung. Einmal im blauen heiligen Raum der Gottesbegegnung, dann mit hochrotem Kopf voll Zorn, aufschauend zu Gott, hinschauend zu den Menschen, immer wieder anders.

Und weil sich ihm in den biblischen Gestalten die Tiefe des Menschseins erschließt, eröffnet sich in ihnen auch der Zugang zum lebendigen Gott.

Marc Chagall ist nicht dabei geblieben, ferne biblische Gestalten einfach abzubilden, sondern er ist immer selbst ganz präsent in diesen Bildern. Die biblischen Motive verknüpfen sich untrennbar mit den Bildern seiner eigenen Seele. So, wie sie in seinen Träumen und in seinen Visionen auftauchen, so bringt er sie aufs Papier, voll Phantasie und alsAusdruck des inneren Reichtums, manchmal auch des inneren Schreckens seiner Seele.

Glaube in Bildern. "O, welch ein Reichtum an Weisheit und an Erkenntnis Gottes."

So individuell und persönlich die Bilderwelt Chagalls auch sonst ist, so unverwechselbar ist auch seine Darstellung der Bibel. Es ist sein Mose, seine Hagar, sein Hiob. Und gerade weil er so persönlich und oft so überraschend seine eigenen Sichtweisen wiedergibt, fern aller Klischees, regt er auch uns als Betrachterinnen und Betrachter zu einer höchst persönlichen Auseinandersetzung mit der biblischen Bilderwelt an. Wie anders wäre die große Wirkung und breite Akzeptanz seines biblischen Bilderwerks zu erklären?

Chagall ist kein Illustrator. Angeregt durch das biblische Bildmaterial, gespeist durch die Bilder seiner Seele, bringt er in uns es in Gang, dass innere Bilder entstehen, dass imaginäre Kraft in uns geweckt wird.

"O, welche Tiefe des Reichtums der Weisheit und Erkenntnis Gottes."

Denn es geht ja darum, dass sich in unseren Seelen heilende Bilder festsetzen, die uns helfen, das einzuordnen, was wir an Konflikten, an Sprüngen, an Ratlosigkeiten in unserem Leben erfahren, die uns immer wieder neu Halt geben und Orientierung.

Liebe Gemeinde, ich möchte aus der Fülle des Reichtums, die uns in Chagalls biblischer Bilderwelt begegnet, nur ein Beispiel besonders herausgreifen und ich tue es in Bezug auf unseren Predigttext:

"Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge."

Sie finden es in Ihrem Gesangbuch vor dem Lied 316.

Übrigens: in unserem neuen Gesangbuch ist Marc Chagall neben Rembrandt der meistvertretene Zeichner und Maler. Sechs seiner Werke sind wiedergegeben.

Das Bild, das ich Ihnen zeigen möchte, heißt "Lobgesang im Paradies" und gehört in denselben Schöpfungszyklus wie das Bild 2 in Ihrer Ausstellung. Ich habe dieses Bild ausgwählt, weil es Ihnen in Ihrem Gesangbuch auch über die Ausstellung hinaus bleibt.

Mitten im Paradiesgarten haben sich Mann und Frau niedergelassen, eng aneinandergeschmiegt. Geborgenheit, Berührung, Lust, Schönheit und Zärtlichkeit. Blumen wachsen auf sie zu, Vögel fliegen auf und lassen sich nieder. Bäume, ein Berg, die Sonne. Göttliches Licht, göttliche Lebendigkeit, göttliche Liebe.

Marc Chagall ist immer nicht nur ein religiöser, sondern auch ein erotischer Maler gewesen. Und das vergisst er nicht, als er Bilder zur Bibel malt. Er stellt uns vor Augen, wie eng Sexualität und Spiritualität zusammengehören. Kreatürlichkeit. Zartheit. Exstase. Glück.

Die geschlechtliche Beziehung zwischen Mann und Frau ist für Chagall ein Teil des Lobgesangs auf die Schöpfung und sie ist eine Form der Gottesbegegnung. Das Hohelied der Liebe klingt an aus dem Alten Testament, das in orientalischer Farbenpracht die Schönheit und Zartheit der Liebe besingt.

Chagall ist in seiner alttestamentlichen Bibel zu Hause. Und deshalb empfindet er auch ganz natürlich, was für ein Gottesgeschenk unsere Leiblichkeit ist. Und man kann sich nur fragen: Wie konnten die Christen, die doch auch ihre Bibel haben, das so vergessen?

Es ist wahrhaft würdig und recht, billig und heilsam, könnte man fast sagen mit den Worten der Abendmahlsliturgie, Gott mit Haut und Haaren zu loben - und unsere Nächste, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.

"Von ihm und in ihm und zu ihm sind alle Dinge."

Dass Chagall uns darauf aufmerksam macht und dass dies in unserem Gesangbuch Raum gefunden hat, das soll ihm nicht vergessen sein.

"Von ihm und in ihm und zu ihm sind alle Dinge" - dies gilt auch für die Beziehung zwischen Mensch, Tier und Pflanze. Chagall zeigt uns den Menschen nicht isoliert, sondern hineinverwoben in die Schöpfung. Ein wahrhaft ökologisches Bild. Wie sollte der Mensch leben ohne Blumen, Vögel und Bäume? Wie sollte er ohne sie gesund bleiben und im seelischen Gleichgewicht?

Nun kann man fragen: Wo ist Gott auf diesem Bild? Im Symbol der Sonne, ihrer Rundung und ihrem Licht. Einheit, Energie, alles in allem? Gewiss auch, aber nicht nur. Er ist da auch im Bild des Berges, der einmal später bei Moses, bei Jesus, ein Gottesberg, ein Berg der Verklärung, ein Berg der Versuchung sein wird, und der auch heute für viele Menschen ein wichtiger Ort der Gottesbegegnung ist.

Er ist da in den Vögeln, die später einmal von Noahs Arche auffliegen werden, von denen Jesus sagen wird, dass man sie unter dem Himmel anschauen soll, und die zum Sinnbild werden für den heiligen Geist. Und ich denke, es gibt auch unter uns Menschen, denen manchmal Gott in den Vögeln begegnet, in ihrem Gesang, in ihrem Flug.

Er ist da im Baum, von dem später noch so viel in der Bibel die Rede sein wird, und in den Blumen auf dem Feld. Und er ist da in der Nacktheit, in der Körperlichkeit, in der Berührung sich liebender Menschen.

Nach chassidischer Lehre (und das war die Tradition im russischen Judentum, aus der Chagall kommt) gibt es nichts, in dem Gott nicht ist. Sünde ist Trennung und Zerstörung. Glaube ist die Ahnung ursprünglicher Einheit und der Weg der Heilung des Verwundeten, die Rückkehr zu Zärtlichkeit, zu Güte und Freude.

"In ihm und von ihm und zu ihm sind alle Dinge."

Die chassidische Mystik hat das immer gewusst. Im Lobgesang der Frommen in Chagalls Kindheit klingt auf, was am Anfang und am Ende der Bibel steht: In ihm und von ihm und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Etwas davon zu ahnen, zu spüren und zu sehen, leitet uns Chagall an.

Dazwischen ist ein langer Weg durch die Geschichte. Dazwischen ist Suchen und Verlieren, Sehnsucht, Verlassensein, Zorn und Schmerz. Und immer wieder: die Ahnung von der Gegenwart Gottes und das Leiden an seiner Ferne.

"Wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder: Wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott ihm vergelten müsste?"

Kain, Abel, Mose, Hiob und all die Gestalten zeigen etwas von dieser Spannung, der Sehnsucht nach Gott, und vom Leiden.

Marc Chagall hat die Geschichte Gottes mit den Menschen ins Bild gesetzt.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihnen dabei nicht jedes Bild in gleicher Weise nahe gekommen ist. Das muss auch nicht sein. Unsere Seele sucht sich schon die Bilder, die sie gerade braucht. Und das geschieht auch nicht immer bewusst, denn die Bilder korrespondieren mit den tiefen Schichten unserer Seele. Gerade weil unser Unbewusstes in Bildern denkt, ist ja die Begegnung mit Kunst in der Kirche so wichtig.

Da und dort mag es auch schlicht so gewesen sein, dass Ihnen durch das Betrachten der Bilder längst vergessene biblische Geschichten wieder in Erinnerung gekommen sind. Oder dass Sie auf Themen gestoßen sind, die ihnen bisher fremd waren. Und dass Sie Lust bekommen haben, im Buch der Bücher die eine oder andere Geschichte nachzulesen.

Glaube in Bildern - Bildmaterialien für unsere Seele.

Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie in den Tagen und Wochen der Begegnung mit Chagalls Bildern etwas von dem entdeckt haben, was Ihnen zum Leben hilft, etwas von der Tiefe, von der Weite, vonund dem Reichtum, vor dem wir stehen und sagen:

"In ihm, von ihm und durch ihn sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit."

Amen.


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